, 9. Januar 2016
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Liebe auf Duelldistanz

Es muss nicht immer Action sein. Im Gesellschaftsdrama «Das weite Land» von Arthur Schnitzler passiert fast alles nur im Reden. Am Freitag war Premiere am Theater St.Gallen.

Man gehört zur besseren Wiener Gesellschaft, spielt Tennis und trifft sich zur Sommerfrische in den Dolomiten, die Herren haben ansehnliche Berufe und noch ansehnlichere Affären, die Damen haben, mit Ausnahme von Schauspielerin Anna Meinhold-Aigner, keine Berufe und ebenfalls Affären. Ehe und Treuebruch, Verführung und Lüge: die Liebe als Gesellschaftsspiel. Ein Spiel, ja, wenns das wäre, sagt Doktor Mauer, der selber die junge Erna begehrt, aber «kein Freund von Herzensschlampereien» ist: «Ein Spiel, aber dann… dann ehrlich bitte!»

Dem Arzt und Autor Arthur Schnitzler war es mit dem «Spiel» seinerseits ernst, so ernst wie seinem Zeit- und Geistesgenossen Dr. Freud. «Das weite Land» ist eine dreistündige kollektive Psychoanalyse, deren Resultat für die Personen des Stücks allerdings verheerend ist: lauter Narben auf dem «weiten Land», das Seele heisst. Die Katharsis, die reinigende Wirkung erlebt hingegen das Publikum. Es geht ohne Moral, aber mit geschärftem Blick für die Tücken der Geschlechterverhältnisse aus dem Theater – Verhältnisse, die Fabrikant Hofreiter am Ende «endgültig klarstellt» dadurch, dass er den jugendlichen Liebhaber seiner Frau im Duell erschiesst.

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Liebeskonkurrenten: Matthias Albold und Luzian Hirzel, beobachtet von Danielle Green, Bart Soroczynski, Silvia Rhode und Christian Hettkamp.

Rede-Drama par excellence

Das erlebt man, wie vieles andere in diesem Stück, nur im Reden und nicht im Tun: indem Hofreiter seiner Frau Genia berichtet. Das weite Land ist ein Rede-Drama par excellence. Regisseur Tim Kramer nimmt es konsequenterweise beim Wort und inszeniert fast ganz ohne Action. Man steht und redet, man spricht wie beiläufig über das Banale wie das Ungeheuerliche.

Alle Kraft und Infamie und Wahrheit steckt im Text, und das kommt in St.Gallen an dank ausgezeichneter Diktion und intensiv minimalistischem Spiel – allen voran vom herausragenden Paar im Zentrum des Geschehens: Matthias Albold, der den Bösewicht Hofreiter mit so viel Charme spielt, dass man ihm fast alles verzeiht, und Boglarka Horvath als seine Gattin Genia, die ihm nichts verzeiht und das Debakel ihrer Ehe kalt durchschaut.

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Herrliche Berge, fliegende Briefe: Das Schlussbild von Teil I.

Karge Ausstattung

Um sie herum sammelt Kramer in der zweitletzten Inszenierung als St.Galler Schauspieldirektor fast das komplette Ensemble und propagiert noch einmal, was ihm seit je ein Anliegen war: Sprech-Theater, das diesen Namen wirklich verdient. Es kommt ohne Regiemätzchen aus, bis zur gelegentlich fast übermässigen Statik. Einzige Ausnahme ist ein Tiroler Folkloreeinschub am Ende des in den Dolomiten spielenden dritten Akts. Da bricht eine vielleicht lustig oder berglerkritisch gemeinte Wurstigkeit ein ins sonst subtile Kammerspiel der Emotionen – zum Glück bleibt es bei diesem einzigen Griff in die theatertherapeutische Mottenkiste.

Die Ausstattung ist ihrerseits reduziert auf zeittypische Kostüme (Natascha Maraval) und einen Nussbaumzweig, der bühnenbreit auf einem feinen Vorhang prangt und im zweiten Teil vertrocknet ist. Darunter: keine Couch, aber zwei Gruppen streng-eleganter Gartensessel. In sie setzt sich kaum jemand, und wenn, dann nie zu zweit – ein passendes Symbol der Vereinzelung der Liebeseinsamen. Gesprochen wird im Stehen, auf Distanz: Duelldistanz.

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«Wenn ich auch ein Ehemann bin, Genia, ich bin ja kein Trottel!» Matthias Albold und Boglarka Horvath.

Ein einziges Mal sind zwei Sessel von zwei Personen besetzt – im letzten Akt, wenn Hofreiter seiner Frau erzählt, dass er eben deren Geliebten im Duell erschossen hat. Im Moment der höchsten Entfremdung die grösste Nähe: Das ist ein kleines Regiekunststück in einem auch sonst klugen und bei allem Ernst immer wieder erheiternden Theaterabend. So wie es «Herzen gibt, in denen nichts verjährt», ist Das weite Land einer der Theaterklassiker, die auch in hundert Jahren nicht verjähren, nicht zuletzt dank solcher gemeisselter Einsichten ins komplizierte Seelenleben.

Bilder: Tine Edel

Nächste Vorstellungen: 20., 24., 29. Januar

theatersg.ch

 

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