, 30. Oktober 2013
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Linkes Denken im Doppelpack

«Was tun?» – Im Palace St.Gallen diskutierten gestern Theaterregisseur Milo Rau und WoZ-Journalist Kaspar Surber über linke Perspektiven.

Man kann sich gut amüsieren mit Milo Raus neustem Buch  (in Wahrheit: ein Büchlein, ideal für den Hosensack) mit dem Titel «Was tun?». Mit Lust denunziert der in St.Gallen aufgewachsene Theatermann den Utopieverlust nach 89 und das schlecht-und-rechte Sich-Arrangieren der linken Intellektuellen mit der kapitalistischen Dauerparty.

Das tönt im Buch dann etwa so: «Die ehemaligen dogmatischen Wortführer sind nun Popkritiker und Kultursoziologen, die andauernd neue minoritäre Musikrichtungen entdecken (die dann wieder vereinnahmt werden) oder Vorortschlägereien in kniffligen diskursiven Verfahren zu Protestbewegungen erheben und ihr Befreiungspotenzial untereinander vergleichen. In den langen, verständlicherweise leicht depressiv gestimmten Pausen dazwischen lamentieren sie über das Verschwinden des öffentlichen Raums und der politischen Fantasie – die zwar nicht verschwunden sind (den Gefallen macht ihnen der Weltgeist nicht), sondern von den Populisten okkupiert wurden.»

Die linke Intelligenzia in der Defensive, die realpolitische Kleinarbeit eine «Fricklerei»: Raus Diagnose fällt deprimierend aus. Einer war denn auch ausdrücklich «not amused»: Aus dem Publikum im gut besetzten Palace warf Hans Fässler Rau vor, mit seiner „Kritik der postmodernen Vernunft“ alle linken Anstrengungen der letzten 30 Jahre pauschal zu «erledigen».

Tatsächlich kann man sich an Raus süffisantem Ton stören, der die Genossen schon mal als «linke Türsteher» belächelt. Aber dass das Anliegen differenzierter ist, das kam im Podiumsgespräch zwischen Milo Rau und Kaspar Surber (auf dem Bild unter dem Palace-Banner von Klaudia Schifferle / Foto: Johannes Stieger) deutlich zum Ausdruck. Und nicht ganz so pessimistisch.

Rechts überholt

Erhellend war zum einen, woher Rau seine «Kritik der postmodernen Vernunft» herleitet. In seinen letzten Theaterarbeiten (Breivik-Rede, Moskauer und Zürcher Prozesse) habe sich gezeigt, dass die neueste Rechte mehr und mehr Ideen und Formate der Linken für sich vereinnahme. Breiviks „Kulturrassismus“ etwa gehe mit demokratischen und jugendlichen Positionen einher, und die russischen Neo-Orthodoxen seien so eloquent wie kapitalismuskritisch. Die Gegenseite habe dem nichts entgegenzusetzen; namentlich die Schweizer Linke stelle sich der Konfrontation mit rechts nur widerwillig und sei es müde, stets nur das «Echo des Rechtspopulismus» zu spielen. Linke Kritik sei zur «Pseudokritik» verkommen, systemerhaltend statt verändernd.

Eine mögliche, aber verspätete Analyse, fand Kaspar Surber; denn inzwischen sei die Rechte auf der Verliererstrasse, ihre Rezepte hätten sich (gerade etwa in der Flüchtlingspolitik) als untauglich erwiesen. Raus Kritik an der politischen Knochenarbeit stellte er das Lob der kleinen Schritte entgegen, exemplarisch dafür: die 1:12-Initiative oder der Kampf ums Botschaftsasyl. Rau führte seinerseits die Petition für das Ausländerstimmrecht ins Feld, die aus seinem St.Galler Theaterprojekt «City of Change» resultiert hatte – politisch folgenlos, aber symbolträchtig und unverfroren in der Haltung: He Leute, Widerstand ist möglich.

Die Dinge verhandelbar machen

Das war, zum andern, das klärend Gemeinsame dieser Diskussion: Es geht um die kleinen Schritte, aber hinter ihnen müsse ein grösseres Ziel stehen – so wie hinter 1:12 die Frage der Verteilungsgerechtigkeit steht. Mit einer «Quartierperspektive» (Rau) sei es nicht getan. Linkes Denken gebe es nur doppelt, Anarcho und Realo müssten gemeinsam ran, die Linke brauche einen neuen «unrealistischen Realismus»: So steht es in Raus Essay, mit Berufung auf Lenin.

Ein «besserer Realismus» gegen den platten rechten Populismus: Das hiesse, die Wirklichkeit an der Vision einer richtigeren, gerechteren, humaneren Welt zu messen. Es hiesse, die postmoderne Dekonstruktion zu ergänzen mit Re-Konstruktion. Auf Milo Raus Arbeitsgebiet, das Theater bezogen, hiesse das: Theater, die Kunst überhaupt als Mittel zu verstehen,Widersprüche zu benennen und die Dinge neu verhandelbar zu machen. Oder im Journalismus, so Kaspar Surber: jene zu Wort kommen zu lassen, die sonst nie eine Stimme erhalten.

Ein schönes Schluss-Stichwort: Handlungsspielraum. Der bessere Realismus ist dann erfolgreich, wenn er sich solche Spielräume erkämpft und verteidigt.

 

Milo Rau: Was tun? Kritik der postmodernen Vernunft, Verlag Kein & Aber, Fr. 9.90.

1 Kommentar zu Linkes Denken im Doppelpack

  • Andreas Niedermann sagt:

    Wie erfrischend – und ein wenig traurig auch -, neben all dem Velo- und Fußball- und Freiraumraum-Lamento, wieder mal das Gefühl zu haben, leider, leider etwas verpasst zu haben …

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