Es ist ein länglicher und meist schattiger Platz auf zwei Ebenen, eingeklemmt zwischen Häuserzeilen und einer viel befahrenen Strasse. Auf dem oberen Plateau, dem Blumenmarkt, können zehn Autos parkieren. Auf der grösseren Fläche, dem Gemüsemarkt sind es 22. Diese Woche hat nun die Stadt mitgeteilt, dass all diese Parkplätze aufgehoben werden.
Nicht sofort, sondern schrittweise. Spätestens bis Ende Jahr wird es soweit sein: Der St. Galler Marktplatz ist autofrei.
Ja und? Dies könnte man sich zu Recht fragen – aber nur, wenn man nicht in der Stadt St. Gallen lebt.
14 Jahre Marktplatz-Parkplatz-Streit
Um den Marktplatz und die dort geplante Tiefgarage hat sich in den letzten vierzehn Jahren die zentrale politische Auseinandersetzung in dieser Stadt abgespielt.
Es hätte sicher würdigere Themen gegeben. Etwa die Sozialpolitik. Aber in St. Gallen war es nun einmal der Streit um ein paar Parkplätze auf einem eher unansehnlichen Platz.
Alles begann 2004, nachdem das Stadtparlament einen Kredit von 1,9 Mio. Franken für eine Neugestaltung des Marktplatzes gesprochen hatte.
Es folgte eine Machtdemonstration der bürgerlichen Vertreter der Gewerbekreise, die im Stadtrat mit 4:1 regierten. Ihr zentrales Projekt war der Bau der Tiefgarage Schibenertor. Sie foutierten sich um den damaligen Konsens, der lautete: Parkgaragen nur noch an der Peripherie der Innenstadt.
Seither gab es diverse Abstimmungen und dreimal Wahlen.
Je länger die Parkplatzfrage auf dem Marktplatz ungelöst blieb, desto mehr bröckelte die Macht des bürgerlichen Blocks. Inzwischen ist der Stadtrat – zumindest bei Fragen der Verkehrspolitik – im Verhältnis von 4:1 links-grün. Im Stadtparlament gibt es je nach Thema eine hauchdünne Mehrheit.
Die Folge davon: Die Tiefgarage wird nicht gebaut. Die Parkplätze verschwinden.
Ein neuer Wettbewerb
Für den früheren Stadtrat Nino Cozzio (CVP) war noch klar, dass die Abstellflächen für Autos erst dann aufgehoben werden, wenn der Platz neu gestaltet wird.
Stadträtin Sonja Lüthi (GLP) kündigte letzten Dienstag das Ende des Parkierens an. Ein Ende des aufwendigen Prozesses für die Umgestaltung des Marktplatzes ist aber noch nicht abzusehen. Nächste Woche wird dazu ein offener Wettbewerb gestartet. Bis im Herbst können Vorschläge eingereicht werden.
Oder noch deutlicher: Auf dem Marktplatz, sowie in der Engel- und der Metzgergasse werden insgesamt 51 Parkplätze aufgehoben. Sie sollten eigentlich mit dem Ausbau des Parkhauses UG25 am Unteren Graben kompensiert werden. Letzte Woche wurde ein unerwartetes Manöver der Investoren bekannt. Damit wird sich der Umbau um ein weiteres Jahr verzögern. Die Eröffnung ist nun erst für 2021 vorgesehen.
Das heisst verkürzt: Aufhebung jetzt, Kompensation später. Thema abgeschlossen.
Aber natürlich hören die Diskussionen nicht auf.
Die Stadt als Lebensraum – aber welcher?
Bei den Auseinandersetzungen um die Parkplätze ging es immer auch um die Frage, wie sich die Stadt als Lebensraum entwickeln soll. Sie befindet sich im schwierigen Wandel von der Shopping-City – «Chomm mer gönd go lädele» – zur Erlebnis-, Kultur- und Freizeitmetropole.
Die Bars und Klubs gewinnen, die Läden in der Multergasse verlieren.
Am Blumenmarkt wird die neue Bibliothek entstehen und den kleinen Platz prägen. Gastrobetriebe werden ihre Bedürfnisse anmelden. Irgendwann kommen neue Marktstände – oder eine Markthalle.
Künftig Bushaltestelle statt Parkplatz? Der Marktplatz, Nordseite.
Die sogenannte «Aufwertung» von Engel- und Metzgergasse beginnt 2019. Gemeint ist die Pflästerung der beiden Strassen. Braucht es mehr? Oder ist schon das zu viel?
Für die zentrale Frage der Stadtentwicklung wird es bald neue Brennpunkte geben.
An den Lösungen wird von nun an die – je nach Thema – links-grüne Mehrheit in Stadtrat und Stadtparlament gemessen werden.
Der Stadtrat schiebt die Neugestaltung des Marktplatzes auf die lange Bank. Zuerst soll ein partizipatives Verfahren die Anforderungen klären. Vor 2018 wird sicher nicht gebaut. Wollen die St.Gallerinnen das so? Wohl kaum!
Die Bauchefin tritt in den Ausstand, wenn über die Marktplatz-Tiefgarage entschieden wird. Was ist mit Nino Cozzio?
Das Regionaljournal berichtet über die Tiefgarage unter der Fachhochschule. Sie ist ein bisschen leer.
Die Tiefgarage unter der Fachhochschule steht ziemlich leer. «Saiten» weiss, wie leer
Das Stadtparlament hat am Dienstag zwar der Marktplatz-Vorlage zugestimmt. Doch die Parkplätze sollen noch lange nicht aufgehoben werden. Wegen der Gewerbler.
Der Stadtrat ändert seine Meinung, will das Ganze aber noch verbrämen.
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