, 28. März 2014
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«Literarische Topqualität»

Heute beginnt das «Wortlaut»-Festival. Warum man unbedingt hingehen soll (III): Joachim Bitter im Gespräch über das literarische Programm.

Joachim Bitter, sind die Autoren-Namen am Wortlaut-Festival Ihre persönliche Wahl?

Wir haben natürlich über die Namen gesprochen. Jens Steiner zum Beispiel wurde von Richi Küttel vorgeschlagen – dass er danach mit «Carambole» gleich den Schweizer Buchpreis gewinnen würde, war ein Glück. Oder Marion Poschmann: Auch sie hatten wir schon im Juni engagiert, bevor sie es auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis geschafft hat und schliesslich den Wilhelm-Raabe-Preis gewonnen hat.

Sind Ihnen solche Preise wichtig?

Es ist schon wichtig, Autorinnen und Autoren mit Renommee am Festival zu haben, weil das Programm insgesamt sehr gemischt ist, mit Spoken Word, Slam und Comics. Deshalb die Programmschiene mit dem Titel «Luise»: Sie bietet klassische Autorenlesungen, Literaturpreisträger und Entdeckungen. Zu den letzteren zählt etwa Bettina Spoerri mit ihrem Erstling «Konzert für die Unerschrockenen». Sie ist als Journalistin und Organisatorin eine bekannte Figur. «Wortlaut» braucht solche Persönlichkeiten.

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Jagoda Marinić

Wie international will «Wortlaut» sein?

Schwerpunkt ist die Schweiz, daneben die deutschsprachige Literatur. Wir sind nicht die LitCologne, die einfach so noch drei Amerikaner einladen kann. Dazu fehlen uns die Mittel, Berlin oder Wien sind das Maximum. Aber es gibt auch so viele Autorinnen und Autoren zu entdecken. Markus Ohrts etwa mit seinen virtuosen Storys liest zum ersten Mal überhaupt in der Schweiz. Oder Jagoda Marinić, die kroatisch-deutsche Autorin von «Hotel Dalmatia».

Keine Qual der Wahl bei den vielen guten neuen Büchern?

Doch – am Ende versuche ich das Programm so zu bündeln, dass es «funktioniert». Das heisst vor allem: Wir suchen Texte, die sich für eine Präsentation in einer Dreiviertelstunde eignen. Zoë Jenny zum Beispiel schreibt kurze flirrende Texte, Christoph Keller hat mit «Übers Meer» einen sehr politischen Roman geschrieben, oder Silke Scheuermann: Das ist eine reine Lyriklesung. Hinzu kommt ein weiteres Kriterium: Die Autorinnen und Autoren müssen bühnentauglich sein.

Was heisst das?

Wer ungern öffentlich auftritt, ist für einen solchen Anlass nicht geeignet. Früher hätte man vielleicht gesagt: Das ist alles bloss Show, wichtig sind die Texte. Heute sehen das auch die Verlage anders. Die Bereiche Marketing und Lektorat sind in Verlagen heute fast gleich wichtig. Autoren müssen das ganze Jahr über im Gespräch bleiben.

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Lukas Bärfuss

Finden Sie diese Entwicklung gut?

Literarische Seite und Verkaufsseite: Das wird ein Dauerkonflikt bleiben. Aber es wäre aus meiner Sicht falsch, Marketing bloss zu verteufeln. Die beiden Pole müssen ausbalanciert werden – das gilt nicht nur für Verlage, sondern auch für ein Festival wie «Wortlaut». Es gibt im Programm Lautes und Leises – natürlich profitieren auch wir vom Medienecho und von der Prominenz von Autoren wie Lukas Bärfuss oder Alex Capus.

Ostschweizer Stimmen finden sich, abgesehen von Dorothee Elmiger, nicht im Hauptprogramm, sondern «nur» in der Kurzlesereihe «Open Mic». Warum?

«Wortlaut» kann nur Bücher präsentieren, die aktuell auf dem Markt sind. Am liebsten hätten wir natürlich zwei, drei Elmiger im Programm – aber ausser ihr hat sich aus der Ostschweiz niemand angeboten.

Es gäbe schon hiesige Autorinnen mit aktuellen Büchern: Andrea Gerster, Lisa Elsässer, Helen Meier, Erica Engeler…

Das war zum Teil im Zeitpunkt des Programmierens noch nicht bekannt. Wir wollen auf jeden Fall auch die einheimische Literatur pflegen. Das Literaturnetz Ostschweiz der Gesellschaft für deutsche Sprache und Literatur (GdSL) ist dafür eine gute Plattform, ebenso das «Open Mic» am «Wortlaut»-Samstag in der «Stickerei» – ich finde das einen sehr attraktiven Ort. Aber wir können nicht Autorinnen oder Autoren lesen lassen, nur weil sie aus der Ostschweiz kommen – sondern sie müssen etwas Aktuelles zu bieten haben.

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Joachim Bitter

Was sind Ihre Favoriten im Programm?

Marion Poschmann oder Silke Scheuermann, Bärfuss oder Capus: Was ich hier in Händen  habe, ist literarische Topqualität, die man auch in Leipzig oder an anderen grossen Festivals hören kann. In den fünf Jahren zuvor hat «Wortlaut» sicher zum Teil auch Superveranstaltungen geboten, daneben aber auch allerhand Beliebigkeit. Das wäre auf Dauer nicht tragfähig gewesen. Der Neuanfang mit einem kuratierten Programm war für uns alle ein Abenteuer – ich bin zuversichtlich, dass der Weg richtig ist.

28. bis 30. März, diverse Orte in St.Gallen

wortlautsg.ch

 

 

1 Kommentar zu «Literarische Topqualität»

  • Andreas Niedermann sagt:

    Nicht schlecht, wie es hier ein „Kurator“ versteht, sich in Szene zu setzen, und so zu tun, als wäre es eine echte Leistung „literarische Topqualität“ (was immer das auch sein mag) an ein Literaturfestival zu bringen. (Alex Capus hat auch im „Birli“ in Wald gelesen. Vor 10 Leuten.) Autoren lesen dort, wo man sie dafür bezahlt. Auch in St. Gallen.

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