, 9. Juli 2016
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Literatur mit Köpfen genagelt

Das 21. Literaturfestival im Kurort Leukerbad war zum Glück mehr transnational als international, und geizte weder mit Highlights, Inspiration noch mit Humor. Särge nagelt man woanders.

Mustafa Al-Slaiman (links) und Ali Ahmad Said, bekannt als Adonis (Bild: pd)

Im walliserischen Leukerbad findet ein Literaturfestival statt, hieß es. Gehts doch da hin, dachte es. Schreibts doch einen hübschen Bericht, plante es. So findet man sich Donnerstagnachmittags wieder, für füfzgfrankänünzg unterwegs vom Kackwetter-Tsüri in den Kanton mit der fünften Landessprache, den man dank tunnelbohrgeilen Hobbits in unglaublichen zwei Stunden erreicht. Bergsommer ist die Jahreszeit, mit der man Flachlandwinter am besten ersetzen würde. Also eine ziemlich schräge Sache im Sommer. Allerdings gereicht dieser anscheinend zu recht glücklichen Trauben, welche die Talwände dominieren.

Kuren in der Felswanne

So eine Talwand müssen wir mit dem Car irgendwie hoch, um da oben in ein weiteres Tal einzudringen. Zum Glück ist der Chauffeur nicht betrunken, unglücklich verliebt, wahnsinnig, unpässlich, beleidigt, hässig, grundsätzlich böse, suizidal, oder sonstwie exorbitant. Kein Wunder, dass der Zimmersbursch aus Nazareth hier von einschlägigen Fans noch immer als sinnvolle Freizeitbeschäftigung propagiert wird. Ein Berliner Gast des Literaturfestivals versucht zwei Models aus der Ukraine die Landschaft zu erklären, bricht aber ab: irgendwie sorgen wir uns alle mehr über die Frage, ob der verdammte Bus schon bei dieser Haarnadelkehre kippt.

Das etwas beschränkte Konzept Rottanne regiert die unmittelbare Umgebung, die man sich vorstellen kann als invertierten Kapuzinerkopf, will heissen: eine Art Felstrichter eingeschnitten einzig Richtung Zivilisation, der im übrigen aus etlichen obskuren Löchern tropft, aus unbekannten Gründen mit diesem unverwüstlichen Nadelgemüse bis zur Hälfte garniert. Von der hier oben lesenden Zsuzsanna Gahse kann man noch weitere Termini zur Lagebeschreibung lernen, so sammelt diese in ihrem «Kaleidoskop» des Urbanen Jan, Janka, Sara und ich großartigste «Schluchtwörter» wie Gruft, Grotte, Kluft, Kuhle, Grube, Graben oder Schlund, Chrachen, Rachen, Gurgel, Kerbe, Spalte, Delle.

Läden gibts ganz normale in der Leukergurgel, allerdings bezahlen die Leute im Migros ohne jemanden zu irritieren mit richtig großen Noten, was beim Tageseinkauf über 200 Stutz vielleicht Sinn macht («sibehundertzweievierzig zrügg für üch»). Den Rest kann man nachher da ausgeben, wo normalerweise ein «un-pour-tous»-Denner hingehört: die Vinothek neben dem Supermarkt hat so ziemlich alle Tropfen von Rang und Namen im Angebot. Mein Bauch ist allerdings kein Fonduetopf, daher verzichte ich auf Fendant. Leicht perplex verhökert die Sommelière auch einen Tenpack «Bière Valaisanne», und erwähnt mangels smalltalk über Bouquet und abgängigem Fruchtsalat, dass dieses «eben das Wallisser» sei. Sup’r tankä fidersee.

Que sera, sera; whatever the fuck will be

Statt Massenbefriedigung im gaggibraunen Sittertobel also Weltpoesie und -Literatur mit Kurluft, die Stille subversiv unterwandert von Wasserfall-Ambient-Groove und einem etwas doofen Ländlerbass einer Konservenpolka, welcher mutmaßlich der Pizzeria-Römerhof entkriecht und von übermotivierten Holzlöffeln flankiert zu werden müssen scheint. Dazwischen schleicht sich ein partisanisches «fischia il vento», was schon eher zu den teilweise sehr politischen Autor*innen passt, die ihren Weg in diesen Alpencanyon gefunden haben. Dann wieder banjomalträtierende Quarkpampe und que sera, sera; whatever the fuck will be. Und später, nicht völlig unerwartet: Rauch auf dem Wasser von Tiefviolett extralaut.

Die Vierquadratcentimeter-Brandwunde auf der Schreib-Pfote verheilt in nahezu sichtbarem Tempo, das «cura» in «Kurort» geruht also auf mirakulöse Weise auf einer gewissen Ernsthaftigkeit zu bestehen. Freundlich von der wundersamen Bergluft, der zu Ehren ich mit heftigem Zigarrettenrauch auf dem Hotelbalkon mein bescheidenes Opfer darbringe.

Einige schnüsige Dorfgangsters lungern währenddessen vor dem Hotel rum, tauschen sich aus in einer für Üsserschwyzer unverständlichen Sprache, und drehen später mit ihren Motocrossmühlen drei naheliegende Runden um die von der Rezeptionistin sogenannten «Bahnhofstraße» (einmal Busbahnhof + zwei Beizen + lebensrettender Kiosk). Derweil duellieren sich in Massilia die Lackaffen Lewandowski und Ronaldo anlässlich kultureller Niedergänge, welche hier oben erfreulicherweise einigermassen unbemerkt bleiben. Beim Penaltyschiessen gibts dann aber doch Geräusche im Dorf: einige scheinbar aufgeklärten Subjekte bejubeln mit dem isländischen Haka-Verschnitt (Huh!) die portugiesischen Töpfe und Blaszczykowskis Scheitern.

Große Namen und Materialien

Situation Frühstücksbeschaffung: «Darfech üch um iru Zimrnümero bitten?» – «vier-null-vier!» – System error? Nope, Tatsache. Ich residiere in der Dreizehn des Internetzeitalters. Die Kaffeetasse darf man mit aufs Zimmer nehmen, die «Putzfrou» kommts später holen. Hab mich auch schon weniger grenzdebil gefühlt. Warum das Konzept des Übermenschen scheiße ist, wird Pankaj Mishra dann im Interview erklären. Der indische Schriftsteller kommt erst Freitagabend um 22:30 an, die Interviewplanung des Festivals verspricht sich asap per SMS zu melden. Adrian Haut, der Kommunikations-Verantwortliche des Festivals, scheint überhaupt die ganze Nacht durchzuarbeiten.

Währenddessen ist noch immer unklar, ob Sargnagel den Bachmannpreis abgeräumt hat oder nicht. Wenn das gelingt, organisier ich eine Hupe und renne drei Runden um den Dorfplatz.

Eins muss man der preislich und geographisch nahezu unerreichbaren Geschichte lassen: Literatur passt gut hierhin. Da Schreiben ziemlich viel mit «Pflege, Sorge, Heilung, Kuratieren, usw.» zu tun hat, sollte es fairerweise ausschließlich in solchen Kurorten ausgeübt werden müssen. Pedro «dr Goalie bin ig» Lenz hängt zwei Stühle neben dem größten Dichter der arabischsprachigen Welt, Adonis, im sonnigen Gartenrestaurant des Hotel de France: ein bezauberndes Bild eines voltaireschen El-Dorados, der wirklich besten aller möglichen Welten. Schade müssen wir diesen andersartigen Ort so bald wieder verlassen. Der Erfinder des Goalies musste gestern auf der literarischen Wanderung lesen, unterbrochen nur vom neuesten walliser Alpsegen «dr Lenz ish da, trallala», dies raunen zumindest die Bergeister.

«Oh Weg, der zu beginnen nicht versteht»

Die programmatischen Superlative jagen sich: «ein persönliches Highlight!» freut sich eine Besucherin nach Adonis‘ erster Lesung, wobei man das «persönlich» wegkürzen könnte.

Der 86 (!) jährige Dichter Ali Ahmad Said, weltbekannt unter dem Namen «Adonis», liest im Salon des Hotel Les Sources des Alpes, ein richtig nobler Tempel mit Cognacbuffet neben dem Eingang, und im übrigen bumsvoll innert kürzester Zeit, das Highlight wollen alle sehen. Thema ist nicht nur die ewig nobelpreisverdächtige Poesie des Altmeisters, sondern auch das friedliche Zusammenleben, das gerade so vielen Menschen zwischen Damaskus und Baghdad verweigert wird. «Oh Weg, der zu beginnen nicht versteht»: Der Dichter ist bezüglich seiner Heimat Syrien radikal pessimistisch, und hofft zugleich bedingungslos: Man versuche das mal gleichzeitig und so konkret zu denken! Stoff der zum Nachdenken zwingt. Seine oftmals kritisierte unentschiedene Haltung gegenüber dem Assad-Regime thematisiert er in der kurzen Zeit nicht, stellt aber klar, dass Religion zwar früher allenfalls denkbar, heute jedoch garantiert keine Lösung mehr ist.

Adonis lässt es sich nicht nehmen, bei Mittagsonne in der Gartenbeiz neben einem kurzen Valaisanne mit dem übersetzenden Schauspieler Thomas Sarbacher (böser anarchistischer Osterhase im zweitletzten Falke & Lorenz-Tatort) Lagebesprechung zu halten. Ein Held, könnte man sagen. In dieser Bezeichnung steckt beiderlei: Ein nahezu autoritäres Setup, dies primär wegen dem vorauseilend fragenden Moderator und Übersetzer Mustafa Al-Slaiman, und darüber dem aurabehaftetem Auftritt, wie ihn Sonnenkönige gerne hingelegt hätten. Und doch ist er ein Kopf, der in einer hässlichen Welt schöner denkt, zum schöner-denken anregt, dazwischen glasklar argumentiert, und eine Lyrik erschafft, welche, inbesondere wenn er sie selbst liest, in allen Feinabstufungen zwischen verspielter Leichtigkeit und orchestraler Wucht changiert. Das sind keine toten Buchstaben auf Papier, sondern Musik – komponiert für tausend Virtuose.

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Dragica Rajčić ist sehr wahrscheinlich die coolste Person der Welt. Sie boxt mal kurz ins Mikrofon «muss erst Mikrofon testen! – Oki, höre mich», bevor sie dem Moderator antwortet. Die brillante, tiefgründige und extrem schön formulierende Lyrikerin erlaubt sich seit etwa dreissig Jahren die Eigenheit (die sie sonst im Leben tatsächlich mit vielen gemeinsam hat), auf orthografisch korrektes Deutsch zu verzichten. Sie spricht gewissermaßen aus dem Dazwischen, daran erinnernd, dass identitäre Reinheitskonzepte auch in der Sprache keine Allgemeingültigkeit haben sollen.

Das Leben findet ohne Polizei am ehesten zur schönen Entfaltung, warum also sollte ein Gedicht der Sprachpolizei unterliegen? In ihrem Buch von Glück finden sich passend dazu folgende Zeilen: «haben Recht / auf / Unrecht durch / das / Ausländerrecht».

Rajčić liest unter Anderem aus ihrem im nächsten Jahr erscheinenden ersten Roman Liebe um Liebe, und unterbricht plötzlich: «Jetzt muss ich passen, ich habe die Fortsetzung irgendwo, aber nicht grad hier». Die passagenweise sehr tragische Geschichte, handelnd während dem Jugoslawienkrieg, mit nahezu absurden Sexszenen dazwischen, ist dazu noch reich an Humor und wunderschönster Ironie. Diese sei im Ostblock alltäglich gewesen, in der Schweiz aber «glauben die Leute plötzlich was ich sage»: wirklich ein «Kulturunterschied», wie die Autorin schwer ironisch festhält.

Postkolonialität und andere Repräsentationsformen

Mit den beiden Themenblöcken zu Reportage und Essay trifft die Veranstaltung den Nerv der Zeit, und laut Festivalleitung auch auf reges Interesse. Anders als die NZZ gutbürgerlich rumeiert, geht es bei der Essay-Form nämlich längst nicht nur um eine akademische Rebellion der 70er-Jahre, die zum Standard geworden wäre. Essays zu publizieren ist, wenn dann ein Privileg von arrivierten Top Shots der bürgerlichen Presse oder namhaften Intellektuellen wie Lukas Bärfuss oder Jonas Lüscher, welche dann im Feuilleton zwischendurch provozieren dürfen. Essay hat sich als Methode des Denkens und Forschens niemals durchgesetzt, geschweige denn als bezahlte Kategorie. Dazu würde dann doch ein bisschen mehr gehören, auch im Feuilleton der «alten Tante».

Ähnlich verhält es sich mit der Reportage, die immer wieder nahtotbefürchtete journalistische Königinnendisziplin. Darüber debattieren neben anderen in der kapellenartigen Galerie St.Laurent moderiert vom «Reportagen»-Herausgeber Daniel Puntas Bernet der Fotoreporter Daniel Schwartz und der Essayist, Reporter und Schriftsteller Pankaj Mishra, der allein schon Grund genug gewesen wäre, dieses Festival zu besuchen.

Daniel Schwartz weigert sich, die alte Liebe totzusagen, weil: man komme mit einer schlauen Thesis daher, dann könne man auch weiterhin verkaufen. Mishra, der im Exklusiv-Inti mit Saiten einige denkwürdigen Anmerkungen zum Thema macht, widerspricht schon hier deutlich: Es kann nicht darum gehen, der amerikanisch/britischen Tradition des Journalismus nachzutrauern, übersetzt: Reportage kann auch Tropenhelm, Chauvinismus und mediale Kolonial-Gewalt bedeuten. Der koloniale Blick muss heute tatsächlich nicht noch subventioniert werden.

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Sogar Hasler-Etrit zieht durchs Dorf, er moderiert später den Nachmittag im alten Bahnhof, wo Lyrikerinnen im Zentrum stehen, darunter auch die im Thurgau wohnende Zsuzsanna Gahse. Diese spricht hier für eine allseits vergessene und sträflich ignorierte Minderheit: die Feind*innen von Bergen. «Die Alpen sind ein junges Gebirge, und daher zu übermütig»: Wahre Worte, nur wissen das viele nicht. Diese Steinhaufen sollen erstmal anständig «verwittern». Hasler moderiert die Ladies mit Boygroupcharme: etwas Chuzpe als Geste und wenn da Bartstoppeln sind, werden diese überpinselt. Schwer in Ordnung sind jedenfalls die sehr zuvorkommenden Worte, die er für die Literatinnen findet.

Männerdomäne Literatur

Auch punkto Unterhaltung hat der Grandslam-Profi einen starken Aufschlag, ein echter Gewinn an Lebendigkeit fürs Festival. Damit werden zwei Vögel mit einem Stein erschlagen: ein beiläufiger Übergang ins Performative unterwandert die übliche Präsentationsform, und die einstige Männerdomäne Literatur wird von der Programmleitung mit sehr geschickter Hand gebrochen.

Das kleine bisschen Rebellion ist also gewollt. Allerdings sind sonst fast gar keine männlichen Wesen im Raum: von den ganzen älteren Herren keine Spur, die gestern amüsiert grinsten, als Wiktor Jerofejew auseinanderlegte, wie das Leben einer jungen schönen Frau mit rotem Stringtanga von Koinzidenzen abhängt (dass dazu auch sexuelle Gewalt zählen kann, flechtet er erschreckend zweideutig grad noch ein).

Item, die Herren Literaturfreunde hätten am Lyrikerinnennachmittag Humor abgekriegt, ohne über die Grenze des Geschmackslosen hinwegkalauern zu müssen. Wo man mit übertriebenem Wohlwollen die Tradition des schwarzen Humors bemühen könnte, geht es nüchtern betrachtet um einfachste Repräsentationskritik: Die Schicksale junger Frauen sollen Frauen erklären, männliche Schreibkünstler und deren anmaßende, höchstens pathologisch interessante Interpretation der Subjekte ihrer Begierde gibt es in der Literaturgeschichte bis zum Überdruss.

Abgesehen von dieser ungeschickten Passage ist Jerofejew jedoch sehr unterhaltsam, er reiht sich, ohne sich ducken zu müssen nahtlos ein in die russische Tradition, politisch Haarsträubendes durch psychoaktive Dosen surrealistischer Ebenenverschiebungen und Assemblagen widersprüchlicher, doch nebeneinander gültiger «Wahrheiten» zu vermitteln. Der Autor hat seine gogol’sche Lektion gelernt und übt sich in bulgakowscher Kritik an den herrschenden Verhältnissen Russlands: Akimuden (eine fiktive Bezeichnung für Pellkartoffeln und für ein Land, das Russland angreift), ist ein Buch, das man unbedingt lesen sollte, wenn man und frau sich auch, wie gesagt, an einigen Stellen festhalten muss. Vielleicht sollte man diese auch einfach überspringen.

Zugänglichkeit in Sprache und Lebenslage

Unsicher bleibt, ob Sargnagel, da sie den Publikums-Bachmannpreis inzwischen souverän ergatterte, auch eingeladen würde ans Literaturfestival im Leukerbad. Unsicher allerdings auch, ob dies unbedingt notwendig wäre. Denn: das Programm war perfekt. Facebookstatusmeldungspoesie verliert an Sensationswert, wenn man Rajčić zuhören kann, und die politische Brisanz von Adonis, Bärfuss, Mishra und sicherlich auch der krankheitshalber abwesenden «Skandalautorin» Shumona Sinha übersteigt diejenige der jungen Wienerin um Welten, auch wenn diese löblicherweise gerne an Identitären-Demos Fahnen klauen geht.

Die Adjektive jung und prekär fehlten auch nicht zwingend im Programm, sondern wenn dann eher im Publikum. Bei einigen hundert Franken nur für Festivalpass, Übernachtung und Reise, ist das nicht überraschend. Die Frage wäre, wie man die exklusive Elfenbeinhochplateaumulde zumindest beschränkt öffnen könnte: vielleicht würde ein Festivalzeltplatz helfen, vielleicht ein Kontingent von Interessierten, vielleicht ist das auch einfach Bullshit.

Hochkultur, hier «hoch» wegen Höhenmetern und wegen dem Niveau, darf auch in intimen Kreisen mit höherem Alter stattfinden. Und: «jung» kann auch ein Synonym für «scheiße» sein. Allerdings könnte man sich tausend junge Leute vorstellen, denen zum Beispiel Adonis‘ Stimme gut tun würde. Und eben, ein wenig sargnagelnder Anarchismus dürfte eigentlich überall zum Pflichtprogramm gehören.

Einheitsgagen für die Lesenden

Untröstlich verbleibt man darüber, dermaßen viele gute Stimmen verpassen zu müssen. Bei einem Festival, das laut Depeschenagentur ausnahmslos allen Lesenden dieselbe Einheitsgage bezahlt, ist das natürlich ein Qualitätsbeweis. Da ist absolut nichts im Programm, das man freiwillig auslassen wollte. So verpasse ich beispielsweise Benedict Wells, Anne Carson, Youssef Rakha und Lukas Bärfuss, wegen ambivalenten Favorisierungen, die allesamt nahe am Unentschieden entlanggingen.

Dass die große Frage der Übersetzung so prominent diskutiert wird, dies in programmatischer Absicht, sich in Richtung Italienisch und Französisch zu öffnen, zeigt das in den walliser Alpen beheimatete Festival von einer sehr europäischen Seite. Keine Problematik ist größer auf diesem Kontinent als die der (fehlenden) Übersetzungen, und gerade von Seite der Literatur liegt darin eine riesige Chance: Die transnationale Arbeit an politischem Bewusstsein ist keine, die mit Copy/paste-Journalismus erledigt werden kann. Gerade die (warum nicht auch subjektive) geduldige und sorgfältige (dies wieder im vielfältigen Wortsinn der «cura») literarische, essayistische und poetische Suche nach Alltäglichem, Differenzen und Gemeinsamem ist es, welche diese immens wichtige Rolle zu spielen hat. Dass von Seiten rechtspopulistischer Nationalist*innen immer zuerst die Kulturbudgets sabotiert werden, hat eine klare politische Logik und einen äußerst unheimlichen Zweck.

Dank dem spontanen Entschluss, hier hoch zu reisen, wurde unverhofft das Kunststück geschafft, vom diesjährigen Tsürifest rein gar nichts mitzukriegen. Dank Mishra gehen einem Türen auf, das Politische globaler zu sehen, und die riesengroße Unbekannte China optimistischer und auch kritischer anzugehen. Dank Rajčić wird einem klar, dass Gegenwartspoesie an Lebendigkeit und Relevanz nicht zu überbieten ist. Und Adonis haut einem eine ästhetische, zeitliche und kulturelle (lebensweltliche) Transversale um die Ohren, die man auch bei einem solchen Headliner niemals erwarten würde. In diesem Sinne hat das Literaturfestival den ganz großen Jackpot ausgeschüttet, und steht damit sehr singulär da in der Landschaft der vielen Festivals, die man die ganze Zeit besuchen könnte.

Kommt man, trotz kritischer Haltung und notorischer Nörgelei zu einem solchen Schluss, muss man 2017 wieder hin, wenns auch unkomfortables Zeltstadtbewohnen bedeuten würde.

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