, 5. Mai 2017
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Lob des offenen Ateliers

5ünfstern, die Aktion «Offene Künstler-Ateliers», geht in die zweite Runde: Am 6. und 7. Mai öffnen rund 150 Kunstschaffende in den Kantonen St.Gallen, Thurgau und beiden Appenzell ihre Räume. Letztes Wochenende war die Stadt St.Gallen dran.

Was ist das Atelier? Ein Ort der Freiheit, sagt Lika Nüssli. Hier gebe es kein Internet und komme kein Telefon – das mache den Kopf frei für konzentriertes Arbeiten. An ihrem Atelier im 4. Stock der Hauptpost, vom Kanton günstig vermietet, schätzt die Zeichnerin zudem, dass der Raum hoch und roh ist und strapaziert werden kann.

Auf dem gleichen Stock hat Iris Betschart seit kurzem ihre «graue Zone» eingerichtet: ein Wunderland mit Nähutensilien, Nähmaschine, Materialien aller Art, Schachteln mit Aufschriften wie Krimskrams, Kordeln, Schnallen oder Murmeln, Notizheften, Fotos. Das Atelier mache es ihr möglich, «in meinen Dingen drin zu sein» – und dies wenn immer möglich jeden Tag.

Annina Thomann hat in ihrem Raum in der Reithalle einige der gequetschten Ziegelsteine aufgestellt, denen momentan ihr künstlerisches Interesse gilt und die sie ab 1. Juni im Lagerhaus zeigen wird in ihrer Werkbeitrags-Ausstellung unter dem schlichten Titel «to build». Das Atelier sei als Werkraum zentral – «eine Insel,  in die ich mich zurückziehen kann». Die Ziegelsteine entstehen allerdings nicht hier, sondern in einer Ziegelbrennerei.

«Materialeigenschaften herausfordern», das ist, was sie interessiert und worüber das Publikum in ihrem Atelier Überraschendes erfährt – etwa dass Stoffe ein Materialgedächtnis haben, das sich für den künstlerischen Prozess fruchtbar machen lässt. Oder dass die Arbeit mit Keramik eine ausgezeichnete Übung in Entschleunigung sei – wenn man pressiert, geht es schief.

Durchwegs positiv äussern sich auch andere in der Reithalle einquartierte Kunstschaffende. Die Ateliers, welche die Stadt günstig vermietet, seien «einfach toll und ein Geschenk», sagt die Fotografin Tine Edel. Sie ist seit zwei Jahren in der Reithalle, davor habe sie in einer kleinen privaten Mansarde gearbeitet, mit weniger Platz und ohne den kollegialen Austausch, der sich in der Reithalle fast von selber ergebe.

Beatrice Dörig schätzt diesen Dialog ebenfalls, auch jetzt an diesem Wochenende der offenen Türen: «Es ergeben sich spannende Auseinandersetzungen mit der eigenen Arbeit.» Hier hatte zuvor der verstorbene David Bürkler gearbeitet – die Grösse des Raums wirke sich auch auf die Formate Ihrer Werke und den ganzen Schaffensprozess aus, sagt die Künstlerin.

Einen Stock höher breiten sich die Auslegeordnungen von Felix Stickel aus. Sein Atelier an der Stirnseite der Reithalle wirkt dank den Halbrund-Fenstern besonders grosszügig. «Das Atelier ist meine Arbeit», sagt er radikal; es sei der Ort wenn möglich «täglicher Praxis» in den Feldern von Theorie, Bildforschung, Materialexperimenten, Lektüre.  Stickel spricht von seiner Skepsis gegenüber dem «Weg der Malerei» und der Fülle der Bilder – und reagiert darauf mit einer Kollektion von «Gefügen, die ständig komplexer werden».

Bei Michael Bodenmann nebenan wuchert es weniger. Das Atelier nennt er sein «Refugium»: geschätzt als Rückzugsort insbesondere jetzt in der Schlussphase seines Masterstudiums in Zürich. «Super, dass eine Stadt wie St.Gallen solche Räume zur Verfügung stellt», sagt Bodenmann.

Kristin Schmidt, Co-Leiterin der Fachstelle Kultur der Stadt, bestätigt, die Ateliers seien begehrt – eine Warteliste gibt es zwar nicht, aber sie werden im Dreijahresturnus ausgeschrieben, mit Verlängerungsmöglichkeit bis zu dreimal drei Jahren. Besonders attraktiv sei natürlich ein Ort wie die Reithalle, wo die eigenen Werke in Resonanz mit anderen Kunstschaffenden kommen.

5ünfstern, ganze Ostschweiz ohne Stadt St.Gallen: Samstag 6. Mai 12-19 Uhr, Sonntag 7. Mai 11-17 Uhr
Infos: fuenfstern.com

Nicht bloss die «üblichen Verdächtigen»

Genau dieses Anliegen – Austausch und Vernetzung – verfolgt Brigitte Kemmann mit ihrer inzwischen zur Tradition gewordenen 5ünfstern-Aktion. Vernetzen, das heisse zum Beispiel: Menschen an Orte zu holen, wo sie sonst nicht hinkämen. Oder: Unerwartete Begegnungen ermöglichen. Und schliesslich vor allem: Kultur zu vermitteln an jene Mehrheit, die sich dafür bis dahin nicht interessiert.

So hat sie es gegenüber Saiten im Aprilheft erklärt und mit einem drastischen Bild begründet: 95 Prozent der Bevölkerung blieben der Kultur fern, die übrigen fünf Prozent bewegten sich in geschlossenen Zirkeln der «üblichen Verdächtigen». Das müsse man aufbrechen und versuchen, einer neuen Klientel all das grossartige Schaffen von Künstlern aller Sparten näher zu bringen. Die direkte Begegnung vor Ort, wie es 5ünfstern möglich mache, sei ein gutes Format, um diese Öffnung der Kultur voranzubringen.

Also: Raus aufs Land zur Kunst, nach dem Motto, das vor Lika Nüsslis Atelier prangt:

 

 

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