, 18. Juli 2014
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Lokales im toten Winkel

Mit den Fingern gefühlt, ist das «St.Galler Tagblatt» dünner geworden. Hat das Blatt jetzt auch weniger Qualität, gleich viel oder gar mehr? Harry Rosenbaum und Zora Debrunner über ihre neue Zeitung.

Die Regionalzeitungen der «Tagblatt»-Gruppe. (Bild: Sascha Erni)

Harry Rosenbaum: Die Vision fehlt

Um diese Frage zu beantworten, schalte ich um auf den Sachverstand und zupfe mir mal den Lokalbund für St.Gallen und Umgebung heraus. Natürlich lässt sich daran keine Gesamtkritik für das Blatt festmachen. Aber als vielseitig interessierter Stadtbewohner ist halt der Lokalbund für mich das Filetstück.

Meine Erwartungen sind auch entsprechend hoch. Lokaljournalismus soll durch Hintergrund, Einordnung, Meinungen und Lesespass entschleunigend wirken. Ich lasse mich gerne überraschen durch Themenwahl, Unkonventionalität, Sprache und Bilder.

Der Lokalteil meiner Zeitung soll für mich unentbehrlich werden, eine Community darstellen, kulturellen und gesellschaftlichen Service bieten. Ich will mich als Komplize meiner Zeitung fühlen und muss deshalb vor allem von der Lokalredaktion ernst genommen werden: als Leser, Kritiker, Anreger und manchmal auch als debattierender Leserbriefschreiber.

Gewiss, das ist ein sehr individuelles Bekenntnis eines Zeitungslesers. Ich denke aber, es ist legitim, weil die Lokalredaktion sich solchen Vorstellungen annähern kann. Das genügt mir.

Am 7. Juli ist die neue Architektur des St.Galler Tagblatts Realität geworden. Besonders davon betroffen ist der Lokalteil. Es werde leichte Umfangreduktionen geben, schreiben die Verantwortlichen. Verschiedentlich werde es zu Anpassungen der Ressortstrukturen kommen. Wo es sinnvoll erscheine, würden Optimierungen im Nachbarschaftsbereich der einzelnen Ausgaben umgesetzt, werde ich weiter aufgeklärt. Das heisst, dass in meiner Ausgabe die Seite «St.Galler Kultur» schon mal wegfällt.

Wenn ich die ersten sieben Nummern mit der neuen Architektur im Lokalteil anschaue, ist die Blattordnung schlechter geworden. Früher habe ich mich zwischen den Berichten und Informationen aus der Stadt St.Gallen und dem Agglo-Land besser zurecht gefunden.

Und was ist mit meinen anderen Erwartungen an den Lokaljournalismus? Da stelle ich keine merklichen Veränderungen fest. Das Tagblatt spiegelt zwar einen Teil der realen Welt, belässt aber nach wie vor viel Lokales im toten Winkel. Diesbezüglich bringt die neue Blattarchitektur nicht mehr Qualität. Und der Verlag lässt eine Vision für die Zukunft gänzlich vermissen.

Entschuldigt wird der Umbau des Blattes lapidar mit «weniger Anzeigeseiten». Die Erklärung ist billig. Die Konkurrenz, die Gratiszeitungen, haben nämlich im ersten Halbjahr 2014 Anzeigevolumen zugelegt, wenn auch nicht in grossem Stil.

Matthias Ackeret, Chefredaktor von persoenlich.com, hat das kürzlich vor dem Verband der Schweizer Gratiszeitungen (VSGZ) so erklärt: Die Gratiszeitungen seien in den Regionen gut verankert, zumal sie in bestimmten Gebieten alle Haushalte abdeckten. Und lokal geprägte Inhalte, wie sie die Gratiszeitungen anböten, fänden bei den Lesern eben grosse Beachtung.

Dem St.Galler Tagblatt fehlt diese Einsicht, diese Vision fürs Zeitungsmachen unter den veränderten wirtschaftlichen Bedingungen. Dabei geht es auch anders. So setzten beispielsweise die «Westdeutsche Zeitung» in Düsseldorf und die «Bild» auf neue Strukturen und auf den Ausbau der Regional- und Lokalberichterstattung an Rhein und Ruhr. Die Blätter haben nicht nur mehr Leser, sondern auch mehr Anzeigekunden gewonnen.

Eine kleine Lokalzeitung in Winnipeg, Kanada hat das Zeitungsmachen sogar neu erfunden und ihre Redaktion in eine Beiz verlegt. So konnten die Zugangsbarrieren für die Leser abgeschafft werden. Im «Free News Café» können die Leute die Zeitungsmacher nun direkt ansprechen, ihnen Fragen stellen, sie kritisieren und auch selber Themen anreissen.

Harry Rosenbaum ist seit über 40 Jahren Journalist, wohnt in St.Gallen und schreibt unter anderem für den «Schweizer Journalist» und für Saiten. 

 

aiaiZora Debrunner: «Fades Gemüse in einer Knochensuppe»

Seit ich denken kann, hat meine Familie die Thurgauer Zeitung (TZ) abonniert. Ich bin mit ihr sozusagen aufgewachsen. Die TZ hat mich Lesen gelehrt. Ich bin ihr, der Zeitung mit den ehemals blauen Lettern, sehr verbunden.

Ich erinnere mich daran, dass die TZ jeweils an den hohen Festtagen ein besonderes, buntes Titelblatt hatte. Ich hab es jeweils ausgeschnitten und in mein Tagebuch geklebt.

Irgendwann wurde die TZ ein Adoptivkind des «TagesAnzeigers». Mir ging das gegen den Strich. Unsere Zeitung in den Händen des Zürcher TA-Media-Verlags? Was soll dabei noch Gutes heraus kommen?

Dann wurde die TZ, die immerhin auf zweihundert Jahre Geschichte zurückblicken kann, wie ein unliebsames Rind  an die NZZ verschachert. Ich und viele andere im Thurgau hofften auf eine Steigerung der Qualität. Schliesslich würde die NZZ, bzw. die zugehörige Tagblatt-Gruppe, nun das neue Mutterhaus werden!

Jetzt, einige Jahre später, bin ich vollends desillusioniert. Die Tagblatt-Gruppe hat aus meiner Zeitung ein Stück fades Gemüse in einer Knochensuppe gemacht. Die Thurgauer Zeitung ist heute nicht mehr als ein auswechselbarer Titel, denn die Inhalte sind mehrheitlich jene des Tagblatts.

Diesen Juni lancierte der Pfyner Künstler Alex Meszmer eine Petition für den Erhalt der Regionalinhalte. Innerhalb kürzester Zeit kamen so über 1500 Unterschriften zusammen. Chefredaktor Philipp Landmark nahm dies zur Kenntnis, äusserte sich auf Twitter aber eher ausweichend. Er zeigte wenig Bereitschaft, sich mit seinen Lesern über die bevorstehenden Veränderungen zu unterhalten.

Ende Juni wurde klar, dass die Zusammenlegung der Ressorts beschlossene Sache war und zehn Redaktionsstellen gestrichen würden.

Da ist beispielsweise das Verschwinden der «Leuchtspur» und der «Ostblock»-Seiten zu erwähnen. In meinem Bekanntenkreis (keine Künstler, sondern «ganz normale» Leute) wurden diese sehr geschätzt. Dass nun stattdessen in unserer Zeitung irgendwelche Merchandising-Angebote gedruckt werden, erheitert. Verständnis dafür bringen die wenigsten auf.

Stattdessen sollen wir also, nachdem die Chefredaktion die wirklich interessanten Seiten entfernt hat, uns mit Tagblatt-Bechern und Schirmen eindecken? Schliifts? Auf Fragen wie: «Warum hast du die TZ abonniert?» hörte ich in den letzten Tagen Antworten in der Art: «Wegen der Todesanzeigen!» Die Frage nach der thurgauischen Identität bleibt, zumindest von der TZ, unbeantwortet.

Wir erkennen: die NZZ-Gruppe hat keinerlei Interesse an einer starken regionalen Zeitung wie der TZ. Nein. Alle Argumente, eine Zeitung für die Leser zu machen, prallen ab. Verletzter Lokalstolz wird als fades Argument gegen die verallgemeinerte Informationsstrategie in einer ganzen Region angeführt, unter anderem von Philipp Landmark.

Dabei sieht die Sache für mich als Thurgauerin etwas anders aus: Lokale Redaktionen haben einen tieferen Einblick in die lokalen Verhältnisse als jemand in St.Gallen, der nicht den Blick aufs Thurtal, sondern nur grad auf den Säntis hat. Die Leute, die in Diessenhofen leben, haben logischerweise andere Interessen als die Arboner.

Bei der Neustrukturierung wurde (absichtlich?) übersehen, wie unterschiedlich die Regionen des Thurgaus ticken. Vielleicht mag man das als ländlich und piefig verspotten. Für uns Leser bleibt aber ein bitterer Nachgeschmack.

Auch ein anderer Aspekt wird nun zumindest den Thurgauer Politikern klar: Berichte aus dem Kantonsrat werden ebenfalls rarer werden. Vermutlich steigt dafür die Artikeldichte über fälschlicherweise eingeschläferte Katzen. Es bleibt spannend. Die Anzahl der Abonnenten wird im Thurgau bestimmt nicht steigen.

Zora Debrunner stammt aus dem Thurgau und schreibt unter anderem für thurgaukultur.ch, ihren Blog «Demenz für Anfänger» und neu auch für Saiten. Das farbige Foto hat sie kürzlich auf dem Säntis gemacht, das schwarzweisse ist von Sascha Erni

1 Kommentar zu Lokales im toten Winkel

  • Jürg Schoop sagt:

    Natürlich haben Harry Rosenbaum und Zora Debrunner vollkommen Recht. Eine Vision fehlt dem Tagblatt, steht m Begriff, eine fade Suppe zu werden, die nicht einmal mehr im Armenhaus gelöffelt wird und demnächst nicht mehr aufgetischt wird. NZZ, Tagi, Tagblatt u.a. werden sich zu einem einigen Webportal vereinigen.
    Saiten sollte aber auch über die eigenen Bücher gehen, der Anspruch, ein Ostschweizer-Magazin zu sein, wird mitnichten eingelöst. Ausser man zählt in St.Gallen halt den Thurgau nicht dazu. Die Thurgauer-Kultur findet nur in der Agenda statt.
    Wenn man schon mal einen Thurgauer Künstler wenigstens zitiert (im Zusammenhang mit Meszmers Aktion), ist es schon schwierig, seinen Namen richtig zu schreiben: Ich heisse nicht Jürgen Schoop und zähle zu einer Handvoll bekanntester Thurgauer Künstler (inklusive Kulturpreis und bin in St.Gallen geboren und habe lange dort gewirkt, aber leider halt kein Mani Stahlberger). Ich glaube nicht, dass auf der Saiten-Redaktion auch nur einer drei Namen aus der Thurgauer Kunstszene kennt. Zu rühmen gibt’s natürlich vieles an den Saiten: Papier, das meiner Nase guttut, schönes Layout und interessante Autoren und Autorinnen. Aber halt ein bisschen diesen Tunnelblick, aber mit einer kleinen Behinderung ist noch niemand nicht durchs Leben gekommen.

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