, 17. Dezember 2013
15 Kommentare

Lost in the Supermarket

Für die Migros im umgebauten Neumarkt wurde jeder Winkel ausgenutzt. Es entstand weniger ein Laden als ein Intelligenztest. Einer für Fortgeschrittene.

 

St.Gallen hat ja nur wenige Wahrzeichen: Kathedrale, roter Platz, Rathausturm.

Und der Neumarkt, dank dem Song von Manuel Stahlberger.

Nur stimmt der Text seit dem Umbau nicht mehr. Stahlbergers Fazit in der «Tagblatt»-Beilage zur Neueröffnung: «Noch nie wurde ein Lied mit soviel Geld zerstört.»

Hier für Nostalgiker: Neumarkt.

Inzwischen ist alles anders: Die Migros hat jeden einzelnen Quadratmeter Fläche ausgenutzt. Vorher gab es neben der Lebensmittelabteilung einen Al Forno, eine Chemische Reinigung, einen Laden mit regelmässigem Räumungsverkauf, eine rustikal eingerichtete Imbissecke sowie einen asiatischen Fastfood.

Nun gibt es nur noch einen riesigen Triple-M-Markt.

Das Problem dabei: Die Ladenfläche ist sehr gross – und verwinkelt angelegt. Die Decke hängt tief, die Übersicht fehlt. Natürlich gibt es keine Wegweiser. Nur das Personal hilft weiter. Wenn man den Kaffeerahm partout nicht findet, wird verständnisvoll geseufzt. Niemand muss sich schämen, wenn man die Sortimentsaufteilung nicht versteht. Das ist normal. Man trifft Bekannte mit dem selben ratlosen Gesicht, das man selber macht. Die Gespräche gleichen sich: Man erzählt sich, wie lange man schon die paar Sachen sucht, die man rasch einkaufen wollte. Und man hört Leuten zu, die fast die gleichen Sätze sagen.

Vielleicht ist der Shop aber auch ein Intelligenztest in 3-D? Falls letzteres zutrifft, hat man ihn wiederholt nicht bestanden.

Die Planer haben weitere Hürden eingebaut: Es gibt einen Eingang, der kein Ausgang ist und einen Ausgang, der kein Eingang ist. In den ersten Tagen stellte die Migros einen Security-Menschen an, der nichts anderes machte, als die Kunden weiterzuwinken: Vom Ausgang, der wie ein Eingang aussah, zum Eingang, den man anschliessend nicht mehr wiederfand.

Auch die Expresskassen wurden abgeschafft. Nun soll man die Produkte selber einscannen, wenn man es eilig hat. Weil das niemand versteht, steht Personal bereit, um den Kunden das Self-Scanning zu erklären, mit dem später Personal eingespart wird.

Nicht nur Manuel Stahlberger hat einen Song über den Neumarkt geschrieben. The Clash vertonten das Problem bereits 1979:

15 Kommentare zu Lost in the Supermarket

  • ver(w)irrter sagt:

    naja also den asiaten gibts noch immer… aber hässlich ist er, der neue konsumtempel.

  • Ein absolut genialer text zum einem wahnwitzigen thema!

  • Ich liebe das self- scanning endlich nicht mehr langes anstehen. Und zurecht finde ich mich auch schon sehr gut. Hat damit zu tun das ich mir die Zeit nahm bei der Eröffnung alles zu erkunden.

  • hrb sagt:

    wowol, es hat schon noch expresskassen, sind einfach nicht gekennzeichnet. sie haben einfach kein förderband und nur platz fürs körbli.

    sonst hast schon recht. den alforno gibts noch, heisst einfach lichtenstiger und die verkäuferinnen haben tageslicht.

    aber gopf, wo sind die dübel?

  • Man verliert wirklich etwas die Orientierung 😉 aber das mit dem Self-scanning finde ich nicht gut. Dadurch werden mit Sicherheit irgendwann die Kassiererinnen ersetzt… (zumindest einen Teil) Naja…:-

  • eine sehr gekonnte Verschlechterung ist hier gelungen! hundert Prozent!

  • Apostel sagt:

    Lieber Stahlberger und sonstige diskussionswütige Menschen,
    Wann hört die Gratiswerbung und Beweihräucherung von Massenkonsum, Genossenschaftsheuchelei und Arbeitsrechte-mit-Füssen-Tretern endlich auf? Es dankt der Apostel

    • Andrea Martina Graf sagt:

      @Apostel: Manuel Stahlberger ist wohl das Gegenteil eines MassenkonsumFetischisten. Ich erleben ihn als wachen Zeitgenossen, nicht als abgestumpften Konsumenten. Also bitte, nächstes Mal nicht so forsch unüberlegt verurteilen.

      • Apostel sagt:

        Ob Stahlberger als Person ein Konsumvogel ist oder nicht, steht hier gar nicht zur Diskussion. Auf jeden Fall ist sein Lied Marketing für die Migros. Die ganzen Diskussionen über die Migros gehen mir auf den Sack! Und Stahlberger trägt nun mal mit seinem Lied dazu bei, dass man über belangloses Zeug (wo steht das Gemüse? Ist die neue Migros gut? Find ich mich zurecht? …) diskutiert, anstatt zum Beispiel über Arbeitsrechte und Anstellungsbedingungen an eben diesem Ort oder wichtigere Fragen dieser Welt!

  • Die absolute Schärfe isi, dass man Self-Scanning nur machen kann, wenn man eine Cumulus-Karte hat. Und wer hat die schon?

  • lc sagt:

    Bravo! Schön ist ja auch der Skihüttencharme beim Nordeingang und noch schöner ist die gekonnte Ausleuchtung der Köpfe im Migrosrestaurant, punktgenau auf die mampfenden Köpfe, ziemlich zombieesk. Jänu, gibt ja noch andere Läden und wenn einem der Konsum bitz verleidet ists auch nicht so schlimm.

  • Andrea Martina Graf sagt:

    Als ich irgendwo wieder 1 Rolltreppe hochrollte, war mir, als ob ich soeben 1 Höllentrip entkommen. Dante lässt grüssen.

  • Ah genau a propos cumuluskarte, sobald man 1x self-scanning gemacht hat gibt es nur ein zurück indem man eine schriftliche kündigung schickt! Das macht sowieso keiner…

  • maja sagt:

    Fühl mich ertappt. Intelligenztest definitiv nicht bestanden. Stattdessen entwickelten sich bei mir erst Gefühle des Eingeengt seins und der Überreizung, schliesslich leichter Schwindel und die irrationale aber sehr reelle Angst mich verlaufen zu haben und nicht mehr aus diesem schrecklichen Irrgarten herauszufinden. Dank der leichten Steigung mitten im Laden, an die ich mich noch von früher her erinnern konnte, fand ich schlussendlich den Weg zurück zum vorderen Eingang.
    Würde Stahlberger das Lied über den Neumarkt heute schreiben, würde es ungleich intensiver. Stelle ich mir zumindest so vor. Aber vielleicht kennt er ja bereits die schnellste Route von Milch über Brot zu Gemüse, Kosmetik, Babynahrung, Eier, Tiefgefrorenem, in Dosen konserviertem und Getränke bis zum hinteren Ausgang in Richtung 5er Bus.

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