B1 zu L4, A2 zu M6. Die Zeit, die man zu Fuss für diese Strecken braucht, vom Lager zur Terminage oder vom Wareneingang zum Verwaltungstrakt, ist genau bemessen. Auch die einzelnen Arbeitsschritte werden exakt festgehalten. Fürs Auswuchten der Unruh zum Beispiel: 73 Sekunden. Am besten noch schneller, das wäre für alle «rentabler». Draussen minütlen die Chefs, drinnen chrampfen die Arbeiter:innen, tief über die Tische gebeugt, mit einheitlichen Arbeitsschürzen, Pinzetten und Okularen. Die Uhr tickt. Hier gilt der Leistungslohn.
Wir sind im Tal von Saint-Imier im Berner Jura, dem Zentrum der Uhrenindustrie, um 1877. Eine Zeit der Umbrüche. Lange Jahre hatte die Schweiz den weltweiten Uhrenmarkt beherrscht, doch die Globalisierung hat die Industrie verändert, die internationale Konkurrenz holt auf und die Uhr wurde zum Allgemeingut.
Die ersten Fabriken im Tal entstehen, es wird immer weniger in Heimarbeit oder im Atelier gefertigt, alles ist auf die Kapitalisierung ausgelegt, man setzt zunehmend auf Maschinen, auf zerstückelte Produktionsschritte und ungelernte Arbeitskräfte, um mit der ausländischen Konkurrenz mitzuhalten. Die Gegend im «Vallon» ist längst kein Agrarland mehr, auch die Bevölkerung wächst massiv, Arbeitsmigration ist gang und gäbe.
Das Tal von Saint-Imier steht damals aber noch aus einem anderen Grund im Zentrum des Weltgeschehens, denn die freiheitsliebenden Uhrmacher:innen der Juraföderation spielen eine wichtige Rolle in der Frühphase des Anarchismus, der damals ziemlich en vogue ist, geradezu eine Massenbewegung. Im September 1872 wurde in Saint-Imier die Internationale der antiautoritären Föderationen gegründet. Dieser Kongress war ein «zentrales Verdichtungsmoment» und ein «Knotenpunkt der sich bildenden anarchistischen Bewegung» und wird darum bis heute gefeiert. Florian Eitel beschreibt das ausführlich in seinem Buch Anarchistische Uhrmacher in der Schweiz.
Vier Uhrzeiten und keine Nation
Vor diesem Hintergrund spielt Cyril Schäublins neuer Film Unrueh. Josephine Gräbli (Clara Gostynski), zuständig für die Montage der Unruh, trifft auf den russischen Kartografen Pyotr Kropotkin (Alexei Evstratov), der später noch eine wichtige Rolle in der Bewegung spielen wird.
Sie verbringt ihre Tage im Fabrikstuhl, er will eine anarchistische Karte des Tals zeichnen, welche die «Sicht der Bevölkerung» widerspiegelt und nicht die der Behörden und Gendarmen. Es reicht schon, dass diese die vier verschiedenen Uhrzeiten bestimmen (Gemeindezeit, Lokalzeit, Fabrikzeit und Kirchenzeit).
Premiere in Anwesenheit des Regisseurs: 22. November, 20 Uhr, Kinok St.Gallen.
Weitere Vorstellungen: kinok.ch
Dem Anarchismus können beide viel abgewinnen. Für viele Arbeiter:innen war er auch ein Weg, um den damaligen Veränderungen in der Arbeitswelt proaktiv zu begegnen, ihr Schicksal selber in die Hand zu nehmen, zum Beispiel indem nicht die Chefs, sondern die Arbeiter:innen die Besitzer:innen der Maschinen werden sollten. «Ouvriers, prends la machine! Prends la terre, paysan» heisst es im Lied Le Droit du travailleur des Elsässischen Ingenieurs und Aktivisten Charles Keller, zu finden ebenfalls im Buch von Eitel.
In Schäublins Film wird aber ein anderes Lied von Keller gesungen, L’Ouvrier n’as pas de Patrie, in einer wunderbar melancholischen Interpretation von Liv Tavor (Mila Fuchs) samt Chor. No Borders, No Nation – ein weiteres anarchistisches Credo. «Die Nation ist ein Phantom, das wahre Land sind wir», schreiben auch die italienischen Sektionen in ihrem Rundbrief. An diesem Abend sammelt die Juraförderation nicht nur für den anarchistischen Bahnstreik in Baltimore, sondern verkauft Tombolalose für die Streikkassen in aller Welt.
Clash der Werte und Weltbilder
Während die anarchistischen Uhrmacher:innen sich international solidarisieren und über die Pariser Kommune diskutieren, spielen die bürgerlichen Teile der Belegschaft um Generaldirektor und Nationalratskandidat Roulet (Valentin Merz) für einen Tageslohn in einem patriotischen Festakt die Schlacht von Murten nach. Und singen dazu die Schweizer Nationalhymne bzw. deren Vorgängerin Rufst du, mein Vaterland zur Melodie der Britischen Königshymne.
In diesen vergnüglichen Szenen schält Schäublin exemplarisch den Clash der damaligen Werte und Weltbilder heraus, aber auch die Ungleichverteilung des Wohlstands.
Die Gegensätze zeigen sich auch in der Bildsprache (Kamera: Silvan Hillmann). Cyril Schäublin changiert geschickt zwischen Close-Ups vom Fabrikstuhl in warmen, erdigen Tönen und kühlen, distanzierten, fast gemalten Totalen, die man auch von seinem ersten Langfilm Dene wos guet geit kennt. Sein Stil hat sich weiter akzentuiert. Das gilt auch für die Dialoge: eher minimalistisch, aber sehr auf den Punkt und teils recht süffisant, unterstrichen vom zurückhaltenden, ruhigen Spiel des Ensembles.
Wie Schäublins erster Film kreist auch Unrueh um das Thema Kapitalismus. Dieser nistet sich ein im Vallon, die Uhr tickt unaufhörlich, und wenn das Tal nicht mitzieht, ist seine Zeit bald abgelaufen.
Der politische Antrieb ist offensichtlich, doch Schäublin kommt einmal mehr ohne belehrenden Ton aus, lässt das Publikum nur beobachten und seine eigenen Schlüsse ziehen. Einige davon lassen sich durchaus auf die heutige Zeit übertragen. So wird das historische Sittengemälde zu einem zeitlosen Schnappschuss – den wir hoffentlich auch fleissig untereinander tauschen wie die Menschen im Vallon die anno dazumal aufkommenden Fotografien.
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