, 22. März 2020
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Low-tech für die neue St.Galler Bibliothek

Jetzt ist der Architekturwettbewerb für die Neue Bibliothek in St.Gallen gestartet. Gesucht ist ein möglichst ökologischer Bau in Low-tech. Die Höhe des Neubaus auf dem Blumenmarkt neben dem «Union»-Gebäude ist nicht beschränkt.

Das «Union» vom Blumenberg gesehen. (Bilder: Corinne Riedener)

«Das wird ein Mocken auf dem Blumenmarkt.» Das sagen alle, die sich mit den Anforderungen an die Neue Bibliothek auseinandersetzen. Hier sollen die Stadt- und die Kantonsbibliothek mit ihrem heutigen Freihandangebot, wie es seit fünf Jahren provisorisch in der Hauptpost zu finden ist, Platz haben.

In den Neubau auf dem Blumenmarkt will aber auch die Kinder- und Jugendbibliothek einziehen, die heute noch in Katharinen untergebracht ist. 200’000 Medien – Bücher, CDs und DVDs – sollen künftig in den Freihandbibliotheken zugänglich sein, noch einmal so viel Material in Magazinen – auch dort darf laut Konzept das Publikum hinein.

Hier die vollständige Ausschreibung des Wettbewerbs.

So soll eine moderne Public Library entstehen – ein vielschichtiger, urbaner Ort, ein sozialer Treffpunkt mit Leseplätzen, Begegnungsmöglichkeiten und Veranstaltungsräumen. Zusätzlich braucht es Büros und Magazine, einen Kulturgüterschutzraum, einen «Rara»-Leseraum, in dem wertvolle Bestände separat eingesehen werden können, und nicht zuletzt ein gastronomisches Angebot.

Bücher in den Neubau

Im «Union»-Gebäude – es gehört der Helvetia Versicherung und stammt aus den 1950er-Jahren – können nur beschränkt Nutzungen untergebracht werden. Konstruiert ist das Haus nämlich als Skelettbau aus Stahl und Stahlbeton und mit einer sogenannten Rippenplatten-Deckenkonstruktionen. Die Belastbarkeit der Böden stösst deshalb schon mit der heutigen Büronutzung an Grenzen. Höhere Nutzlasten seien nur mit unverhältnismässigen Verstärkungen zu erreichen, heisst es in den Unterlagen. Konkret bedeutet dies wohl: Die Bücher kommen in den Neubau.

Das «Union»-Gebäude erfüllt natürlich auch keine heutigen Dämmvorschriften, weder bezüglich Wärmeverlust, noch akustisch. Die Wettbewerbsausschreibung bezeichnet die diesbezüglichen Nachrüstungen als «anspruchsvoll». Wärmeisolationen müssen aus denkmalpflegerischen Gründen innen angebracht werden. Die Schallisolation erfordere möglicherweise neue Unterlagsböden und abgehängte Decken. So soll das «Union» auch nach dem Umbau und der «Ertüchtigung» seinen Charakter behalten – samt der grosszügigen, geschwungenen Treppen.

Das Treppenhaus im Union mit Roman Signers Kanu.

Weil klar ist, dass im «Union» nur ein Teil der Bibliotheksnutzungen möglich ist, sieht der Wettbewerb die Überbauung des ganzen Gevierts des Blumenmarkts vor. Dabei kann der «Union»-Flügel auf der Seite Marktplatz (mit dem heutige Café Blumenmarkt) abgebrochen werden. Auch ein Teil des Café Zentrum über der Einfahrt zum Taubenloch kann in die Planung des Neubaus miteinbezogen werden.

Vor der Häuserzeile auf der Südseite des Blumenmarktes mit den Restaurants soll aber ein Hof mit mindestens 350 Quadratmeter offen bleiben, ebenso der Durchgang bei der «Süd»-Bar in den Oberen Graben.

Der Neubau der Bibliothek auf dem Blumenmarkt solle sich «zum städtischen Umfeld visuell nicht verschliessen, sondern sich dem Publikum mit einer möglichst offenen Geste zuwenden». Der Haupteingang ist denn auch auf der Seite Marktplatz/Blumenmarkt angedacht.

Der heutige Blumenmarkt, auf dem der Neubau zu stehen kommt. Rechts der zum Abbruch freigegebene Anbau, ganz links die Einfahrt zum Taubenloch.

Stadt und Kanton St.Gallen, die die auf rund 50 Millionen Franken geschätzte Neue Bibliothek gemeinsam mit der Helvetia bauen wollen, streben mit dem Neubau die Ziele der 2000-Watt-Gesellschaft an. Der Einsatz von nicht erneuerbaren Ressourcen muss schon beim Bau und dann auch beim Betrieb minimiert werden.

Lüften statt klimatisieren

Deshalb soll bei der Haustechnik möglichst Low-tech zum Einsatz kommen. Die vollständige Klimatisierung sei zu ressourcenintensiv und führe meist zu einer sehr grossen finanziellen Belastung in Betrieb und Unterhalt, heisst es in den Unterlagen. Lüften mit offenen Fenstern bedingt aber Höfe, Atrien oder Schächte.

Zum ökologischen Bauen gehört auch möglichst wenig Tiefbau. Empfohlen wird die Planung von nur zwei Kellergeschossen, denn auf der Höhe des 2. Untergeschosses verläuft unter dem Blumenmarkt der Kanal des Irabachs, heute ein Teil des Kanalisationssystems. Den könnte man zwar umleiten, die Ausschreibung empfiehlt allerdings davon abzusehen. Tiefe Grabungen möchte man auch aus Gründen der Archäologie vermeiden – ein Thema das bei der abgelehnten Parkgarage Schibenertor immer wieder aufgekommen war.

Ausdrücklich verzichtet wird auf eine Parkgarage. Es reicht eine Paketanlieferung über den Marktplatz.

In die Höhe, in die Breite

All diese Randbedingungen machen klar: es könnte mitten in der Stadt ein mächtiges und hohes Gebäude auf dem Blumenmarkt zu stehen kommen. «Der Neubauteil ist in der Höhe nicht beschränkt. Die Beurteilung erfolgt durch das Preisgericht aufgrund von städtebaulichen Kriterien», heisst es denn auch in der Ausschreibung.

Noch ein interessanter Hinweis findet sich in den Unterlagen: «Es ist davon auszugehen, dass längerfristig der Aussenbereich zum Oberen Graben zu Gunsten des «Union»-Gebäudes vergrössert wird. Verwiesen wird auf das Grabenstatut von 1929 und auf den Vorstoss aus dem Stadtparlament, der eine grüne Insel beim Schibenertor fordert.

Mit der Lancierung des Wettbewerbs können sich nun Architekturbüros melden. Sie müssen sich vor dem eigentlichen Start des Wettbewerbs aber einer Präqualifikation stellen. Die Jury wird rund 25 Büros auswählen, die mitmachen dürfen, und zusätzlich maximal fünf junge Architekturbüros zur Teilnahme einladen. Zu einem vollständig offenen Wettbewerb haben sich Helvetia, Stadt und Kanton nicht durchringen können. In rund einem Jahr, im April 2021, soll der Juryentscheid vorliegen.

Luftaufnahme des heutigen abgewinkelten Union-Gebäudes mit der Öffnung zum Marktplatz hin. (Bild: Stadt St.Gallen)

 

 

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