, 9. Juli 2016
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Lusitanien im Final

Die Damen in bodenlangen Roben und die Herren in dunkelgrauen Ein- oder Zweireihern. Das Public Viewing in St.Gallen 1969 kam optisch ungewohnt nobel daher, gar nicht fussball-like. Die Polizei kam trotzdem.

Peter Weiss, 1982 (Bild: wikimedia.org)

Es ging auch gar nicht um Fussball, wie morgen Sonntag, sondern um Theater, unter dem poetischen Namen Lusitanien, der für Portugal steht. Stattgefunden hatte das alles 1969 im St.Galler Stadttheater.

Gegeben wurde die politische Revue Gesang vom Lusitanischen Popanz des Agitprop-Stücke-Schreibers Peter Weiss (1916-1982). Im Zuschauerraum sass hauptsächlich Abo-Publikum. Wohl nicht wissend, dass es an diesem Abend um den bevorstehenden Untergang der damals in blutige Befreiungskriege verstrickten Kolonialmacht Portugal gehen würde, und nichts ahnend, dass sich nach dem letzten Vorhang die Mitglieder des Ensembles auf die Bühnenrampe setzen würden, um mit dem Publikum über die politischen Hintergründe des eben Gesehenen und Gehörten zu diskutieren.

Erstes Sit-in im St.Galler Stadttheater

Damals liefen solche Nachgangsveranstaltungen als Sit-ins ab. Es war das erste in der St.Galler Theater-Geschichte, und da wurde auch wirklich sitzen geblieben, weil sich eine Handvoll APO-Leute (Ausserparlamentarische Opposition) unbemerkt unters Publikum gemischt hatte und nun mit ihren revolutionären Hintern die Theaterausgänge blockierten. Die Aktion war mit den Schauspielerinnen und Schauspielern abgesprochen worden.

Die Diskussion wurde laut. Als sie dann zu erlahmen drohte, rief Jürg F. ins Publikum: «Froilein es Bier, bitte…» Damit wollte der spätere Journalist und Entführer des Archivs des «Unheimlichen Patrioten» Ernst Cincera den Spiesser mimen, den es – seiner Meinung nach – genau an diesem Punkt zum Gerstensaft und nicht zur Veränderung der Welt drängen würde.

Polizeiaufgebot stoppt die Diskussion

Martin Hamburger, Schriftsteller und Kabarettist, wird sich Jahre nach diesem denkwürdigen Abend daran erinnern, was bei ihm die Faszination fürs Theater ausgelöst hatte: «Es war Norbert Schwientek nach einer Vorstellung von Gesang vom Lusitanische Popanz. Schwientek diskutierte mit andern Schauspielern im Zuschauerraum des Stadttheaters St.Gallen mit dem Publikum.»

Irgendwann erschien die Polizei im Publikumssaal und löste das Sit-in auf.

lusitanien

Plakat des Stadttheaters Hildesheim, 1972

Im Sommer 1969 spielte das St.Galler Theater am Kurtheater Baden die agitatorische Peter-Weiss-Revue nochmals – ohne Sit-in und Diskussion nach dem letzten Vorhang. Das Stück wurde neben Molières Der eingebildete Kranke und Shakespeares Was ihr wollt gegeben.

Lusitanien schon damals eine grosse Fussballnation

Und klar, Portugal – oder eben Lusitanien – war schon damals eine grosse Fussballnation: Dank dem katzenartigen Stürmer Eusébio, einer schwarzen Ressource aus dem kolonialisierten Mosambik. Er wurde 1965 «Fussballer Europas».

Die Politisierung des St.Galler Stadttheaters mit dem Stück, das von Walter Boris Fischer unter der Theaterdirektion von Christoph Groszer inszeniert worden war, hatte ein Nachspiel: Der damalige Präsident der Stadttheater-Genossenschaft, FDP-Ständerat Paul Bürgi (1921-2004), verbot nach dem Eklat fürderhin jegliches Agitations-Theater an seinem Haus.

 

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