Manche Geschichten kann man nicht erfinden, nur finden: Hinter dem Ladentisch ist so eine. Das Ganze könnte gut und gern ein historischer Roman aus der Schweiz der 1940er- und 1950er-Jahre sein, eine Familiengeschichte aus dem unteren Mittelstand, die durch verschiedenste Lebenswelten und Themen führt: den Lebensalltag in der Schweiz, die Situation alleinerziehender Frauen, den Siegeszug der Grossverteiler, den Katholizismus und seine Sexualmoral, den Kalten Krieg samt Notvorrat mit Reis, Zucker und Speiseöl, die Ungarn-Flüchtlinge…
Jolanda Spirig-Zünd: Hinter dem Ladentisch. Eine Familiengeschichte zwischen Kolonialwaren und geistlichen Herren. Chronos Verlag 2020, Fr. 29.-
Jolanda Spirig-Zünds Buch ist aber kein Roman, sondern eine gründliche historische Recherche, lebendig und differenziert erzählt. Man liest das gern. Die Lektüre ist spannend und gleichzeitig lehrreich. Gelegentlich verliert sich das Buch allerdings etwas in Details, aber das fällt nicht wirklich ins Gewicht.
«Das meinst nur Du»
Im Kern ist es eine Emanzipationsgeschichte. Martha Artho, geboren 1941, wächst zwischen zwei sehr unterschiedlichen Welten auf. Ihre Mutter führt in Bern einen kleinen Lebensmittelladen, ihr Vater arbeitet in der päpstlichen Botschaft in Bern als Chauffeur, Gärtner und «Mädchen für alles». Eine Konstellation, die das Lebensthema des Mädchens vorgibt: Die päpstliche Botschaft zahlt so schlecht, dass die Familie ohne die Arbeit der Mutter nicht über die Runden käme. Im Grunde ist die Mutter schon damals das Haupt der Familie, rechtlich und offiziell ist sie aber ihrem Mann unterstellt. Sie darf auch nicht wählen und abstimmen.
Der Vater: Chauffeur Moritz Artho vor der päpstlichen Botschaft in Bern.
Mit dem frühen Tod des Mannes – er wird nur 52 – spitzt sich die Situation zu, zumal der Arbeitgeber für den Ehemann keine AHV-Beiträge eingezahlt hat. Die Mutter weiss: Wenn sie ihre drei Töchter nicht ernähren kann, werden sie ihr weggenommen. Martha ist bei alldem ruhig und zurückhaltend, stellt aber schon früh unbequeme Fragen – ob das nun die katholische Kirche betrifft, Himmel und Hölle oder die Stellung der Frau in Gesellschaft, Politik und Recht. «Das meinst Du nur», heisst es dann häufig. Oder: «Mach ke Komedi.»
Ein Flüchtling aus Ungarn
Der Weg in ein selbstbestimmtes Leben ist für Martha Artho nicht einfach. Eine wichtige Hilfe leistet ihr ein Buch: Iris von Rotens Frauen im Laufgitter, damals ein «Skandalbuch», heute ein Klassiker. «Zum ersten Mal sieht die 21-jährige Martha ihr gesellschaftliches Unbehagen in klaren Worten bestätigt», schreibt Jolanda Spirig-Zünd.
Das wohl einschneidendste Ereignis ist 1963 die Heirat mit Fritz Béery, einem jungen Tierarzt, der 1956 als Student aus Ungarn geflüchtet ist. Das Ehepaar führt eine Tierarztpraxis in Düdingen (FR) und zieht drei Kinder gross. Schon in den 1970er-Jahren fängt Martha Béery-Artho an, sich für die Anliegen der Frauen einzusetzen. Dann zieht die Familie in die Ostschweiz, und Martha Béery-Artho findet eine Stelle bei der Caritas-Flüchtlingshilfe. Später macht sie eine Ausbildung in gestaltender Therapie und bildet sich als eine der ersten Schweizerinnen zur Fachtherapeutin für kognitives Training aus.
Die Hausangestellte Anna Balmer mit den drei Artho-Kindern, in der Mitte die spätere Martha Béery-Artho.
1990 tritt sie aus der katholischen Kirche aus. «Sie wollte das System, das Frauen ausschliesst und zu Zweitklassmenschen degradiert, nicht mehr mittragen», schreibt Jolanda Spirig-Zünd, «Religiöse Leitplanken braucht sie längst keine mehr. Sie hat gelernt, selber zu denken und ans sich selber zu glauben.» Wem übrigens der Name «Béery» bekannt vorkommt: Die Heldin dieses Buches ist die Mutter von Elisabeth Béery, SP-Politikerin und alt Stadträtin von St.Gallen.
Nächstes Jahr begeht die Schweiz ein denkwürdiges Jubiläum: 50 Jahre Frauenstimmrecht. Hinter dem Ladentisch ist eine gute Einstimmung dazu.
Dieser Beitrag erscheint im Aprilheft von Saiten.
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