, 23. Oktober 2017
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«Männer können sehr wohl sagen, was in ihnen abgeht»

Gilberto Zappatini vom Forum Mann über Rollenklischees, Macho-Männer und die Kunst, als Mann über sich selbst zu reden und anderen zuzuhören.

Gilberto Zappatini, fotografiert von Ladina Bischof.

Saiten: Das Forum Mann lädt ein zum Männerpalaver. Was muss man sich darunter vorstellen?

Gilberto Zappatini: In anderen Städten gibt es das Angebot seit vielen Jahren. In St.Gallen haben wir letztes Jahr angefangen – 1999 gab es allerdings schon einmal einen Anlauf des damaligen Männerbüros Ostschweiz. Mit dem Palaver wollten wir vom Forum Mann einen Rahmen für Gespräche schaffen, neben anderen Aktivitäten, die stärker die Erlebnisebene ansprechen, wie Wanderungen oder Schwitzhütten. Es sind sechs Abende, jeweils zu einem bestimmten Thema, zum Beispiel «Der wilde Kerl in mir» oder «Mann und Mutter».

Zusammenzusitzen und zu reden: Machen das Männer zu wenig?

Wir Männer können gut miteinander reden, aber oft geht es dabei dann um Sachthemen, um Politisches, um Arbeit, Fussball. Um Dinge, die mich zwar schon betreffen, die sich aber stärker im Aussen abspielen. Für das eigene Erleben und Innenleben einen Ausdruck zu finden, darin sind Männer weniger geübt. Mit dem Männerpalaver schaffen wir einen solchen Kanal. In den bisherigen Palavern hat es sich gezeigt: Männer können sehr wohl und sehr genau sagen, was in ihnen abgeht, was sie beschwert und was sie beflügelt.

Und sie hören einander auch zu?


Es wird mit grosser Sorgfalt «palavert». Die bisherigen Gespräche sind noch nie in Rechthaberei ausgeartet, im Unterschied zu Sachdiskussionen, die oft stark polarisieren. Sobald die eigene Erfahrung im Zentrum steht, gibt es kein «besser» oder «schlechter», kein «richtig» oder «falsch». Dann geht es nicht darum, sein Terrain zu verteidigen oder zu urteilen, sondern unterschiedliche, zum Teil auch gegenteilige Erfahrungen auszutauschen. Hinzu kommt, und das machen wir, die das Gespräch hüten, zu Beginn jeweils auch klar: Wenn zehn Männer zum Palaver zusammenkommen, geht es für jeden darum, neunmal mehr zuzuhören als selber zu reden. Das ist anspruchsvoll, weil wir uns gewöhnt sind, uns für unsere eigenen Geschichten stark zu machen. Wenn die Gewichte zu einseitig sind oder das Palaver zur Debatte wird, greifen wir auch mal ein.

Welche Männer kommen zum Palaver?


Es ist sicher eine bestimmte «Klientel», die Lust hat, sich so auszutauschen. Denn die Themen, die wir vorgeben, sind durchwegs sehr persönlich. Ob es um das Verhältnis zu den Eltern geht, um Männerfreundschaften, um Sexualität: Darauf muss man sich einlassen wollen, auf sich selber wie auf die anderen. In der Mehrheit spricht das Palaver Männer ab 40 Jahren an. Jüngere sind eher die Ausnahme, weil sie noch stärker in der Lebensphase des Tuns und der Aktivität sind.

Das tönt nach «Gschpürsch-mi-Fühlsch-mi». Wie gehst du mit diesem Klischee um, das euch ja sicher immer wieder begegnet?

Ich habe die ganze Familienzeit durch Berufsarbeit und Familie 50/50 geteilt, habe also schon immer nicht ganz dem Männer-Mainstream entsprochen. Was das Klischee betrifft: Den richtigen Mackertypen erreichen wir sicher nicht mit unserem Angebot.

Und Männer aus nicht europäischen Kulturen?


Bis jetzt nicht. Das Palaver spricht mehrheitlich Männer aus einer Mittelschicht an, die an inneren Prozessen interessiert sind und sich eine gewisse Mitteilungskompetenz zutrauen. Obwohl: Man muss ja nicht reden. Es gibt immer wieder Männer, die fast nur zuhören und auch das schätzen. Beim Palaver sind alle – und zwar ohne Anmeldung – willkommen. Die grösste Kompetenz, die gefordert ist, heisst: zuhören zu können. Und man muss Lust haben, sich auf Themen einzulassen, die auch unangenehm oder schmerzlich sein können.

Zum Beispiel?


Einer der Palaverabende trägt den Titel «Mann und Gewalt». Das Thema beschäftigt mich seit Langem. Es ist anfällig für Pauschalisierungen, zum Beispiel wenn es um Vergewaltigung geht. Ein Mann zu sein, heisst in dieser pauschalen Verkürzung, mitverantwortlich zu sein oder verantwortlich gemacht zu werden dafür, dass Männer Frauen vergewaltigen – und Stellung dazu nehmen zu müssen. Wie gehe ich als Mann damit um, als einer, der – wie vermutlich alle – selber auch nicht frei ist von Gewaltfantasien, sie aber nicht auslebt und trotzdem als «potenzieller Vergewaltiger» gilt?

Das nächste Männerpalaver, Thema «Mann und Freizeit», findet am 25. Oktober um 19 Uhr im Alten Zeughaus Herisau statt.

Infos und weitere Termine: forummann.ch

Die Weltlage wird gerade wieder einmal von ausrastenden Macho-Männern dominiert, wo man nur hinschaut: Trump, Kim, Putin, Macron…

Ja, sie schaufeln sich wieder hervor aus ihren Verstecken. Es sind Männer, die in ihrem beschränkten Selbstbild gefangen sind und die Welt darauf reduzieren, so zu sein wie sie selbst: Wenn ich schrecklich bin, ist die Welt auch schrecklich. Männer, die für Aspekte wie Mitgefühl oder Fürsorge keinen Kanal haben. Wobei ich es wichtig finde – wiederum aus der Erfahrung des Palavers –, nicht bloss aus Distanz über einen Trump zu diskutieren, sondern zu fragen, was eine solche Figur mit mir macht. Oder wie es um meine persönlichen, vielleicht verdrängten Allmachtsfantasien steht, um den Drang, einmal unangefochten so zu handeln, wie es mir passt.

Die Weltlage mit ihrem Männerwahnsinn in diesem Sinn «persönlich zu nehmen»: Bringt das etwas?

Ich bin davon überzeugt. Wir kommen nur weiter, wenn wir Gefühle und überhaupt Teile unserer Persönlichkeit nicht abspalten, sondern möglichst viele Aspekte in uns integrieren und reflektieren. Steine zu schmeissen, ist keine Lösung, weder zwischen Trump und Kim noch im privaten, zwischenmenschlichen Bereich. Es ist schon viel wert, mitteilen zu können, was einen umtreibt, womit man nicht zurande kommt, was in einem abgeht, also: Ich-Botschaften zu senden. Da haben wir Männer noch viel zu üben. Und uns zuzugestehen, dass nicht nur die Frauen, sondern auch wir fürsorglich, emotional und verletzlich sind.

Gilberto Zappatini Bauer, 1953, ist in Steffisburg aufgewachsen. Nach dem Abschluss als Maschinenbauingenieur ETH. mit Diplom in Arbeits- und Betriebspsychologie hat er sich der Erwachsenenbildung zugewendet. 1986 wurde er als Studienleiter in die Heimstätte Wartensee, Rorschacherberg, gewählt, Schwerpunkte: Arbeitswelt und Männerfragen. Seit über 20 Jahren arbeitet er im eigenen Geschäft als Programmierer von Datenbanken für
 KMUs. Zappatini ist verheiratet, Vater von zwei erwachsenen Töchtern und aktiv im Verein Forum Mann, der dieses Jahr das 20-jährige Bestehen feiert.

Dieser Beitrag erschien im Oktoberheft von Saiten.

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