1923 schrieb Alban Berg in einem Brief an seine Frau, der erste Satz der 9.Sinfonie sei das Allerherrlichste, was Mahler geschrieben habe. Es sei Ausdruck einer unerhörten Liebe zu dieser Erde, der Sehnsucht, in Frieden auf ihr zu leben, sie, die Natur, noch auszugeniessen bis in ihre tiefsten Tiefen.
Grosse Worte. Um einen Begriff von der Dimension vom Eröffnungssatz der letzten, von Mahler vollständig komponierten Sinfonie zu bekommen: Allein dieses Andante comodo dauert so lange wie die gesamte 5. Sinfonie von Beethoven.
Verlangsamung der Zeit
Beeindruckend schnell fand das SJSO unter der Leitung von Kai Bumann in die weit ausgespannte Sinfonik hinein. Der anfangs etwas holzschnittartig wirkende Eindruck der Interpretation verlor sich im Verlauf mehr und mehr. Sicher führte Bumann den Klangkörper durch die konfliktreichen emotionalen Klimazonen des ersten Satzes. Dem SJSO ist hoch anzurechnen, dass es sämtlichen Registern mehr als gewachsen war. Da wurde, wie es der Komponist fordert, «zartgesungen», «mit Wut», «leidenschaftlich», «schattenhaft» und «mit höchster Gewalt» gespielt; und nahtlos in den lange hinausgezögerten Schluss – «schwebend», «dolcissimo», «morendo» – hineingefunden.
Wucht und Beinah-Stille
Man mag sich fragen, wie wohl die beiden Innensätze vor hundert Jahren auf die Zuhörer gewirkt haben müssen. Exaltieres bis hin zu Vulgärem wird hier klanglich aufgemischt. Man wähnt sich in einem Ländler, weiss dann nicht, ob es doch ein Walzer ist oder gar ein Marsch, vice versa. In den musikalischen Formen oszillieren die beiden Scherzi hin und her. In den wuchtigen Fugati brillierte das SJSO mit hinreissendem Klang. Mit sicherer Hand führte Kai Bumann durch die verschachtelten Tempi, die die Partitur hier vorschreibt.
Mahler selbst hat die Uraufführung seiner 9. Sinfonie nicht mehr erlebt. Von daher rührt auch der biografische Hintergrund, diese Sinfonie mit den Zeichen von Trauer, Tod und Vermächtnis zu verbinden. Und so endet die Neunte nicht mit einem strahlenden Finalsatz. Das abschliessende Adagio ist inhaltlich an den Anfangssatz gebunden. Ein Abgesang also. Am Ende führte Bumann den orchestralen Tuttiklang über ins «Morendo», ein tatsächliches Ersterben im äusserst Möglichem, an der Grenze des Hörbaren Pianopianissimo. Sinnigerweise verordnete der Dirigent anschliessend ein Schweigeminute.
Ovationen für das Orchester
Zurecht gab es frenetischen Applaus für den Dirigenten, der dass SJSO über die Jahre auf ein solches Niveau gebracht hat. Ein grosses Bravo gilt den Blechbläsern (allen voran den Trompeten) und den Holzbläsern, ein verdienter Applaus den Streichern, die mit höchstem Engagement gute achtzig Minuten konzentriert musizierten. Das grösste Bravo gilt Konzertmeister Simon Schmied und den Stimmführern, die den schwierigen solistischen Partien mehr als gewachsen waren.
Da wurde spürbar gearbeitet, um aus einer Partitur, von der Adorno sagt, diese Sinfonie sei «das erste Werk der neuen Musik», eine Interpretation zu erzielen, die den Zuhörer insgesamt beglückte. Und die den Vergleich mit andern Orchestern nicht zu scheuen braucht.
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