, 11. März 2015
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Malen in der «Flugasche»

Exilland Schweiz, zweimal für die Berliner Malerin Vera Singer: 1944 als jüdisches Kind und nach 1989 für ihre Bilder. In Rapperswil ist ihr Werk jetzt zu besichtigen. von Peter Röllin

Kurze Zeit nach dem Mauerfall 1989 fanden zwölf Bilderkisten mit Werken der 1927 in Berlin geborenen jüdischen Künstlerin Vera Singer den Weg nach Rapperswil. Mit dem Ende der DDR war für die seit 1948 in Ostberlin tätige Antifaschistin die «bessere» Staats- und Gesellschaftsform zu Ende – Vera Singer schickte ihre Bilder in die Emigration in die Schweiz. Als junges Mädchen hatte sie in Ascona und Zürich gelebt. Jetzt zeigt die IG Halle im Kunstzeughaus Rapperswil ihre Werke, danach reisen sie wieder zurück nach Berlin zur heute 88-jährigen Künstlerin. In ihrem malerischen Schaffen bilden Werktätige in den DDR-Chemiewerken BUNA bei Halle, die über Jahre von Vera Singers Ehemann, Hans Singer, geleitet wurden, ein zentrales Thema.

Aufbau des neues Deutschlands

Vera Singer, als Vera Adler 1927 in jüdischer Familie in Berlin geboren, emigrierte 1939 nach Frankreich. Die Jugendjahre verbrachte sie in Ascona und Zürich. Imre Reiner, Max Gubler und Johannes Itten waren in ihrer frühen Ausbildung wichtig. Ihr späterer Ehemann Hans Singer emigrierte 1933 zwölfjährig mit seiner Mutter Kass-Horwitz samt zweitem Ehemann und drei Geschwistern (eines aus zweiter Ehe) von Berlin nach St.Gallen. Zeitweise war ihre Wohnadresse das Haus des heutigen Restaurants Dreilinden. Nach Schulen in Kaltbrunn und St.Gallen war Singer nach seinem Chemiestudium an der ETH Zürich aktiver Sekretär der KPD-Bewegung «Freies Deutschland». Dort lernte Vera Hans Singer kennen. Dessen Vater, Kurt Singer, Musikwissenschaftler, Intendant der Städtischen Oper Berlin und Gründer und Leiter des Kulturbunds Deutscher Juden, starb 1944 im KZ Theresienstadt. Um 1941 lebte Sohn Hans Singer, dem die Erwerbstätigkeit verboten war, zeitweise im Emigranten-Arbeitslager Nuovo Locarno im Tessin.

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Vera Singer: Schlosser, Oswald May, Mischtechnik, 1969

1948 emigrierten Vera und Hans Singer in die sowjetische Besatzungszone Berlins, um sich als Antifaschisten und Kommunisten für den Wiederaufbau Deutschlands zu engagieren. Nach Studienjahren in München war Vera Singer 1951-53 an der Deutschen Akademie der Künste in Berlin-Weissensee Meisterschülerin beim Maler und Widerstandskämpfer Max Lingner. Erste öffentliche Wandbilder von Vera Singer entstanden gemeinsam mit Gerhard Moll. Für Vera Singer war der Satz von Käthe Kollwitz «Ich will wirken in dieser Zeit» von zentraler Bedeutung. Im Sinne einer humanistischen Haltung entsprach diese Aussage auch Singers eigener Sicht von der Welt des Westens, deren System auf Ausbeutung beruhe. Geehrt wurde Vera Singer für ihr Engagement 1970 von der Pariser Société d’Éducation et d’Encouragement Art, Sciences, Lettres.

Stillleben aus der Chemiefabrik

1969, mit der Berufung von Hans Singer zum Generaldirektor des riesigen Chemie-Kombinats VEB Chemische Werke BUNA in Schkopau bei Halle an der Saale trat auch Vera Singer mitten in die Industriewelt der dort arbeitenden 20’000 Werktätigen. Die BUNA-Werke zählten damals mit jenen in Bitterfeld zu den grössten und auch am stärksten umweltbelasteten Betrieben im mitteldeutschen Raum. Vera Singer verstand ihr künstlerisches Wirken in jenem Umfeld als gesellschaftliches Engagement: «Der Wirklichkeit nachspüren, zu neuen Erkenntnissen gelangen, mit diesen Erkenntnissen in der dem Maler eigenen Sprache auf die Wirklichkeit einwirken: Das ist für mich, und sicher nicht nur für mich, ein grosses und erlebnisreiches Vorhaben.» In Schkopau entstanden wichtige Porträts von Werktätigen und Stillleben aus den Betrieben.

Die DDR wurde 1949 gegründet. Malen und noch mehr das Schreiben unterstanden seit der Übernahme der zuvor selbständigen Kulturkommissionen durch das 1954 geschaffene Ministerium für Kultur der zentral geführten Observierung, angefangen von der Kultur in Städten und Dörfern über Betriebe bis in abgelegene Heimatmuseen. An die Stelle «unfruchtbarer Formexperimente» und «bürgerlicher Intelligenz» setzte die Partei bei der Kulturrevolution auf die Arbeiterklasse («Bitterfelder Weg», Programm schreibender Arbeiter). Monika Marons Roman Flugasche mit der offenen Kritik an der Umweltbelastung der Chemiestadt Bitterfeld ist ein prominentes Beispiel dafür. Das kritische Werk durfte in der DDR nicht erscheinen (1981 brachte es S. Fischer in Frankfurt a. M. heraus).

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Vera Singer: Kopfturm, Mischtechnik, 1990 (Nachricht kurz nach dem Mauerfall)

Mit dem Baubeginn der Berliner Mauer 1961, der sichtbar gewordenen Zweistaatlichkeit, sahen sich ostdeutsche Künstlerinnen und Künstler zunehmend stark mit kulturpolitischen Kampagnen konfrontiert. Wie aus neueren kunstgeschichtlichen Arbeiten unter anderem von Manuela Bonnke und Elke Kühns hervorgeht, existierten in der Kunst der DDR und deren Systemeinbindung sich ablösende programmatische Ausrichtungen, an die sich Künstlerinnen und Künstler halten mussten.

Ehemann Hans Singer starb 1979 an Krebs. Vera Singer kehrte in der Folge nach Berlin-Mitte zurück, wo sie heute lebt und bis vor kurzem sehr intensiv ihr umfassendes grafisches Arbeiten mit Aquarellstiften, Kreide und Kohle auf Bütten weiterführte.

Mauerfall und Epilog

Künstlerisch sind für Vera Singer neben dem Schweizer Max Gubler, den Klassikern Henri Matisse und Max Beckmann vor allem sozialistisch engagierte Maler wichtige Vorbilder. Der Mexikaner Diego Rivera, Schöpfer grosser Mauerbilder (Murales), weilte 1956 in Ost-Berlin, zeitgleich mit dem Entstehen von Singers ersten Wandbildern. Wie die Skizzenbücher aufzeigen, bauen Vera Singers Bildwerke auf sorgfältig entworfenen Bildgerüsten und Vorstudien, um dann dem Pinselduktus freien und gestischen Lauf zu lassen. Thematisch wie auch in der kräftigen Pinselführung steht die Künstlerin auch dem italienischen Maler und Bühnenbildner Renato Guttuso (1911–87) nahe, diesen Widerstandskünstler und Antifaschisten schätzt Vera Singer sehr. Verwandtschaften zum Werk des Italieners zeigen nicht nur die Stillleben der Berlinerin. Die in Mischfarben und Mischtechnik gemalten Realismen aus den DDR-Chemiearealen mit Flugasche kennen allerdings selten die Leuchtkraft in reinen Farben.

Zu ihren eindrücklichsten Werken zählen die unter dem Titel Epilog geschaffenen Gruppenbilder, die während des Mauerfalls entstanden sind. Sprachlosigkeit und Verzweiflung sind in den durchscheinenden und oft leeren Gesichtern der Menschen zu lesen. Mit der Nachricht vom Zerfall der DDR gingen Verlust und Orientierungslosigkeit einher. Für Vera Singer war dies der Grund, die Bilder an den Zürichsee in ein (zweites) Exil zu schicken. Nun kehren sie nach Berlin und in das wiedervereinte Deutschland zurück, das allerdings noch immer mentale und auch wirtschaftliche Differenzen zwischen Ost und West kennt.

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dekern: Come on Angel Boy, undatiert, Acryl und Lackstift auf Holzspannplatte

Die Ausstellung «Mauerfall und Bilderreisen» setzt mit dem über vierzig Jahre jüngeren «dekern» (Thomas Kern, 1970 geboren in Radeburg bei Dresden) einen Kontrast zu Vera Singer. Mit 17 wurde dekern angefahren und lag schwer verletzt für längere Zeit im Koma. Sich Freimalen, der Wunsch nach Attacke, das spricht aus seinem Schaffen. Gesehnt hat er sich immer nach etwas anderem als das, was ihm während der DDR-Zeit widerfahren ist.

 

Mauerfall und Bilderreisen, Vera Singer und dekern – Kunstwege aus der ehemaligen DDR: 1. März – 17. Mai, IG Halle im KunstZeugHaus Rapperswil.

Vernissage: Sonntag, 1. März, 11.30 Uhr.
Lesung mit Monika Maron, Eugen Ruge und Catalin Dorian Florescu im Rahmen der Literaturtage Rapperswil- Jona: Samstag, 21. März, ab 15 Uhr.
Diskussion «Kultur hüben und drüben» mit Peter P. Kubitz, Michael Schilli, Beate Vollack, Peter Röllin: Sonntag, 19. April, 11.30 Uhr.

Weitere Infos:
ighalle.ch
literaturtage-rapperswil-jona.ch

 

 

 

Dieser Text erschien im März-Heft von Saiten.

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