Saiten: Resonanz ist das Thema der diesjährigen Tÿpo St.Gallen. In der Vorschau heisst es: «Wir brauchen doch alle ein bisschen Zuspruch.» Habt ihr das Gefühl, die Grafik- und Typografieszene hier hat zu wenig Resonanz?
Roland Stieger: Ein bisschen mehr darf es natürlich immer sein, aber das Thema ist gar nicht so sehr aus diesem Fokus heraus entstanden. Es geht vielmehr darum, dass man mit allem, was man tut, Resonanz auslöst. Man kann alles im Leben durch diese «Resonanz-Brille» betrachten, so ungefähr beschreibt es auch Hartmut Rosa in seinem Buch Resonanz – eine Soziologie der Weltbeziehung. Resonanz ist in der Musik ein Thema, in der Arbeitswelt, in zwischenmenschlichen Beziehungen usw. – und selbstverständlich auch in der Grafik und im Design.
Inwiefern?
Es gibt zum Beispiel Agenturen, die argumentieren, dass Kaufentscheide zu 90 Prozent aufgrund des visuellen Eindrucks gefällt werden und nur zu zehn Prozent logisch begründet werden können. Ich selber bezweifle zwar, dass dieses Verhältnis wirklich so krass ist, bin aber auch überzeugt, dass Design und Grafik mit ihrer intuitiven, unterbewussten Komponente einen fundamentalen Einfluss auf uns Menschen haben und immerzu «mitschwingen».
Geht es eher punktuell um Resonanz oder steht sie bei allen Fachvorträgen im Zentrum?
Unser Wunsch wäre, dass alle Referentinnen und Referenten darauf Bezug nehmen, dementsprechend haben wir sie auch ausgewählt. Bisher stand das Tagungsthema – 2011 war es «Typisch Schweiz?», 2013 «Weissraum» und 2015 beschäftigten wir uns mit dem Thema «Tempo» – für unseren Geschmack etwas zu wenig im Fokus. Dieses Jahr soll es anders sein.
Wen habt ihr eingeladen?
Das Spektrum ist breit: Wir haben Gäste, die reines Typedesign machen wie zum Beispiel Nina Stössinger, aber auch solche, die von anderen Gebieten her kommen, etwa die Illustratorin Silja Götz, den Buchcover-Spezialisten David Pearson oder den Schauspieler Matthias Flückiger, der ein Stück über verlorene Buchstaben rezitieren wird. Auch Musik ist natürlich ein Thema, Ohr und Auge gehören schliesslich zusammen; am Samstag ist Remo Caminada zu Gast. Er hat Interaction Design und Visuelle Gestaltung studiert und vor kurzem noch ein Studium in Gesang und Komposition angehängt. Beim Thema Resonanz musste er einfach dabei sein, zumal es gerade in der Gestaltung auch oft um Rhythmus geht. Und am Samstag feiern wir noch die Vernissage des Buchs Zusammenklang von Karl Schimke, der letztes Jahr zusammen mit Natalja Marchenkova-Frei das Konzert mit allen Kirchenglocken komponiert und organisiert hat.
Tÿpo St.Gallen 2017: 10. bis 12. November, Gewerbliches Berufs- und Weiterbildungszentrum St.Gallen, Anmeldung erforderlich typo-stgallen.ch
Potentiale 2017: bis 12. November, Pulverturm Feldkirch potentiale.at
Wo sind die Ostschweizerinnen und Ostschweizer – abgesehen vom Buchgestalter Jost Hochuli, der ja zu den Stammgästen gehört an der Tÿpo St.Gallen?
Berechtigte Frage. Wir haben alle möglichen Aspekte zu berücksichtigen versucht: Alter, Themen- und Arbeitsgebiete, Herkunft und natürlich auch das Geschlecht – dieses Jahr sind über 50 Prozent der Gäste Frauen. Was die Herkunft angeht, war es etwas schwieriger. Weil wir irgendwann gemerkt haben, dass ein grosser Teil unserer Referentinnen und Referenten heute nicht mehr dort wohnt, wo sie aufgewachsen sind. Das zieht sich fast wie ein roter Faden durchs Programm: Wir haben zum Beispiel Basler, die heute in New York oder Wien leben, eine Wienerin, die ursprünglich aus dem Voralberg kommt und eine Moskauerin, die in München wohnt, die Illustratorin aus Bayern, die in Spanien wohnt. Remo Caminada ist Bündner und ein Ostschweizer im weiteren Sinn, lebt zurzeit allerdings in Italien. Die Ostschweiz ist also vor allem mit Jost Hochuli, Hans Peter Kaeser, dem Sitterwerk und unserem Rundgang in der Stiftsbibliothek am Sonntag vertreten.
Angesichts der vielen Besucherinnen und Besucher aus dem umliegenden Ausland braucht die Tÿpo St.Gallen vielleicht ja gar nicht so viel Ostschweiz-Bezug?
So könnte man auch argumentieren, ja. Mich persönlich interessierte der Schritt über die Grenze schon immer sehr – ein absolutes Herzensthema. Schauen wir einige Jahrzehnte zurück: Die Schweizer Typografie wäre niemals zu dem geworden, was sie heute ist, wären im Zweiten Weltkrieg nicht so viele Kreative in die Schweiz gekommen, die sich mit den Einheimischen «verbündet» und neue Kräfte freigesetzt haben. Das funktioniert bis heute so.
Die Tÿpo St.Gallen ist also vor allem auch eine gute Gelegenheit, sich mal nicht im eigenen Saft zu drehen.
Klar! Die eigene Perspektive zu erweitern ist ohnehin extrem wichtig. Mein erster Besuch an der Tÿpo Berlin im Jahr 2000 beispielsweise war ein kreativer Meilenstein. Seither besuche ich regelmässig Konferenzen im In- und Ausland, nicht zuletzt, weil es auch dabei hilft, sich ein Netzwerk aufzubauen und dieses zu pflegen.
Das Alphabet der guten Nachbarschaft, Buchpräsentation mit Jost Hochuli: 10. November, 19:30 Uhr, anschliessend Apero
Bleiben wir bei der Grenzüberschreitung: Was ist das für ein Buchprojekt, das Jost Hochuli am Freitag vorstellt?
Das Alphabet der guten Nachbarschaft ist in Zusammenarbeit mit der Potentiale entstanden, dem Festival zur Stadtraumgestaltung in Feldkirch, das dieses Jahr einen Schwerpunkt Typografie hat. Das Buch erzählt in 26 Kurzgeschichten, was die Ostschweiz mit dem Vorarlberg verbindet und umgekehrt. Jost Hochuli hat die Buchgestaltung gemacht, ich habe ihn in der Organisation und Koordination unterstützt. Im Rahmen dieser Zusammenarbeit haben wir am 26. Oktober auch einen «Typotag für die ganze Familie» organisiert. Dieser Bereich interessiert mich sehr, weil ja jede Person, die beispielsweise mit Word arbeitet, ebenfalls Typografie macht. Fast alle überlegen sich, wie man den Titel gestaltet, welche Schriftgrösse man für den Lauftext wählt oder wie man Zwischentitel und anderes abheben kann usw. Oder anders gesagt: Ich will zeigen, dass man auch Wärme in einen Text bringen kann, ohne Comic Sans zu verwenden.
Dieser Text erschien im Novemberheft von Saiten.
Die Sonderausstellung «Baustelle Erinnerung / ‹Hitler entsorgen› – Arbeiten am belasteten Erbe» im Vorarlberg Museum in Bregenz beschäftigt sich damit, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit Gegenständen aus der NS-Vergangenheit aussehen kann. Ausserdem berät das Museum Privatpersonen, die solche Gegenstände besitzen.
Es geht um uns Menschen und unser sonderbares und verheerendes Verhalten. «Humans» heisst die grosse Einzelausstellung des Ostschweizer Künstlers Olaf Breuning. Viele Arbeiten sind speziell für die Schau im Museum Allerheiligen in Schaffhausen entstanden.
In Wil fand am Wochenende das Rock am Weier statt. Seit 25 Jahren gibt es das Festival, und trotz inzwischen grösserer Namen ist es immer noch kostenlos. Ein Verein organisiert es nicht-profitorientiert und fördert regionale Acts. Unsere Autorin ist an den Ort ihrer musikalischen Sozialisation zurückgekehrt. Eine Reportage.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Ausstellung im Museum Rosenegg
Kabarett in Herisau
Debatten um Machismus, Deepfake-Pornos, häusliche Gewalt und Femizide sind beinahe alltäglich. Was können Männer gerade tun, wenn sie unter Generalverdacht geraten? Frauenhausleiterin Katja Hämmerli Keller, Florance Hildebrand vom feministischen Streikkollektiv Thurgau und Manuel Benjamin Lehmann vom Forum Mann diskutieren Lösungsansätze.
Kommentar zur SVP-Chaosinitiative
Das AFO, das Architektur Forum Ostschweiz, diskutiert und vermittelt seit 30 Jahren Baukultur. Am kommenden Freitag wird das Jubiläum gefeiert und die neuste Artikelserie der guten Bauten als Buch präsentiert.
Minasa bekommt also doch Geld aus dem Lotteriefonds: Der Kantonsrat hat dem von Saiten und Thurgaukultur.ch aufgebauten Projekt, das den grössten Veranstaltungskalender der Ostschweiz ermöglicht, die Finanzierung für drei weitere Jahre gesichert.
Inna Shevchenko fragt im Dokumentarfilm Girls and Gods, ob die monotheistischen Weltreligionen mit Feminismus vereinbar sind. Auf der Suche nach Antworten begegnet sie widersprüchlichen Theorien und mutigen Frauen. Und bleibt nicht nur stille Beobachterin.
In eigener Sache
Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative
Theateraufführung
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Ein paar Federn, ein angeknabberter Tannenzapfen, ein Stück Plastik: Tiere und Menschen hinterlassen Spuren. Diesen widmet das Naturmuseum St.Gallen seine aktuelle Sonderausstellung «Spuren – Fährten, Frass und Federn».
In einer neuen Ausstellung wagt sich das Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen an eine Neuvermessung des Verhältnisses von Kunst und Religion.
Hinter dem St.Galler Hauptbahnhof soll ein Konsumraum für Menschen mit schweren Suchterkrankungen entstehen. Diese Woche haben die Stadt und die Stiftung Suchthilfe Anwohner:innen eingeladen, um einen ersten Dialog zu starten.
Es ist seine letzte Session nach zehn Jahren im St.Galler Kantonsrat. SP-Kulturpolitiker Martin Sailer setzt künftig ganz auf den Zeltainer. Das Geld für den Neubau in Wildhaus ist fast zusammen, 2027 soll es losgehen.
Die Ansiedlung des Internet Archive Switzerland in St.Gallen ist Piero Stinelli zu verdanken. Er kontaktierte vor zehn Jahren die Verantwortlichen von archive.org aus eigenem Antrieb. In den 90er-Jahren war der Mitgründer von Vadian.net und Klang und Kleid ein Internetpionier.