, 11. Mai 2018
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«Man kann nicht die Globalisierung kritisieren, aber bei Amazon einkaufen»

Wie sehen die Jungen die Errungenschaften der 68er-Bewegung? 
Ist die sexuelle Befreiung nur ein Mythos? Und welche linken Kämpfe müssten wir heute und morgen führen? Alice Weniger, Reto Schuler, Pius Frey und Judith Eisenring geben Antwort.

Illustration: Miriam Schöb, Fotografie: Andri Bösch

Saiten: Pius, wie muss man sich das Leben und die Gesellschaft in St.Gallen vor 1968 vorstellen?

Pius Frey: Oberstier! Auch kulturell lief nur sehr wenig, aber in St.Gallen dauert ja alles immer ein bisschen länger. Die 68er-Bewegung hier ist eigentlich erst entstanden durch die Bewegungen in anderen Städten. Es gab damals eine kleine Gruppe um Chris Schmid und Hazi Hädener, die mobilisiert hat (mehr dazu im Heft auf Seite 22, Anm. d. Red.). Und es gab auch eine Handvoll linker Studenten an der HSG, aber die sind schnell wieder verschwunden nach dem Abschluss.

Wie würdet ihr aus heutiger Sicht den Geist der 68er-Bewegung beschreiben?

Alice Weniger: Die Bewegung hatte sicher eine grosse Wucht. Ich hätte auch gerne in dieser Zeit gelebt, habe aber auch den Eindruck, dass vieles ziemlich romantisiert wird, gerade auf der sexuellen Ebene. Die Frauen waren damals wohl doch nicht so «befreit», wie man es uns heute weismachen will.

Pius: Die 68er werden ja fest mit der Studentenbewegung verbunden, mit dem politischen Kampf. Für mich waren aber die Musik und die Drogen auch ein Teil davon. Und diesen gesellschaftlichen Wandel darf man nicht unterschätzen, das war ein totaler «Change». Ich bin mit einigen älteren Kollegen an meine ersten Rock-Konzerte gegangen, wir haben Dope geraucht – das war eine grossartige Zeit. Was du über die Geschlechter sagst, Alice, das ist schon richtig. Der grosse Umbruch passierte nicht damals, der kam erst mit den nachfolgenden Bewegungen.

Pius Frey, 1954, ist Kulturaktivist und Mitbegründer der Buchhandlung Comedia.

Reto Schuler: Du hast gesagt, dass die Gesellschaft vor 68 sehr stier gewesen sei. Dann gab es plötzlich Kultur und Konzerte, man hat Drogen ausprobiert, was vorher undenkbar gewesen ist – das hat doch durchaus auch eine politische Dimension…

Pius: Zum Teil schon, ja. Die sogenannten Hippies damals haben wir aber ein bisschen belächelt, ehrlich gesagt. Ich habe sie nie als wahnsinnig politisch empfunden… Die Rollenverhältnisse beispielsweise waren bei den Hippies nicht wirklich ein Thema.

Judith Eisenring: 68 heisst für mich «Gegen das Establishment». Egal ob Studentinnen und Studenten, Bürgerrechtlerinnen, Arbeitnehmende oder Hippies: Sie alle haben sich gegen das Althergebrachte aufgelehnt. Die Nachkriegszeit muss ja wirklich eine wahnsinnig spröde Angelegenheit gewesen sein – das können wir uns heute gar nicht mehr vorstellen. Es ging vor allem darum, diesen 60er-Jahre-Groove zu sprengen, weg von diesen Bildern der perfekten Hausfrauen mit Petticoats und toupierten Haaren.

Pius: Ja, ich erinnere mich noch gut: Meine Mutter kämpfte damals engagiert für das Frauenstimmrecht, mein Vater liess sich davon überzeugen. Das hat ordentlich Schwung ins kleinbürgerliche Familienleben gebracht!

Das Frauenstimmrecht wäre in der Schweiz wohl noch später eingeführt worden, hätte es die 68er nicht gegeben.

Judith: Absolut! Nach 68 war plötzlich etwas möglich. Das hatte aber auch damit zu tun, dass es bereits vorher an vielen Orten gebrodelt hat. Vor 68, in der Nachkriegsgeneration, hat frau sich vielleicht noch eher gefügt, aber die freiheitlichen Ideen waren auch damals schon da.

Alice: Ich will gar nicht wissen, wie die Welt heute aussähe ohne den Einsatz all dieser Frauen vor uns…. Trotzdem: Es gibt noch einiges zu tun.

Pius: Besonders beeindruckt hat mich damals die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung in Amerika. Wir hatten keinen Fernseher, aber ich habe eine Zeit lang bei den Meienbergs gelebt und dort am TV die Riots mitverfolgt. Auch die Mutter Meienberg, die einen sehr ausgeprägten Gerechtigkeitssinn hatte, war der Meinung: Die haben völlig recht. In den Medien wurde der Kampf der afroamerikanischen Bevölkerung allerdings sehr negativ dargestellt. Man hat sie als böse und schlecht hingestellt – Antikommunismus war damals sehr «in» bei den Bürgerlichen und rechten Sozialdemokraten.

Reto: Die Verurteilung von Protesten hat ja bis heute Tradition. Leute, die nicht gerade ultrafriedlich protestieren, werden in der Regel sehr negativ dargestellt in den Medien, werden als Chaoten oder Terroristen bezeichnet.

Pius: Hey, bei den ersten Demos Ende der 60er-Jahre war noch die Rede von Saubannerzügen!

Wir haben heute eine offenere Gesellschaft, leben verschiedene Lebensmodelle, haben die Gleichstellung, mehr demokratische Teilhabe, ein einigermassen funktionierendes Sozialsystem etc. Wie nachhaltig sind diese Errungenschaften?

Reto: Die heutige Gesellschaft ist sicher nicht zu vergleichen mit jener der 60er-Jahre, aber ich finde sie nach wie vor repressiv. Mir scheint, als wären wir stillgestanden. Man hat den Leuten damals ein paar Zückerchen hingeworfen, damit sie Ruhe geben, aber wenn man heute den Kampf weiter aufnehmen will, fühlen sich alle gleich in ihrer Freiheit eingeschränkt. Ein aktuelles Beispiel dafür ist die #MeToo-Debatte und der Umgang damit seitens vieler Männer.

Alice: Absolut, ja! Es ist völlig absurd, wie sich der Fokus dieser Diskussion gewandelt hat: Statt sich mit Sexismus und Missbrauch auseinanderzusetzen, fragen sich die Männer, was sie denn eigentlich noch dürfen. Das muss man sich mal geben: Eine Debatte über Sexismus endet damit, dass sich die Typen eingeschränkt fühlen. Das ist pervers, aber auch symptomatisch für unsere Zeit.

Reto: Das passt auch zu diesem «Man wird ja wohl noch sagen dürfen»-Reflex. Wenn man heute als linke Person hinsteht und Dinge kritisiert, ist man immer mindestens der Spielverderber oder gleich von der «linken Zensurbehörde».

Alice: Oh ja. Aber die Welt ist nun mal komplexer geworden. Früher waren die Forderungen konkreter, man konnte für die Abtreibung oder fürs Frauenstimmrecht auf die Strasse gehen. Heute sind die Themen diffuser – das verstehen leider nicht alle…

Judith: Genau, und wenn wir ehrlich sind, stehen wir immer noch am Anfang in Sachen Gleichstellung. Wir sind immer noch bei der Lohnfrage. Die Gleichheit ist zwar gesetzlich verankert, aber bei der Umsetzung haperts massiv.

Nochmal zur sexuellen Befreiung: Judith, wie schätzt du diesbezüglich die Rolle der 68er ein?

Judith: Die sexuelle Befreiung wird ja gerne in der 68er-Bewegung verortet, aber tatsächlich verantwortlich dafür ist meines Erachtens die Pille. Plötzlich war die Angst vor der ungewünschten Schwangerschaft nicht mehr im Vordergrund. Weibliche Lust in der Sexualität war und bleibt revolutionär.

Judith Eisenring, 1963, seit den 80er-Jahren frauenbewegt.

Pius: Da kommt mir grad Das kleine rote Schülerbuch in den Sinn, das 1969 veröffentlicht wurde und auch Anleitungen zur Drogeneinnahme und zur Selbstbefriedigung beinhaltete. In der Schweiz war es verboten – die Buchhandlung Kaeser in St.Gallen hatte es trotzdem in der Auslage und wurde darum von überlebenswichtigen Grosskunden boykottiert!

Judith: In der 80er-Bewegung, wo ich aktiv war, war die Diskussion unter uns Frauen: Müssen wir denn diese komische Pille überhaupt nehmen oder geht lustvoller Sex auch ohne? Und allgemein: Ist die Verhütungsfrage nicht gleichberechtigter zu lösen? Dann kam Aids. Das war ein ziemlicher Hammer, aber ein probates Mittel gegen die allgegenwärtige «Gummiallergie».

Pius: Und es gab ja auch davor schon Geschlechtskrankheiten… Nochmal zu den Frauen: Ich habe mich ab 1970 in Basel im POB-Umfeld bewegt, der Vorläuferin der Progressiven Organisationen der Schweiz (POCH). Wir lebten in einer WG, die stark von Frauen geprägt war. Das feministische Umfeld damals hatte schon ordentlich Power und hat auch viele Männer der linken Szene durchaus verunsichert.

Judith: Weil es einfach darum ging, dass Mann seine Privilegien aufgibt.

Alice: Diese Forderung ist ja leider nach wie vor brandaktuell.

Judith: Und das Thema Frauen hat zum Teil auch Bewegungen gesprengt. St.Gallen war vermutlich stets klein genug, dass wir uns immer wieder zusammengerauft haben. Aber im Zürich der 80er-Jahre hat man sich regelmässig gespalten aufgrund von unterschiedlichen Ansichten zum sogenannten Nebenwiderspruch: Zuerst die Revolution, dann regeln wir das mit den Frauen.

Alice: Ist das denn heute wirklich anders? Als ich begonnen habe, mich in linken Kreisen zu bewegen, bin ich ziemlich auf die Welt gekommen: Auch hier grassiert der Sexismus, und wie! Das zieht sich immer noch durch die ganze Gesellschaft. Trotzdem war ich schockiert.

Ihr versteht euch alle als explizit linke Menschen. Vorhin haben wir gehört, wie steif die Gesellschaft vor 68 war. Ein bisschen kiffen, lange Haare haben und sich sexuell austoben hat ja noch wenig mit Linkssein zu tun. Kann man die 68er überhaupt als linke Bewegung bezeichnen?


Pius: Nur bedingt. Ich habe damals meine Lehre in Basel gemacht, und mein Chef in der Gewerbeschule war ein strammer PdAler, wobei es die Partei der Arbeit ja schon vor 68 gab. Im Rückblick war das ein richtig reaktionärer Sack. Mit Drogen, Rockmusik und langen Haaren konnte der gar nichts anfangen. Die Kommunisten damals waren ziemlich kleinbürgerlich, wenn ihr mich fragt. Viele, die früher in Basel die Arbeiterpartei gewählt haben, wählten später die Nationale Aktion, ähnlich wie Didier Eribon den Rechtsruck vieler «Alt-Linken» in Frankreich beschreibt. Es gibt auch 68er, die rückblickend gar nicht mehr dabei gewesen sein wollen, andere sind in der Wirtschaft gelandet – und einige vielleicht noch in der SP.

Wie glaubwürdig findet denn ihr Jungen eure Vorkämpferinnen und Vorkämpfer?

Reto: Einerseits habe ich grossen Respekt für ihren Einsatz für eine freiere und gerechtere Welt, andererseits frage ich mich auch bei vielen selbsternannten Linken in der Schweiz, was sie noch mit dem Linkssein zu tun haben. Man gibt sich ein bisschen kulturnah und alternativ, aber scheut den realen politischen Kampf. Das regt mich auf. Ich persönlich kann mit den meisten 68ern nicht sehr viel anfangen, entweder sind sie zu zahm geworden oder sie haben den Kampf gänzlich aufgegeben – was ich ja auch verstehen kann, schliesslich kostet er Kraft. Aber: Politisch ist es falsch, wenn man in der Vergangenheit verharrt, und dieses Gefühl habe ich in St.Gallen sehr oft.

Alice: Die Frauen der 68er- und 80er-Bewegung sind für mich grosse Vorbilder, vor allem wenn man die schwierigen Zeiten bedenkt, in denen sie gekämpft haben. Allerdings weiss ich nicht, wie sie sich heute positionieren würden. Ich glaube, sie wären mit vielem nicht einverstanden, wofür ich mich einsetze, aber das ist zu erwarten, schliesslich liegen 50 Jahre dazwischen.

Alice Weniger, 1995, ist Teil des queerfeministischen Kollektivs «Die Leiden der jungen Bertha».

Reto: Linke Kämpfe müssen immer wieder von vorne geführt werden, habe ich das Gefühl. Wenn man zurückschaut, haben wir einiges erreicht, aber wenn man von der Utopie her denkt, gibt es noch verdammt viel zu tun. Damit will ich nicht die früheren Kämpfe abwerten, sondern vielmehr die Notwendigkeit der heutigen Kämpfe betonen.

Judith: Wieso verschweigen wir die feministische Geschichte? Franziska Schutzbach hat es am 8. März in der Hauptpost richtig gesagt: In der Schule nimmt man dreimal den Zweiten Weltkrieg durch, aber über die Einführung des Frauenstimmrechts wird nichts gelehrt; das feministische Wissen ist nicht kanonisiert. Sind wir dafür nicht alle verantwortlich? Schliesslich gibt es genug ehemals «Bewegte», die pädagogisch arbeiten.

Alice: Es wird definitiv immer noch viel zu viel totgeschwiegen, auch in den Medien! Ich war im März an der grossen Frauendemo in Zürich. Über 2000 Frauen waren da und man hat es nicht für nötig gehalten, darüber zu berichten, abgesehen von einem reisserischen Artikel über die Sachbeschädigungen einiger «Chaoten» – die ja richtigerweise «Chaotinnen» genannt werden müssten.

Jetzt haben wir genug über die Älteren «gelästert», drehen wir den Spiess um: Wie steht es um die Glaubwürdigkeit der jungen St.Galler Aktivistinnen und Aktivisten?

Judith: Ich finde es super, dass sich hier erneut etwas tut in Sachen Feminismus. Es gibt einige junge Menschen – nicht nur Frauen –, die sich um das Thema kümmern, gewisse Sachen auch neu definieren und mit neuen Inhalten füllen. Genau so haben wir das früher noch nicht gesehen. Wir haben diesbezüglich viel binärer getickt, die Welt nur in Männer und Frauen aufgeteilt. Der Feminismus wird heute diverser diskutiert.

Pius: In St.Gallen hat es immer eine linke Szene gegeben, auf die eine oder andere Art. Heute habe ich aber manchmal das Gefühl, dass sie inkonsequent geworden ist: Viele kritisieren die Globalisierung, spielen das Spiel aber trotzdem mit. Das stört mich. Man kann nicht an einem Abend Vorträge gegen die Ausbeutung halten und am anderen Tag bei Amazon Turnschuhe bestellen.

Alice: Es ist nunmal auch eine Geldfrage, wie beim Bio-Essen: Man muss es sich leisten können. Ausserdem ist es ja nicht so, dass wir dieses System geil finden, nur weil wir darin leben. Wir alle bewegen uns in einer total globalisierten und kapitalisierten Gesellschaft, aus der man nicht einfach aussteigen kann.

Pius: Das ist doch eine faule Ausrede. Es gibt viele Ausweichmöglichkeiten, und wenn man schon auf politisch macht, sollte man nicht alle kapitalistischen Spiele mitspielen.

Alice: Erstens machen wir nicht auf politisch, wir sind es! Zweitens setzen wir uns durchaus mit unseren Lebensumständen auseinander und wissen, dass wir nicht frei von Widersprüchen sind bzw. sein können. Man kann ja nicht auf alles verzichten, aber auf so vieles wie möglich.

Judith: Ich habe auch manchmal Angst, dass gewisse Themen entpolitisiert werden. Nehmen wir den Feminismus, auch der ist mittlerweile stark kommerzialisiert. Wir wurden früher noch für unsere Haltung verteufelt, heute ist Feminismus hip und wird gar von grossen Modelabels, die uns nach wie vor Schönheitsideale diktieren, zur Verkaufsförderung missbraucht.

Alice: Ja, dieser Ausverkauf des Feminismus ist eines dieser Themen, das uns bei den Berthas* am meisten beschäftigt.

Reto: Der Kapitalismus ist leider unheimlich gut darin, Widerstandsbewegungen zu vereinnahmen, nicht nur den Feminismus.

Pius: Dasselbe ist ja auch dem Punk passiert. Und mit der 68er-Bewegung.

Welche Kämpfe müsste man denn heute unbedingt führen?


Reto: Die gleichen, die wir schon seit Jahren führen – leider! Wo soll ich beginnen… Beim Wiedererstarken der Rechten? Bei der Gleichberechtigung? Beim Klima? Oder doch beim Kapitalismus, der angeblich so alternativlos ist?

Reto Schuler, 1984, unentschieden-vielseitig bewegt.

Alice: Dem schliesse ich mich an.


Judith: Ich mich auch. Und die Entsolidarisierung ist ebenfalls ein grosses Thema für mich bzw. die fortschreitende Individualisierung.

Pius: Für mich steht nach wie vor die soziale Frage im Zentrum. Früher war ich beim Arbeitsgericht tätig, heute bei der Schlichtungsstelle. Wenn ich sehe, was im Gastgewerbe und anderen Branchen teilweise abgeht, stehen mir die Haare zu Berge. Leider beschäftigt sich die linke Szene heute viel zu oft mit Moralin und Lifestyle-Angelegenheiten.

Judith: Care Arbeit wäre auch ein total wichtiges Thema. Vieles haben wir ja einfach outgescourct, nehmen wir das Putzen: Früher haben wir uns dagegen gewehrt, dass es an den Frauen hängen bleibt, heute haben wir halt eine Putzfrau – selbst die linke WG leistet sich «eine Perle»! Gelöst ist damit nichts, im Gegenteil, wir haben diese Tätigkeiten nur günstig auf migrantische Leute und Sans Papiers abgewälzt, vergleichbar damit ist Sexarbeit.

Alice: Da stimme ich dir absolut zu, Judith. Darum müsste man auch für die simple Anerkennung kämpfen: Es gibt in unserer Gesellschaft noch immer ein rassistisches, klassistisches und sexistisches Denken. Das muss uns allen endlich bewusst werden, nicht nur innerhalb der Linken.

Reto: Care Arbeit muss man aufwerten, klar. Andererseits könnte man auch sagen: Lohnarbeit muss grundsätzlich abgewertet werden! Warum sollen wir 100 Prozent arbeiten müssen? Wir sollten uns besser fragen, was wir eigentlich vom Leben wollen und wie wir dort hingelangen. Es kann ja nicht sein, dass wir fünf Tage die Woche arbeiten, um dann zwei Tage irgendein Abenteuer zu suchen, weil wir das Gefühl haben, sonst nicht richtig zu leben.

Was kann «die Kultur» tun im Kampf für eine freiheitliche, gerechtere Welt?

Alice: Erstmal müssen wir die Bühnen mit Frauen* besetzen. Und damit meine ich nicht eine 50:50-Quote oder so, sondern vielmehr Anlässe, die ganz von Frauen getragen werden. Als wir im Februar im Engel einen solchen auf die Beine gestellt haben, wurden wir von einigen dafür kritisiert, aber wenn es umgekehrt ist, fällt das nicht einmal auf. Bühnenpräsenz ist wichtig!

Ist denn die St.Galler Kulturszene aktuell politisch genug dafür?

Pius: Ich bin ja seit Beginn in der Grabenhalle engagiert. Früher gab es da viele Veranstaltungen von und für Frauen. Wenn die Technik nicht funktioniert hat, haben sie trotzdem immer mich und die anderen Männer angerufen. Diesbezüglich könnten die Frauen noch etwas aufholen. Früher gab es auch viele homosexuelle Veranstaltungen, aber die sind auch wieder grösstenteils verschwunden bzw. haben den politischen Touch verloren. Ich fände es schön, wenn die Kulturveranstaltungen in der Stadt wieder mehr politische Inhalte hätten. Andererseits läuft heute auch viel mehr als früher.

Judith: Ich sehe das anders, das Politische ist durchaus lesbar in der St.Galler Szene. Für eine Stadt unserer Grösse haben wir doch ein sehr breites, auch politisch geprägtes Kulturangebot. Und viele Kulturschaffende setzen sich durchaus kritisch mit dem herrschenden Zeitgeist auseinander. Aber ja: Früher hatten wir einen oder zwei Anlässe pro Woche zur Auswahl, heute habe ich manchmal fast schon einen Stress, weil so viel Interessantes läuft.

Alice: Ich habe einige Freunde und Freundinnen in der jungen Kunstszene St.Gallen. Darunter gibt es eher unpolitische, aber auch viele sehr politische Leute. Eine junge Künstlerin vom Kunstkiosk zum Beispiel hat kürzlich eine Ausstellung zum Thema Sexismus und sexuelle Gewalt gemacht.

Reto: Ich finde auch, dass ein gewisses kulturelles Überangebot besteht. Und viele Sachen könnten meiner Meinung nach noch politischer sein und weniger auf Konsum ausgelegt. Vielleicht müssten wir uns einfach öfters zusammentun, die Kulturleute und Aktivistinnen.

Von wegen zusammentun: Die 68er hatten noch keine Hashtags und Sozialen Medien, trotzdem hat das mit der Mobilisierung geklappt. Heute sind wir schon froh, wenn einige Dutzend Leute an eine Demo kommen. Polemisch gefragt: Wieso immer demonstrieren, wenn wir auch hacken oder mit anderen Mitteln Widerstand leisten könnten?

Reto: Halt, halt! Ich bin absolut für Demos. Weil wir uns so den öffentlichen Raum nehmen, aber vor allem, weil es die Leute einander näher bringt. Die Menschen kommen zusammen, reden miteinander, sehen sich. Nur so können wir gemeinsam Ideen entwickeln.

Alice: Da herrscht definitiv ein anderes Gemeinschaftsgefühl, ja. Wir haben doch vorhin darüber geredet, dass der politische Kampf ein anstrengender ist: Dieser Moment, wenn man gemeinsam auf der Strasse ist, wenn man zusammen wütend und laut ist, gibt einem immer auch wieder die Kraft zum Weitermachen. Es tut gut, mit Gleichgesinnten zusammen zu sein. Man macht gemeinsam Erfahrungen von Euphorie und auch Angst. Das schweisst zusammen und ist auch ein guter Kontrast zum sonstigen Leben, das ja oft im Internet stattfindet.

Ich wollte damit nicht sagen, dass wir nicht mehr auf die Strasse gehen sollten. Es geht mir um die Frage, welche zusätzlichen Mittel, welche neuen Ideen es gibt, um Widerstand zu leisten.

Alice: Das Internet und die mobilen Geräte werden künftig sicher eine wichtige Rolle spielen. Und ja, es gibt eine gewisse Technikverdrossenheit in der Linken, aber das wird sich auch wieder ändern. Die Rolle von Twitter während der Mobilisierung zum «Arabischen Frühling» etwa war ja sehr mächtig, und es gibt immer mehr Leute, die die neuen Medien und die Digitalisierung für ihre Kämpfe zu nutzen wissen. Ich glaube, die Sozialen Medien und der Kampf auf der Strasse gehen Hand in Hand.

Judith: Und es muss beides stattfinden. Ohne #Metoo hätte es die grossen Demonstrationen in letzter Zeit wohl so nicht gegeben. Die neuen Medien sind ein Mittel zur Mobilisierung, aber der breite Protest muss nachher in echt stattfinden.

Reto: Vor allem wenn man bedenkt, dass kapitalistischen Konzerne unsere Kommunikation lenken und bestimmen.

Dieser Beitrag erschien im Maiheft von Saiten.

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