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«Man muss das heutige Geldwesen einschränken»

Reinhold Harringer vom Vollgeld-Initiativ-Komitee über den «grossen Dietrich», die Kritik am Abstimmungsbüchlein und die Argumente der Gegner.
Von  Corinne Riedener
Reinhold Harringer, fotografiert von Andri Bösch.

Früher dominierte die Realwirtschaft, heute fliessen weltweit etwa vier Fünftel des Geldes in die Finanzwirtschaft. Wie ist es dazu gekommen?

Reinhold Harringer: Schwer zu sagen… Eine Vorbedingung dafür war sicher die Geldschöpfung der Banken durch die Vergabe von Krediten. Man hat sich damit neue Möglichkeiten geschaffen, um Geld zu produzieren. Dadurch ist es sehr viel einfacher geworden, beispielsweise Wertschriften oder Liegenschaften zu kaufen: weil man das Geld nicht zuerst gespart haben muss. Das hat auch Vorteile gebracht und für eine grosse wirtschaftliche Dynamik gesorgt. Der britische Historiker Niall Ferguson zum Beispiel sagt, dass es die Industrialisierung ohne die virtuelle Geldschöpfung so nie gegeben hätte. Darum sollte man das heutige Geldwesen nicht verteufeln – aber man muss es einschränken.

Warum gehört Geld, neben Sex und Macht, zu den Themen, die die Menschen am meisten aufwühlen?

Goethe hat es so formuliert: «Habt Dank ihr Dietriche, ihr seid der Trost der Welt, durch euch erlang ich ihn, den grossen Dietrich: Geld!» Es geht also um die fast absolute Verfügbarkeit der Dinge. Man kann sich nicht alles kaufen mit Geld, aber sehr vieles. Und im Unterschied zu andern Gütern nimmt der sogenannte Grenznutzen nicht ab: Wenn man fünf Äpfel isst, ist der Hunger gestillt. Aber beim Geld gibt es keine Sättigung, im Gegenteil. Wer viel davon hat, will meistens noch mehr. Selbst die Glücksforschung sagt: Geld macht nicht glücklich, aber es vereinfacht vieles.

Reinhold Harringer, Dr. oec., war von 1989 bis zur Pensionierung
 2011 Finanzamtsleiter der Stadt St.Gallen. Er ist Mitglied und Sprecher des Vollgeld-Initiativ-Komitees.

Wie halten Sie es persönlich mit dem Geld?


Mich interessiert es vor allem auf theoretischer Ebene. Ich habe selber auch schon grössere Mengen Geld verwalten dürfen, bin aber schlicht kein Spekulant. Geld anzulegen macht mir nicht wirklich Freude, denn man muss auch verstehen, dass wenn die Aktienkurse steigen, irgendjemand diesen Wert erarbeitet hat. Darum sehe ich es auch nicht gerne, wenn die Schweizer Nationalbank weltweit Geld an- legt und damit Teil des internationalen Finanzkapitals wird. Das ist ein falsches Selbstverständnis der Nationalbank, sie müsste sich mehr als Währungsbehörde verstehen, weniger als Bank der Banken.

Im April haben Sie bzw. das Initiativ-Komitee eine Abstimmungsbeschwerde wegen Fehlinformation eingereicht, die sich
gegen die Nationalbank, die Finanzdirektoren und auch gegen den Bundesrat richtet. Warum?

Die Initiative wird von der SNB und vom Bundesrat praktisch halbiert: In unserem Initiativtext steht, dass die Nationalbank einerseits schuldfreies Geld in Umlauf bringt und andererseits den Banken befristete Darlehen geben kann. Die Nationalbank und der Bundesrat interpretieren das so, dass jegliches neue Geld schuldfrei sein muss und klammern den zweiten Weg zur Geldschöpfung, die Darlehen an die Banken, völlig aus. Dieser ist jedoch sehr wichtig, denn so kann die Nationalbank auch weiterhin über die Zinsen steuern, Devisenkäufe tätigen oder die Geldmenge verklei- nern. All das wird im Abstimmungsbüchlein verschwiegen.

Daneben enthält es noch zahlreiche andere Fehler: Es heisst zum Beispiel, dass der Finanzsektor 5,6 Prozent der Gesamtbeschäftigung in der Schweiz ausmache. Das ist irreführend, denn diese Zahl umfasst die Banken und die Versicherungen, welche mit der Abstimmung gar nichts zu tun haben. Die Banken machen lediglich 3 Prozent aus. Ausserdem schreibt der Bundesrat, dass Banken auf zwei Arten Kredite vergeben können: indem sie Geld schaffen oder in- dem sie das Geld der Sparer weitergeben. Auch das ist falsch. Bei der Kreditvergabe werden keine Spargelder von Kunden weitergeben. Das wäre erst mit der Annahme der Vollgeld-Initiative der Fall.

Sie sagen, dass man mit dem Vollgeld die Verschuldung der Gesellschaft massiv reduzieren könnte. Wie funktioniert das genau?

Unsere Idee ist es, einen Teil des Geldes schuldfrei in Um- lauf zu bringen, sozusagen den Grundbedarf der Schweizer Volkswirtschaft. Wir reden dabei von etwa 300 Milliarden. Heute ist das sogenanntes Schuldgeld, das über Bankkredite in Umlauf gekommen ist. Dieses Geld wollen wir peu à peu durch schuldfreies Geld der Nationalbank ersetzen.

Eine Hauptsorge der Initiativgegner ist, dass man von den normalen Banken keine Kredite mehr bekommt, weil sie nur noch ausleihen können, was 100-prozentig gedeckt ist – und die Wirtschaft dadurch zum Erliegen kommt. Was entgegnen Sie?

Das stimmt schlicht nicht. Die Nationalbank hat den Auftrag, neben der Preisstabilität auch für Vollbeschäftigung zu sorgen und kann den Banken jede Geldmenge geben, um dieses Ziel zu erreichen. Deshalb ist diese Angst völlig unbegründet. Ausserdem ist es ja so, dass in der Schweiz sehr viel gespart wird und die Sparer wären vermutlich froh, wenn sie dieses Geld anlegen und damit einen Zins erwirtschaften könnten.

Eine andere Befürchtung ist, dass die Nationalbank durch das Vollgeld eine zu starke Monopolstellung hätte.

Es ist ja nicht die Nationalbank, die die Kredite vergibt. Sie macht nur das Geld und gibt es den Banken, die es dann ihrerseits als Kredite vergeben. So gesehen hat sie bei der Kreditvergabe kein Monopol, sondern legt lediglich den Rahmen für die Kreditvergabe seitens der Banken fest. Es stimmt auch nicht, dass die Nationalbank im Alleingang die Geld- menge festlegt. Wenn sie Darlehen an die Banken vergibt, bestimmt über die Nachfrage auch der Markt über die Schaffung von Geld. Die Nationalbank kann auf diesem Weg die Geldmenge steuern, indem sie die Zinsen je nach Konjunkturlage festlegt.

Der Bundesrat sagt, dass das Vollgeld nicht zwingend vor Krisen schützt. Ist diese Angst begründet?

Vollgeld kann uns nicht vor internationalen Krisen schützen, aber es kann die Auswirkungen auf die Schweiz mindern, da unser Geld «sicher» wäre. Eine schweizerische Immobilien- blase hingegen könnte man mit dem Vollgeld-System sicher besser vermeiden als im heutigen System, da die Nationalbank stärker die allgemeine Wirtschaftsentwicklung im Auge hat, während die Banken bei der Kreditvergabe eigene Interessen verfolgen.

Das Finanzsystem ist global. Kann Vollgeld überhaupt funktionieren, wenn nur die Schweiz mitmacht?

Ja, wir sind dieser Meinung. Das Ausland merkt nichts von dieser Umstellung. Wir zahlen weiterhin mit Schweizer Franken und wie dieser hergestellt wird, interessiert im Aus- land niemanden. Entscheidend ist das Vertrauen in die Währung. Ausserdem wird international bereits heute mit Notenbankgeld, also mit Vollgeld gearbeitet.

Die aktuelle Geldpolitik hat viel zur Umverteilung von unten nach oben beigetragen. Momentan geistert auch wieder die Idee einer Finanztransaktionssteuer herum. Was halten Sie davon?

Auch ein interessanter Ansatz. Marc Chesney, ein Finanzprofessor aus Zürich, arbeitet gerade an einer entsprechen- den Initiative. Er geht aber noch weiter und fordert eine Mikrosteuer auf jede Transaktion, nicht nur auf jene an den Finanzmärkten. Wenn man also eine Flasche Mineralwasser kauft, zahlt man beispielsweise eine Mikrosteuer von 2 Promille darauf. Beim Wasser macht das natürlich sehr wenig aus, aber wenn man für fünf Millionen Aktien handelt, schenkt das schon ein – und würde laut Chesney letztlich sogar dazu führen, dass praktisch alle anderen Steuern ab- geschafft werden könnten.

Zum Schluss ein Bick in die Kristallkugel: Wie ist Ihre Abstimmungsprognose?

Die jüngsten Umfragen haben eine Zustimmung von 35 bis 40 Prozent ergeben – das wäre ein tolles Resultat. Alles unter 30 Prozent würde mich schmerzen, alles über 40 wäre sensationell.

 

Die Initiative:

Vollgeld ist ein vollwertiges, gesetzliches Zahlungsmittel, das von der Nationalbank hergestellt wird. Bis jetzt gelten nur Münzen und Banknoten als Vollgeld. Das von den Banken erzeugte Geld ist kein gesetzliches Zahlungsmittel, sondern lediglich ein Versprechen der Bank, bei Bedarf Bargeld auszuzahlen.

90 Prozent der Geldmenge besteht heute aus elektronischem Geld, das von den Banken in Umlauf gebracht wird. Die Vollgeld-Initiative
will diesen Zustand ändern und das verwirklichen, was sich die meisten Menschen wünschen oder heute schon für Realität halten:
1. Die SNB stellt nicht nur Münzen und Banknoten her, sondern auch das elektronische Geld. Damit wird jegliches Geld zum gesetzlichen Zahlungsmittel und erstmals völlig sicher. Neues Geld soll schuldfrei über den Staat oder die Bürger oder als verzinslichte Darlehen an die Banken in Umlauf kommen.

2. Banken sollen nicht selber hergestelltes Geld verleihen, sondern Geld vermitteln, das sie von Sparern, andern Banken oder der Nationalbank erhalten haben – was einem traditionellen Bankenverständnis entspricht und die Krisenanfälligkeit des Bankensystems massiv reduziert. Die Banken blieben weiterhin zuständig für Zahlungsverkehr, Vermögensverwaltung und Kreditvermittlung.

Weitere Informationen: vollgeld-initiative.ch

Dieser Beitrag erschien im Juniheft von Saiten.

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