, 4. Februar 2018
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«Man riecht das Duschgel im Orchestergraben.»

Eine Reportage aus den maroden Werkstätten des Theaters St.Gallen. von Nina Rudnicki

Hinter den Kulissen des renovationsbedürftigen Theaters St.Gallen. (Bilder: Hannes Thalmann)

Annette Hummel zieht ein paar Kisten unter dem Waschbecken hervor und zeigt auf dunkle Flecken auf dem Boden. «Hier, das ist Schimmel. Wahrscheinlich gibt es irgendwo undichte Leitungen», sagt die Leiterin der Maske des Theaters St.Gallen. Die dunklen Flecken sind symptomatisch für den baulichen Zustand des Theaters, über dessen Sanierung am 4. März kantonal abgestimmt wird. Das grösste Problem sind sie allerdings nicht.

Viel mehr fehlt es an Platz, Tageslicht und Heizungen für die rund 265 Mitarbeitenden. Vor allem die 86 Mitarbeitenden der technischen Abteilung, wozu nebst der Maske unter anderem die Schlosserei, die Beleuchtung, die Wäscherei, die Requisitenabteilung und die Schneiderei gehören, sind davon betroffen.

20 Quadratmeter für zehn Maskenbildnerinnen und -bildner: die Perücken-Werkstatt. Auf dem Bild: Annette Hummel (Leiterin Maske) und Deborah Rentsch (Volontärin Maskenbildnerin).

Die Maskenabteilung im zweiten Obergeschoss setzt sich zusammen aus einer rund 20 Quadratmeter grossen Perücken-Werkstatt sowie der eigentlichen Maske, einem höchstens knapp halb so grossen Raum mit vier
Schminktischen. «Vom Umbau erhoffe ich mir, dass wir vor allem mehr Raum bekommen», sagt Annette Hummel.

«Vor einem Musical müssen wir beispielsweise 30 Personen durch die Maske schleusen. In diesem kleinen Raum befinden sich dann vier Künstler und vier meiner Mitarbeitenden gleichzeitig. Wir arbeiten Ellbogen an Ellbogen. Und auch Stauraum gibt es hier bis auf zwei Schränke keinen.»

Ein weiteres Problem ist laut Hummel, dass die Temperatur in dem engen Raumrasch ansteigt. Fenster zum Lüften gibt es keine. Annette Hummel arbeitet seit 20 Jahren beim Theater St.Gallen. Es sei ein Theater von hoher Qualität und mit einem guten Team. «Das und der Kontakt zu den vielen Menschen sind für mich die Hauptgründe, weshalb ich schon so lange hier arbeite», sagt sie. Dafür nehme sie auch all die Einschränkungen in Kauf.

Gleich gegenüber der Maske befindet sich die Werkstatt, in der pro Saison bis zu 60 Perücken angefertigt werden. Die Heizung in dem Raum lässt sich nicht mehr regulieren und steigt stets auf die Maximaltemperatur. Zehn Maskenbildnerinnen und -bildner arbeiten dort. Ihre Arbeitsplätze sind rund um einen Tisch in der Mitte des Raumes verteilt. Auch hier ist alles so eng, dass die Werkstatt eher die Bezeichnung Abstellraum verdient. Den Luftschacht über der Türe hat Annette Hummel mit einem Karton zugeklebt. Weil die Luft, die dort herauskomme, nicht mehr die gesündeste sei.

Zu klein – aus einer Zeit, als das Theater oft noch mit Prospektmalerei arbeitete: das Bühnen-Magazin.

«Wir brauchen die Sanierung, und vor allem brauchen wir mehr Raumkapazität. Hygienische Arbeit muss hier möglich sein», sagt sie. Geplant ist, die Maske um zwei Arbeitsplätze auf sechs zu erweitern. Ausserdem soll die Hauswand des Theaters auf der Westseite um einige Meter nach aussen versetzt werden, sodass mehr Platz für die Innenräume entsteht.

Schon nach diesem Einblick ist klar: Der Zustand des Theaters ist viel schlechter, als ein Aussenstehender es erwarten würde. «Es gibt Stimmen, die behaupten, das Theater sei von Anfang an eine Fehlplanung gewesen. Dem möchte ich aber widersprechen», sagt Georges Hanimann, der technische Leiter des Theaters.

«Vor 50 Jahren wurde einfach ganz anders Theater gespielt. Das Bühnenbild bestand damals oft aus Prospektmalerei. Heute ist hingegen alles dreidimensional. Das braucht viel mehr Platz und grössere Werkstätten.» Im Bühnenbild-Magazin gleich neben der Bühne lagern unter anderem ein riesiger Baumstrunk, mehrere Meter hohe Stellwände, Autos, Treppen, Palmen und zimmergrosse Glaskästen. An der höchsten Stelle ist ein Drittel des Raums 7,50 Meter hoch, die restlichen zwei Drittel haben nur eine Höhe von 5,50 Metern.

Im Zuge der Sanierung soll dieser Deckenabschnitt nun angehoben werden. Auf der anderen Seite der Bühne befinden sich die Handkonterzüge, mit denen die Bühnenbildteile vom Schnürboden von der Decke herabgelassen werden können. Aktuell werden die Handkonterzüge noch manuell betrieben. Im Schnitt kommt etwa während einer Musical-Vorstellung laut Hanimann alle vier Minuten etwas Neues auf die Bühne. Jetzt sollen die Handkonterzüge durch elektrische Seilwinden ersetzt werden.

Bühnenbilder werden noch per Handkonterzug ausgewechselt: bei Musicals alle vier Minuten. Auf dem Bild: der technische Leiter Georges Hanimann.

Von der Bühne geht es hinunter in den Orchestergraben und von dort aus über eine schmale und steile Treppe hinab in den Keller mit den beiden Garderoben der 65 Musikerinnen und Musiker. Ein strenger Geruch liegt in der Luft. Ob er von einer defekten Lüftung oder von einer defekten Fäkalienpumpe kommt, ist laut Hanimann nicht klar. «Der Geruch ist bei uns Musikern immer ein Thema. Wenn jemand geduscht hat, können wir im Orchestergraben das jeweilige Duschgel riechen», sagt Karl Schimke, der seit über 20 Jahren im Theater St.Gallen Tuba und Cimbasso spielt.

Der Geruch und die stickige Luft im Untergeschoss sind für die Mitglieder des Orchesters belastend. Ein noch grösseres Problem sind aber auch hier die beengten Platzverhältnisse. Im Eingangsbereich hat jeder einen eigenen Spind. Daneben befinden sich gerade einmal zwei Frauen-WCs und zwei Pissoirs. «Gerade vor den Vorführungen staut es sich vor den WCs und es herrscht ein Gedränge», sagt Karl Schimke.

Auch die beiden Stimmzimmer für die Bläser sind viel zu eng. Sie müssen sich zu zehnt einen Raumteilen und sich dort gleichzeitig einspielen. «Dabei wird es natürlich extrem laut hier drin. Und jeder muss noch lauter spielen, um sich selber zu hören. Wir bräuchten dringend mehr und bessere Räume sowie Massnahmen zum Dämpfen», sagt er.

«Der Geruch ist immer ein Thema»: Karl Schimke, der Mann an der Tuba, im Orchestergraben.

Im Untergeschoss sind nebst der Orchestergarderoben unter anderem auch die Beleuchtung und die Requisitenwerkstatt untergebracht. Zu ihnen gelangt man über Treppen, verschlungene Gänge und zahlreiche Ecken. «Es dauert ungefähr zwei Wochen, bis sich neue Mitarbeitende hier unten zurechtfinden», sagt Hanimann. Dann führt er vorbei am Luftschutzbunker mit Platz für 400 St.Gallerinnen und St.Galler. Auch diese Räume sind längst zu Werkstatt- und Lagerorten umfunktioniert.

In der Beleuchtungsabteilung stehen zahlreiche Regale voller Scheinwerfer, Lampen, Kisten und Kabel. Das erste, was auffällt, sind allerdings braune Wasserflecken an der Decke und am Boden. «Über uns ist das Foyer. Irgendwo in der meterdicken Decke ist die Bodenheizung durchgerostet. Das Leck haben wir aber nie gefunden. Seither ist sie ausgeschaltet», sagt Hanimann. Die sechs Mitarbeitenden arbeiten in den niedrigen Räumen ohne Heizung und Tageslicht.

«Das schlägt natürlich auf das Gemüt», sagt Andy Enzler, der die Beleuchtungsabteilung seit zehn Jahren leitet und seit 20 Jahren beim Theater St.Gallen ist. Beim Theater arbeitet er, weil er die familiäre Stimmung und die wechselnden Projekte schätzt. Ausserdem sei es spannend, wie rasant sich die Beleuchtung beispielsweise rund um die ganze LED-Technik verändere, sagt er. «Aber natürlich ist das hier unten im Keller kein angenehmer Arbeitsort.» Die Beleuchtung soll im Zuge der Sanierung im unterirdisch gegen Westen erweiterten Bereich eine Werkstatt mit Tageslichteinfall erhalten.

Im Theater gibt es weder einen Trocknungs- noch einen Bügelraum. Auf dem Bild: Alma Greco improvisiert.

Vom Keller führt Georges Hanimann nochmal hinauf ins Dachgeschoss und in den Ballettsaal. Dort ist die versetzte Deckenstruktur das Problem. Die Hälfte des Raums ist zu niedrig, um Hebefiguren üben zu können. Auffällig sind aber auch die Kleiderständer entlang des ganzen Flurs vor dem Ballettsaal. Dort sind die Kleider aus der Wäscherei zum Trocknen aufgehängt. Denn im Theater gibt es weder einen Trocknungs- noch einen Bügelraum.

«Zum Bügeln muss ich in die Künstlergarderoben hinunter», sagt Alma Greco, die seit 30 Jahren beim Theater St.Gallen arbeitet. «Das Problem ist allerdings, dass dort jeden Tag vor den Vorführungen alles wieder weggeräumt werden muss.»

Der Hauptarbeitsort von Alma Greco ist der Waschraum neben dem Ballettsaal. Er ist gefühlte fünf Quadratmeter gross und fensterlos. Es gibt Platz für zwei Waschmaschinen. «Nach einer grossen Produktion bleibt keine Zeit für das Vollprogramm, da muss ich oft im Kurzprogramm waschen», sagt sie. Zu schaffen machen ihr aber auch die weiten Wege zwischen dem Waschraum im Obergeschoss und den zum Bügelzimmer umfunktionierten Garderoben im Erdgeschoss.

Eigentlich ein genialer Saal: von fast jedem Platz aus eine ausgezeichnete Sicht auf die Bühne.

«Ich wünsche mir einen beheizten und grossen Raum für alles und ein Fenster zum Lüften», sagt sie. «Das würde auch viel Weg und Zeit sparen.» Im Rahmen der Raumerweiterung gegen Westen sieht das Renovationsprojekt im Bereich der Garderoben für die Wäscherei einen angemessenen Bereich vor. 48,6 Millionen Franken kostet die geplante Sanierung des Theatergebäudes. Einen Plan B habe das Theater nicht, wenn der Kredit am 4. März abgelehnt werde. «Wir müssten die Werkstätten dann wohl auslagern, denn sie entsprechen nicht mehr den arbeitsrechtlichen Vorschriften», sagt Georges Hanimann.

«Aber nur schlecht machen kann man unser Theater nicht. Das Gebäude hat auch seine geniale Seite. Es gibt beispielsweise wenige Theatersäle, die so demokratisch angelegt sind. Von fast jedem Platz aus haben die Besucherinnen und Besucher eine ausgezeichnete Sicht auf die Bühne.»

Dieser Text erschien im Februarheft von Saiten.

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