, 24. Juni 2018
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Man will es nicht zugeben

Michael Millius war erfolgreicher Unternehmer in der Privatwirtschaft. Vor zehn Jahren erlitt er ein Burnout und entschied sich, in einem anderen Beruf zu arbeiten. Heute betreut er autistische Menschen in einer Institution für beeinträchtigte Menschen. Notiert von Philipp Bürkler

Fast 20 Jahre lang arbeitete ich als Geschäftsführer bei der Schriftwerk AG, einer Firma, die Leuchtreklamen, Schriften und Werbetechnik herstellt. Ich gründete die Firma 1994 mit zwei Partnern. In dieser Branche hat sich viel verändert. Alles ist schneller geworden in den vergangenen Jahren. Dennoch ist jahrelang immer alles gut gegangen, bis ich vor etwa zehn Jahren erste Veränderungen an mir bemerkte. Ich spürte, dass ich immer weniger ertrug und öfters gereizt war oder sogar aggressiv wurde.

Auslöser für diese Veränderungen waren zum Teil meine Kunden. Manche versuchten zunehmend, den Preis zu drücken und verlangten eine möglichst rasche Lieferung ihrer Aufträge. Die Kundenbeziehung war nur noch einseitig, das konnte ich nicht ertragen. Die wirtschaftlichen Veränderungen, mit denen auch viele meiner Kunden zu kämpfen hatten, plagten mich. Ich plagte wiederum meine Mitarbeiter, weil ich zunehmend gestresst war. Es war ein Rattenschwanz. Ich stand unter Druck und war gezwungen, ihn an die Mitarbeiter weiterzugeben. Der Druck war gross, weil ich Ende Monat die Löhne zahlen musste. Teilweise bin ich den Kunden entgegengekommen, ging mit dem Preis runter, obwohl ich wusste, dass das nicht geht. Manchmal sass ich im Büro einfach da und war eine Stunde lang nicht fähig, das Telefon abzunehmen.

Da war ich nicht mehr ich selber. Dabei pflegte ich eigentlich einen sozialen Umgang mit meinen Mitarbeitern. Etwa 15 waren es zu jener Zeit. Wenn Mitarbeiter ebenfalls unter Druck geraten, arbeiten sie ebenfalls nicht mehr gerne. Die Beziehung zu den Kunden wurde immer einseitiger und unmenschlicher. Es kam nie ein Dank oder sonst eine Aufmerksamkeit. Da habe ich gemerkt: Ich bin nicht der Typ für sowas. Mir ist es lieber, wenn zwischenmenschlich eine engere Bindung besteht, die fehlte mir mit den Kunden fast völlig. Meine Anspannung übertrug sich wiederum auf diese. Ich sagte: Entweder bezahlst du den vorgeschlagenen Preis oder du lässt es eben sein.

«Ich habe sogar meine Familie von mir gestossen»

Das hat mich so sehr beschäftigt, dass ich in der Nacht nicht mehr schlafen konnte und zunehmend an Unzufriedenheit litt. Morgens ging ich auch nicht mehr gerne zur Arbeit. Die Arbeitsausfälle nahmen zu, dazu kamen Magenbeschwerden, Kopfschmerzen und andere gesundheitliche Probleme. Manchmal bin ich am Abend nach Hause gekommen und weinte zuerst zwei Stunden im Schlafzimmer. Obwohl mir meine Familie helfen wollte, habe ich sie teilweise von mir weggestossen. Ich wollte einfach alleine sein und mochte nicht mehr kommunizieren. Mit niemandem. Trotzdem versuchte ich, meine Probleme immer noch zu verdrängen. Man will es nicht zugeben, obwohl die Familie, das Umfeld, die Mitarbeiter, einfach alle, bemerkten, dass etwas nicht mehr stimmt mit mir. Der Körper war mit dem Geist nicht mehr zufrieden. Und dann war da noch die ständige Schlaflosigkeit.

Vor knapp zehn Jahren war es noch eine Schande, zugeben zu müssen, dass man es nicht mehr schafft. Heute sind wir zum Glück gesellschaftlich etwas weiter. Dennoch probierte ich alles, um nicht stigmatisiert zu werden. Zu Beginn hatte ich extrem Mühe mit der Stigmatisierung. Was ist, wenn mich jemand am Vormittag beim Einkaufen sieht? Die könnten ja denken, ich sei ein fauler Typ? Für mich und meine Frau war aber klar: Wenn jemand fragt, sagen wir, wie es ist und nicht, ich würde ein Sabbatical oder sonst was machen.

Es war schwierig, den Kollegen gegenüber, den Mitarbeitern, der Wirtschaft generell, eingestehen zu müssen, dass es nicht mehr geht. Ein halbes Jahr lang konnte ich nicht mehr arbeiten. Dann dachte ich: Du schaffst das. Mit einem 20-Prozent-Pensum bin ich wieder an meinen Arbeitsplatz zurückgekehrt und machte gleichzeitig eine Therapie. Aber schon wenige Monate später kehrten die Symptome zurück. Dann bin ich aus der Geschäftsleitung ausgestiegen, um wieder mehr an der Basis zu arbeiten. Diese Entlastung half auf die Dauer aber auch nicht. Trotzdem machte ich weiter, bis es definitiv nicht mehr ging. Vor knapp fünf Jahren entschied ich mich, aus der Privatwirtschaft auszusteigen und etwas anderes zu machen. Ich stellte mir die Frage, ob ich überhaupt ein Unternehmer-Typ bin.

Es gibt noch ein anderes Leben

Doch was wollte ich tun? Ich war damals schon knapp vor 50. Wer würde mich noch nehmen? Und in welches Berufsfeld sollte ich mich bewegen? Weil ich bereits als Unternehmer soziale Projekte unterstützt hatte – beim Schriftwerk bildeten wir Menschen mit Lernschwierigkeiten aus –, dachte ich mir, warum nicht umschulen auf einen sozialen Beruf? 2014 habe ich erfahren, dass es in Rheineck an der BZSG eine verkürzte zweijährige Lehrausbildung für Erwachsene zum Fachmann Betreuung von Kranken oder Behinderten gibt. Das machte es für mich einfacher, ich konnte mir nicht vorstellen, mit 16-Jährigen nochmals die Schulbank zu drücken, aber mit Erwachsenen, das klang gut.

Um diese Lehre beginnen zu können, brauchte ich jedoch zuerst eine Stelle in einer sozialen Einrichtung. Bei vielen Bewerbungen erhielt ich Absagen, teilweise stiess ich auf Unverständnis. Arbeitgeber und Betreuungspersonen solcher Institutionen verstanden nicht, weshalb ein erfolgreicher Unternehmer mit 50 den Beruf wechseln sollte. Einige Arbeitgeber sagten mir sogar, dass ich das keine zwei Monate durchhalten würde. Auch Menschen aus meinem Umfeld schüttelten den Kopf. Das geht doch nicht, das ist doch ein beruflicher Abstieg, haben sich die gedacht.

Schliesslich durfte ich ein sechsmonatiges Praktikum bei der Stiftung Waldheim in Walzenhausen machen, um zu schauen, ob Pflege und Betreuung für mich passen. Vor drei Jahren konnte ich dort schliesslich die Lehre beginnen. Ich arbeitete vier Tage die Woche und besuchte an einem Tag die Berufsschule. Das war neu für mich, ich musste wieder Prüfungen schreiben. Da die Lehre verkürzt ist, lernte ich nur das Fachwissen und hatte keine Allgemeinbildung. Vor einem Jahr habe ich die Ausbildung abgeschlossen und arbeite immer noch im Waldheim. Ich betreue autistische Menschen, die ihren Alltag ohne Betreuung nicht selber meistern können.

Ich arbeite zwar 100 Prozent, aber es fühlt sich nicht so an. In den Pausen kann ich wieder entspannter auf Menschen zugehen. Ich merkte, dass es auch noch ein Leben gibt neben der Arbeit. Seit der Druck weg ist, kann ich die Menschen und die Umwelt wieder anders wahrnehmen.

Die Reaktionen, auch aus meinem Umfeld, haben mich schon überrascht. In vielen Köpfen herrscht immer noch ein Statusdenken. Man muss sich legitimieren durch den Lohn und ein grosses Auto. Dass man auch glücklich sein kann mit weniger Geld, verdrängen viele. Dennoch sagten mir auch viele, dass sie das eigentlich auch gerne machen würden, sie sich aber nicht trauten, wegen der finanziellen Einbussen.

Es kann nicht so weitergehen. Die Kliniken sind voll mit Menschen, die Gleiches oder Ähnliches wie ich erlebt haben.

Ich glaube nicht, dass ich nun ein besserer Mensch bin, nur weil ich im sozialen Bereich arbeite. Aber ich mache sicher für die Bewohner mehr als früher für die Kunden. Die Kunden können auch ohne Schriften leben, die Bewohner sind auf uns Betreuerinnen und Betreuer angewiesen. Das gibt schon ein besseres Gefühl, und das Tempo ist enorm entschleunigt. Früher haben die Kunden das Tempo diktiert, heute sind es die Bewohner. Es ist schön, zum Beispiel mit den Bewohnern spazieren zu gehen. Diese Entschleunigung fehlt in der Privatwirtschaft und täte ihr gut.

Für unsere Jungen oder kommende Generationen wird der zunehmende Leistungsdruck unserer Gesellschaft ein Problem. Klar, sie wachsen in dieses Wirtschaftssystem hinein, aber auf Dauer können auch junge Menschen diesem Druck nicht standhalten. Entschleunigung und die Folgen von Stress wie etwa Burnout sollten auch an Universitäten und anderen Schulen unterrichtet werden, wo künftige Wirtschaftskapitäne ausgebildet werden.

Meine Kinder waren während meinem Burnout zwischen 10 und 12. Sie hatten Mühe mit meinen Weinausbrüchen, konnten meine Aggressionen nicht verstehen. Als ich weinte, sagte ich immer: Geht raus, geht weg. Das war schon ziemlich schwierig für meine Kinder. Aus heutiger Sicht muss ich sagen, sie haben das alle sehr gut gemacht. Ich verdiene heute zwar weniger, dafür ist meine Familie happy, sie hat mehr von mir als früher.

Dieser Beitrag erschien im Juniheft von Saiten.

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