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Martin Schläpfers getanzter Fussabdruck

Einst Ballettschüler in St.Gallen, heute einer der führenden Choreografen Europas: Martin Schläpfer hat am Montag in der Lokremise den grossen Kulturpreis der St.Gallischen Kulturstiftung erhalten. Und seine Kunst mitgebracht.
Von  Peter Surber
Preisträger Martin Schläpfer in der Lokremise. (Bilder: Urs Oskar Keller)

Die Gäste kommen von weit her, viel Englisch ist zu hören, der Festredner bringt einen Hauch von Wien nach St.Gallen, im Publikum unter anderem Meisterchoreograf Heinz Spoerli: Wenn St.Gallen eines seiner international erfolgreichsten künstlerischen «Kinder» ehrt, wird die Stadt und Region selber einen Abend lang ein bisschen grösser.

Möglich macht es die liberale Preis-Praxis der St.Gallischen Kulturstiftung; hätte sie ebenso penibel auf den regionalen kulturellen «Fussabdruck» ihres Preisträgers Wert gelegt wie die Stadt St.Gallen, die 2018 dem Theatermacher Milo Rau ihren grossen städtischen Preis aus diesem Grund nicht gab: Der Montagabend in der Lokremise wäre so nicht möglich gewesen.

Tatsächlich fehlt der «Fussabdruck» in der Ostschweiz; die choreografische Arbeit von Martin Schläpfer konnte bisher nur kennen, wer ihm nachgereist ist an seine Wirkungsorte, insbesondere in Deutschland. Umso wichtiger, dass an diesem Abend zwei seiner kürzeren Choreografien live zu erleben sind. Das Theater St.Gallen wäre die angemessene Bühne – jetzt spendiert es zumindest den Tanzteppich für die Lokremise, freie Sicht haben allerdings nur die vorderen Sitzreihen.

Yuko Kato und Marcos Menha in Schuberts Tänzen.

Schuberts Tänze sind das musikalische Material für das zweite der beiden Stücke. Der immergleiche Dreivierteltakt wirkt darin keinen Moment einförmig – Yuko Kato und Marcos Menha vom Ballett am Rhein Düsseldorf Duisburg formen daraus eine verspielt-melancholische, hintersinnige Bewegungsetüde, einen formvollendeten Pas de deux, der die Ballett-Tradition würdigt und ihr zugleich frech die Zunge zeigt.

Zusammen mit dem anderen Tanzstück, einem pantomimisch aufgeladenen Solo von Marlúcia do Amaral auf György Ligetis Ramifications, wird in der Lokremise andeutungsweise spürbar, was die Qualität von Martin Schläpfers choreografischen Arbeiten ausmacht. Corinne Schatz, die Präsidentin der Kulturstiftung, hebt das musikalische Gespür und die Sinnlichkeit und Emotionalität jenseits aller konkreten «Handlung» hervor. Und Laudator Gerhard Brunner macht klar, wie intensiv hier der Tanz aus der Musik entwickelt wird – und dennoch seine Autonomie behält.

Marlúcia do Amaral in Ramifications.

Die Neuerfindung des Klassischen

Brunner, Tanzpublizist und einst seinerseits Direktor am Wiener Staatsopernballett, bringt Schläpfers Kunst auf den Begriff des «radikalen Klassizismus». Und warnt den Preisträger nebenbei launig vor der Provinzialität Wiens in Sachen Tanz, von Anton Webern einst als «landesübliches Ballettgehüpfe» verspottet.

Klassisch ist die Prägung: Martin Schläpfer, aufgewachsen im Rheintal, absolviert eine Ballettausbildung in der Tanzschule von Marianne Fuchs am Theater St.Gallen, ist zehn Jahre Tänzer bei Heinz Spoerli, «principal dancer» in Winnipeg, dann Ballettdirektor in Bern, in Mainz und schliesslich seit zehn Jahren in Düsseldorf. Gerade ist dort seine letzte Premiere über die Bühne gegangen (mehr dazu hier) – jetzt übernimmt er die Riesenaufgabe als Direktor des mehr als hundertköpfigen Ballettensembles der Staatsoper Wien.

Radikal ist der Zugriff: «a little bit of a maniac» sei er, zitiert Brunner den Preisträger selber. Seine Arbeit sei ihm nie gut genug, Zweifel begleiteten ihn ebenso wie Kühnheit. Schläpfers über 40 eigene Choreografien zeigten oft die Schattenseiten des Lebens, den Menschen «in seiner existentiellen Bedrängnis».

Mit Elfen, Prinzen und der ganzen Märchenwelt des klassischen Balletts wolle er nichts zu tun haben: «Seine Welt ist unsere Welt.» Der Spitzenschuh werde unter seinen Händen zu «Waffe, Werkzeug und Fetisch». Schläpfers Haltung passe zu jener des von ihm geschätzten und mehrfach in Choreografien erforschten Komponisten Gustav Mahler: Es gelte, das Feuer zu bewahren statt die Asche anzubeten.

Die Heimat-Prägung

Trotz Schläpfers legendär intensiver und persönlicher Arbeit mit seinen Tänzerinnen und Tänzern, die ihm zum Teil, wie die an diesem Abend auftretenden Ensemblemitglieder, langjährig verbunden bleiben, spricht Brunner aber auch die andere Seite des Preisträgers an: jene des Einzelgängers, der in den Bergen Kraft tanke. Sein Lieblingstier sei der Kaffernbüffel.

Schläpfers Dank ist das passende Echo. Er gilt seinen «dear dancers» und dem Laudator, aber auch seiner Heimat. Schläpfer unterscheidet sie vom blossen «Zuhause», das überall sein könnte. Heimat sei etwas Offeneres, Feineres, Leises, festzumachen an einem Geruch oder einem Bild, geprägt in der Kindheit durch Ersterfahrungen und Ersterlebnisse.

An diesem «Ort, wo man zu leben begonnen hat», den Kulturpreis feiern zu können, sei für ihn besonders berührend. Und die Heimatklänge dürfen dann, bei aller Weltläufigkeit, auch nicht fehlen: Das Jodelquartett Hersche/Looser holt mit Zäuerli und Talerschwingen St.Gallen wieder auf sein gewohntes Mass herunter.

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