, 22. August 2018
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Mauerblümchen und Neophyten

Aus dem Sommerheft: Müssen Einwanderer bekämpft werden? Oder reguliert sich die Natur selber? In der Botanik sind Debatten im Gang, die zeigen: Von den Pflanzen wäre viel zu lernen fürs menschliche Zusammenleben. Anschauungsunterricht bietet die St.Galler Lokremise.

Man übersieht ihn leicht. Er protzt nicht mit spektakulären Blüten oder übermässigem Wuchs. Auch sein Name klingt bescheiden: Mauerlattich (Mycelis muralis), auch Gewöhnlicher Mauerlattich genannt. Die anspruchslose Pflanze wächst aus dem Kies an der Mauer der Lokremise. Ein typischer Ruderalstandort, erklärt die Botanikerin Lea Bona beim Rundgang um die Lok zum Thema «Unterschätzte Stadtnatur». Ruderal meint: steinig, humusarm, trocken und vom Menschen geschaffen oder geprägt. Kiesablagerungen sind Ruderalflächen, oder eben: städtische Brachen, insbesondere Böschungen entlang der Eisenbahn oder Kiesparkplätze. Geringgeschätzt vom Stadtmenschen, blüht hier die Artenvielfalt auf.

Das A und O sind Freiräume

Städte, sagt Bona, seien zwar nicht gerade «Naturschutzgebiete». Aber im Gegensatz zum durch Intensivlandwirtschaft genutzten Land bergen sie eine Vielzahl von Pflanzen auf kleinem Raum. Arten, deren ursprünglicher Lebensraum knapp geworden ist, besiedeln die Stadt als Sekundärstandort. Pflanzen seien anpassungsfähig und mobil – aber nur bis zu einem gewissen Grad, erklärt die Botanikerin: Sie brauchen den ihnen passenden Lebensraum. Und den gibt es in der Stadt besonders variantenreich, vom gepflegten Park über den schattigen Wuchergarten bis zu trockenen Brachen oder Baumbeständen. Zubetonierte Höfe und Parkplätze fördern natürlich das Gegenteil – deshalb müsste es zu einer ganzheitlichen Stadtplanung auch gehören, Böden nicht im Übermass zu versiegeln, Leerflächen und Wildwuchs zuzulassen, kurzum: «nicht alles perfekt zu pützeln».

Um die Lokremise gibt es diese pflanzlichen Freiräume noch. Der Rundgang bietet Kurzinformationen, wie man ihre Bewohner erkennt beziehungsweise, botanisch korrekt formuliert, «anspricht»: vom Mauerlattich zum Nelkenwurz (nützlich als Gewürz), zur Schafgarbe (die mit ihrer ausladenden Blütenkrone eine «schöne Landebahn für Insekten» darstellt), weiter zum Ruprechtskraut, auch Stinkender Storchschnabel genannt wegen seiner Drüsen, die einen unangenehmen Geruch absondern, oder zum Giersch, bei dem es aufzupassen gilt: Zu seiner weitverzweigten Familie gehören nahrhafte Verwandte wie Kümmel, Koriander, Rüebli oder Pastinaken, aber auch Giftpflanzen wie der Gefleckte Schierling und die Hundspetersilie. Der Acker-Schachtelhalm, der gleich daneben wächst, hat seinerseits Verwechslungspotential mit dem (giftigen) Sumpf-Schachtelhalm.

Nicht verwechseln kann man das Johanniskraut, die altbewährte Heilpflanze. Sie steht gerade dieser Tage in voller Blüte und tankt soviel Sonnenenergie, dass sie gegen Depressionen und andere psychische oder körperliche Verdunkelungen verschrieben wird. Und allgemein bekannt ist der Löwenzahn, das Kraut mit ebenso schönem lateinischem (Taraxacum officinale) wie mundartlichen Namen (Chrottepösche, Pusteblume, Bettseicherli).

Armenien hinter der Lokremise

Kleiner Exkurs der Botanikerin: Die seit rund 250 Jahren geltenden Klassifizierungen mit Doppelnamen nach dem schwedischen Botaniker Carl von Linné seien ein Segen, weil sie weltweit verwendet werden und Klarheit schaffen. Dass mit den im Volksmund überlieferten Namen ihrerseits ein Kulturgut bedroht ist, hat der Künstler Uriel Orlow in der jüngst beendeten Ausstellung in der Kunsthalle St.Gallen auf den Punkt gebracht am Beispiel von Südafrika: Die Namen, die die schwarze Bevölkerung für ihre Pflanzen benutzt hatte, kennt kaum noch jemand.

Weitere botanische Rundgänge um die Lokremise mit Lea Bona:
23. August («Geschätzt und bekämpft: Neophyten»)
6. September («Vom Winde verweht: Früchte und Samen»), jeweils 17.30 Uhr.

Politik ist nicht weit weg von der Botanik. Das gilt für Südafrika (mehr dazu online auf saiten.ch/polit-botanik), es gilt aber auch hierzulande. Und besonders beim Reizthema Neophyten. Solche gibt es auch rund um die Lokremise. Zum Beispiel im östlichen Teil des Areals: Hier machen sich zwischen den Containern Brombeerstauden breit. Auffälligerweise sind es zwei verschiedene Arten: die einheimische und die armenische Brombeere. Letztere wächst kräftiger, sie ist an der weissen Blatt-Unterseite zu erkennen und liefert besonders wohlschmeckende Beeren. Ihr Problem: Sie stammt, wie der Name sagt, nicht von hier, sie ist eingewandert ohne Schädlinge und entsprechend, sagt die Botanikerin, ist sie «sehr konkurrenzstark und dominant». Ein Fall für die Schwarze Liste der invasiven Pflanzen.

Einige dieser Zuwanderer-Pflanzen oder Neophyten haben es zu fragwürdiger Berühmtheit gebracht – der Riesen-Bärenklau, die Goldrute, der Götterbaum oder der Japanische Knöterich. Letzterer sei besonders schlimm, sagt Lea Bona. Er wächst an Bachläufen und wurzelt so tief, dass er ausgebaggert werden muss. Auf infoflora.ch sind diese und rund 40 weitere Pflanzen vorgestellt, samt Hinweisen zu ihrer Entfernung und Entsorgung. Das Problem bringt Lea Bona auf diesen Punkt: Dank ihrer Durchsetzungskraft, ihrer «unglaublichen Effizienz» und dem Fehlen von Schädlingen und anderen Feinden entwickeln die Neophyten mit der Zeit monokulturähnliche Dominanz und schaden damit der Biodiversität.

Refugium für Fremde: die Galapagos-Inseln

Entsprechend intensiv, Zivildienstler können ein Lied davon singen, sind die Anstrengungen zu ihrer Bekämpfung. Doch es gibt auch Einspruch. In seinem Buch Die neuen Wilden porträtiert Fred Pearce Lebensräume quer durch die Kontinente, in denen pflanzliche und (meist in deren Begleitung) auch tierische Verteilkämpfe stattgefunden haben oder noch immer stattfinden. Fremdes und Einheimisches bildet neue Ökologien, wie dies der englische Wissenschaftsjournalist an Dutzenden von Beispielen erzählt.

Der Green Mountain auf der Insel Ascension war noch vor 200 Jahren ein fast nackter Vulkanhügel. Dann siedelten britische Kolonisten diverse Bäume und Sträucher an, der nach und nach wachsende Wald zog Tiere an, veränderte das Inselklima – ein «komplett von Menschen geschaffenes Ökosystem», gewachsen nach dem Prinzip Zufall, ein Konglomerat von Spezies, die sich stetig weiter und «gemütlich» untereinander organisieren, schreibt Pearce – und kritisiert, dass dieses bemerkenswerte «ökologische Fitting» die meisten Wissenschaftler nicht interessiere.

Oder die berühmten Galapagos-Inseln, Darwins Studiengebiet Nummer eins: Auf dem vermeintlich abgeschiedenen Archipel mit seinen tierischen und pflanzlichen «Ureinwohnern» seien seit dem 17. Jahrhundert, zuerst dank Kolonisten, heute dank Touristen eine Vielzahl von Arten eingeschleppt worden. Heute gebe es mehr als 500 eingeführte Pflanzenarten, fast so viele wie heimische. Alle millionenschweren Programme zur Eindämmung «invasiver» Arten seien gescheitert, aber dies sei keine Kapitulation, sondern eine Chance.

Sein Fazit: Ökosysteme seien weitgehend «das Produkt des Zufalls. Was die meisten Ökologen einst als natürlich, ursprünglich und dauerhaft ansahen, gilt heute als zufallsbedingtes, junges und von einem ständigen Kommen und Gehen verschiedenster Arten bestimmtes Gebilde.» Die Begriffe «heimisch» und «fremd» hätten daher kaum noch Bedeutung. Nicht Dauerhaftigkeit, sondern Wandel sei die Norm. Mit der Ökologie sei es ähnlich wie mit dem Verlieben: Nicht die romantische Vorstellung, zwei Personen seien «füreinander bestimmt», treffe zu – vielmehr «war der Partner einfach nur in der Nähe, und die Liebe wuchs».

Wandel – oder Ungleichgewicht?

Für die heutigen ökologischen Herausforderungen sieht Pearce daher die traditionelle naturschützerische Haltung ungeeignet. Es könne nicht mehr um «die Rettung bedrohter Arten und die Wiederherstellung der Erde, wie sie einmal war» gehen. Je mehr Schaden der Mensch der Umwelt zufüge, durch Klimaveränderung, Umweltverschmutzung oder Intensivbewirtschaftung, desto wichtiger würden fremde Spezies und neue Ökosysteme für das Überleben der Natur. «Fremde Arten wandeln sich rasch vom Teil des Problems zu einem Teil der Lösung», ist er überzeugt und bricht eine Lanze für die «neuen Wilden».

Botanikerin Lea Bona kann solchen Überlegungen wenig abgewinnen. Diejenigen Pflanzen, die heute auf der Schwarzen Liste der invasiven Neophyten figurierten, seien zweifelsfrei eine Bedrohung für die Vielfalt. «Ihr Mass an Verdrängung schafft ein Ungleichgewicht.» Gefahr gehe insbesondere von Pflanzen aus anderen Kontinenten aus, von ostasiatischen oder amerikanischen Eindringlingen, die evolutiv ganz andere Voraussetzungen hatten.

Es gehe nicht darum, Pflanzen zu «dämonisieren», und mit «Fremdenfeindlichkeit» habe das definitiv nichts zu tun. Vielmehr sei es dringend, das Bewusstsein für die empfindlichen Ökosysteme zu fördern.

Pflanzen sind die besten Demokraten

Dabei könnte es auch darum gehen, von den Pflanzen selber zu lernen. Pflanzen, schreibt der italienische Forscher Stefano Mancuso, machten rund 80 Prozent (nach anderen Schätzungen sogar 90 Prozent) der Lebensmasse auf der Erde aus. Ihre «ungewöhnliche Durchsetzungsfähigkeit» führt er im Buch Pflanzenrevolution darauf zurück, dass die Funktionen, die beim Tier die Organe übernehmen, dezentralisiert über den ganzen Pflanzenkörper verteilt sind. Pflanzen atmen, sehen oder rechnen mit allen Körperteilen – und sind daher auch dann noch lebens- und regenerationsfähig, wenn ihnen der Grossteil davon abhanden kommt. Modular aufgebaut, kooperativ, demokratisch und vernetzt gebaut, seien Pflanzen «gewissermassen der Inbegriff der Modernität».

Zur Lösung eines Problems fällten Pflanzen anders als Tiere in der Regel «keine schnelle, sondern eine gute Entscheidung». Mancuso weiter: «Wer eine optimale Lösung entwickeln will, muss zunächst präzise Daten erheben. Die sesshaften Pflanzen haben daher ein aussergewöhnliches Wahrnehmungsvermögen entwickelt. Als fluchtunfähige Wesen können sie nur überleben, wenn sie unentwegt die verschiedensten chemischen und physischen Parameter, wie Licht, Schwerkraft, verfügbare Mineralstoffe, Feuchtigkeit, Temperatur, mechanische Reize, Boden- und Luftbeschaffenheit analysieren. Sie beurteilen Stärke, Richtung, Dauer, Intensität und weitere Eigenschaften der Umgebungsreize, registrieren biotische Signale, also die mitunter hochkomplexen Signale anderer Lebewesen, wie die Entfernung zu anderen Pflanzen, die Art der Nachbarpflanzen, die Anwesenheit von Schädlingen, Symbionten oder Pathogenen, und reagieren darauf. Was zeigt, wie unsinnig es ist, Pflanzen für empfindungslose Lebewesen zu halten.»

Statt Veränderungen aus dem Weg zu gehen, passten sich die Pflanzen an. Mancuso schildert sie als Meister in Sachen Flexibilität, hierarchieloser Interaktion und dezentralem Handeln. Sie erfüllen damit das Gesetz (als Condorcet-Jury-Theorem in der Mathematik bekannt), dass Entscheide umso optimaler ausfallen, je grösser die Gruppe ist, die sie fällt. Pflanzen nehmen damit, so Mancuso, unter anderem auch die kollektive Intelligenz des Internets vorweg.

Der Mauerlattich im Kies vor der Lokremise würde sich über solche Hochschätzung seiner bescheidenen Existenz vermutlich wundern, wenn er sich wundern könnte. Aber er lässt das Wundern lieber den Menschen und wächst und blüht und vermehrt sich dafür umso erfolgreicher.

Literatur:
Fred Pearce: Die neuen Wilden, Wie es mit fremden Tieren und Pflanzen gelingt, die Natur zu retten, Oekom Verlag München 2016
Stefano Mancuso: Pflanzenrevolution. Wie die Pflanzen unsere Zukunft erfinden, Kunstmann München 2018
Emanuele Coccia: Die Wurzeln der Welt. Eine Philosophie der Pflanzen, Hanser München 2018

Dieser Beitrag erschien im Sommerheft von Saiten. Bilder: Larissa Kasper

 

 

 

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