Taylor Swift sang mal «Why you gotta be so mean?», und ich frage mich auch manchmal, warum Leute so gemein sind. Vielleicht habe ich einen Antwortvorschlag. Aufgrund eines Erlebnisses, das ich kürzlich an einer queeren Party hatte.
Ich tanzte heiter zum Gesamtwerk von Todrick Hall, und herein trat eine schöne Frau, die ich kaum kannte. Vor einigen Monaten hatte sie mir mal Fragen zur Ehe für alle gestellt. Nun kam sie zu mir, lächelte und sagte: «Ah, die Politikerin.
Du hast eine andere Haarfarbe!» – «Korrekt», sagte ich etwas knapp. Egal, zu welchem Zeitpunkt man mir sagt, ich hätte eine andere Haarfarbe, man hat damit eigentlich immer recht.
Sie lächelte. Noch immer. Das irritierte mich; ich hatte noch kaum was gesagt. «Rotes Shirt, hm», meinte sie, mich musternd. (Ich trug ein rotes Shirt. Bauchfrei. Ich sah fantastisch aus.)
«Wie war das schon wieder mit roter Kleidung? Heisst das, dass man vergeben ist oder nicht?»
Mein Verstand brauchte zweieinhalb Sekunden, um zu verstehen, wonach sie fragte. Bitte was? Oooh shiiit. Machte sie mich gerade an?!
Ich ging in den Notfall-Modus. Pretty girl alert! Sie? Mich?! Aaaaaahhhhh. «Äh», sagte ich. Sie war wirklich sehr schön. RIP Anna Rosenwasser.
Mein Hirn schnappte kurz Luft. «Du trägst ja rote Linsen», entgegnete ich, (es war Halloween), «heisst denn das auch was?»
Sie sah mir in die Augen. «Das heisst: parat.» Zwischen meiner Nasenspitze und meinem Hinterkopf gaben sämtliche Synapsen ihren Dienst auf.
Und dann sagte ich es. «Parat? Oder desperate?» Daraufhin war sie ziemlich schnell weg.
Mein Verstand und ich brauchten noch etwa 20 Sekunden, um zu realisieren: Das war das Dümmste, das ich seit Langem gesagt hatte.
Anna Rosenwasser, 1990 geboren und in Schaffhausen aufgewachsen, wohnt in Zürich. Sie arbeitet als Geschäftsführerin für die Lesbenorganisation Schweiz (LOS) und als freischaffende Journalistin. (Illustration: Lukas Schneeberger)
Es ist das eine, Avancen abzulehnen. Nein zu sagen zu Anmachen, ist immer okay. Aber es ist was anderes, offen bekundetes Interesse als Verzweiflung abzuwerten.
Frauen wird oft beigebracht, nicht direkt zu sein, erst recht nicht, wenn ihnen wer gefällt. Das macht es oft schwierig – und zwar allen Geschlechtern –, mit Frauen zu flirten, weil weibliches Begehren abgewertet wird: als schlampig, als schmutzig oder eben als verzweifelt. Desperate.
Das ist wirklich nur unfair. Die junge Frau fand das auch; den Rest des Abends hielt sie einen klaren Sicherheitsabstand zu mir. Ich wünschte, ich hätte es ihr gleichtun können.
Ich war recht wütend auf mich selbst. Nicht, weil ich sie abgelehnt hatte – sondern weil ich gemein war. Why you gotta be so mean? Ich war überfordert! Und nervös! Und doof!
Während ich halbherzig weitertanzte, dachte ich an Situationen, in denen andere Menschen gemein zu mir waren. Wer weiss, vielleicht waren sie auch einfach bloss überfordert und nervös und doof? Vielleicht ist Gemeinsein manchmal nur das: ein Kurzschluss eines überforderten Verstands?
Irgendwann tanzte sie neben mir, bot mir einen Schluck von ihrem Bier an, alles war okay. Offenbar nahm sie mir den Fauxpas nicht krumm, im Gegensatz zu mir selbst. Wie desperate von mir.
Dieser Beitrag erschien im Dezemberheft von Saiten.
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