, 13. Oktober 2016
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Megafone verboten

«Swimmingpools für alle» ist das Motto der Zunder-Solidaritätsaktion für Geflüchtete diesen Samstag in Mörschwil. Dabei geht es auch um Stimmungsmache – im positiven Sinn.

Bild: mapio.net

«Die Jahresrechnung 2015 schliesst mit einem Ertragsüberschuss von Fr. 3’061’695.– ab. Budgetiert war ein Aufwandüberschuss von Fr. 304’200.–», steht im aktuellen Mörschwiler Amtsbericht. Zu verdanken ist dieser «ausgezeichnete Rechnungsabschluss», wie es auf Seite 38 heisst, einer «einmaligen ausserordentlichen Steuerzahlung einer Firma» und fünf Handänderungen, die zu einem einmaligen «Rekordergebnis bei den Grundstückgewinnsteuern» geführt haben.

An der Bürgerversammlung im März dieses Jahres wurde eine Steuersenkung von 87 auf 82 Prozent beschlossen. Damit hat das 3500-Seelen-Dorf Mörschwil den tiefsten Steuerfuss im Kanton St.Gallen. Der höchste liegt bei 162 Prozent.

Das sei einer der grossen und absurden Widersprüche in unserer Wohlstandsgesellschaft, schreibt die Aktion Zunder: «In Mörschwil, einer der reichsten Gemeinden des Kantons und Steuerparadies am Rande der Stadt St.Gallen, herrschen äusserst problematische Zustände für die Menschen in der Asylunterkunft.» Diesen Samstag findet darum eine Solidaritätsaktion beim Bahnhof Mörschwil statt.

Drei Duschen für 30 Leute

Knapp 30 Personen leben zurzeit in der Unterkunft «Edelweiss» an Mörschwils Peripherie. Das Haus sei in einem miserablen Zustand, kritisieren die AktivistInnen, «gerade im Kontrast zu den vielen schicken Einfamilienhäusern in der Umgebung». Es fehle an Küchen- und Putzmaterial, die (drei!) Duschen funktionierten teilweise nicht und das Haus im Allgemeinen sei sehr trostlos eingerichtet. Ausserdem fehle ein gemeinsamer Aufenthaltsraum.

Hier einige Bilder, aufgenommen von Zunder am 30. September 2016:

Lange soll es im «Edelweiss» nicht mehr so aussehen. Im November soll die Unterkunft sanft renoviert werden, vor allem die sanitären Anlagen, Bodenbeläge und Wände, erklärt André Brugger vom Solinetz Ostschweiz. Er kritisiert die Zustände im Haus bereits seit längerem und sass mit am Runden Tisch in Mörschwil Mitte August, wo nach Lösungen gesucht wurde.

Seither habe sich «ein bisschen was getan», sagt Brugger. Unter anderem soll eine Teilzeitstelle geschaffen werden für die Betreuung der Asylsuchenden und ehrenamtlichen Helfer. «Aber so lange dort so viele Personen auf so engem Raum zusammenwohnen, bleiben wir auf jeden Fall dran.»

Symptomatisch für das System

Dass Zunder nun trotz ehrenamtlichem Engagement der ökumenischen Spurgruppe in Mörschwil, trotz Rundem Tisch und Sanierungsplänen eine Demo veranstaltet, passt dem Gemeindepräsident Paul Bühler nicht. Das sei eine Abwertung der Freiwilligenarbeit und blosse «Stimmungsmache», sagt er dem «St.Galler Tagblatt».

Swimmingpools für alle:
Samstag, 15. Oktober, 14 Uhr, Bahnhof Mörschwil
zunder-sg.ch

So falsch ist dieser Begriff gar nicht – wenn man «Stimmungsmache» positiv wertet: «Unsere Kritik betrifft nicht nur Mörschwil, sondern ist allgemeiner Natur», sagt Matthias Fässler von Zunder. «Uns geht es um die Systematik, nur das mindeste für die Unterbringung Geflüchteter zu tun.» Dass die Sanierung so lange auf sich habe warten lassen, dass gewisse Verbesserungen erst vorgenommen wurden, nachdem das Solinetz öffentlich Kritik geübt habe, sei symptomatisch für dieses System.

Zunder sei es nie darum gegangen, den freiwilligen Einsatz der Helferinnen und Helfer in Mörschwil zu kritisieren oder gering zu schätzen», sagt Fässler. «Und wir erwarten auch nicht, dass das Solinetz oder die Spurgruppe zu Demonstrationen aufrufen – dafür gibt es Organisationen wie unsere.»

Solidaritätsaktion mit strengen Auflagen

Ob erwünscht oder nicht, die Demo wird stattfinden. Allerdings mit fast schon absurden Auflagen: Der Umzug muss geordnet und «zügig» ablaufen, es dürfen keine ehrverletzenden oder unanständigen Äusserungen (schriftlich oder verbal) getätigt werden, unnötiger Lärm jeder Art ist zu unterlassen, Megafone oder sonstige Verstärker sind verboten ebenso das unerlaubte Betreten privater Grundstücke – zu denen auch das «Edelweiss» gehört. Weitere Auflagen werden in den folgenden Tagen im «one and only Zunder-Adventskalender» auf Facebook publiziert.

Nochmal zurück zum Mörschwiler Amtsbericht: Ehrenamtliche Arbeit spiele in der praktischen Arbeit der Behörden in vielerlei Hinsicht eine wichtige Rolle, schreibt der Gemeindepräsident. «So können sich Gemeindeverwaltungen Bürgerressourcen konkret nutzbar machen, wenn ihnen im Rahmen ihres staatlichen Handelns keine ausreichenden Möglichkeiten gegeben sind.»

So gesehen müsste man in Mörschwil eigentlich froh sein um jede Hilfe – auch wenn es «nur» die AktivistInnen von Zunder sind, die am Samstag weiteres Putzzeug und andere Alltagsdinge mitbringen wollen. Wer sich anschliessen will, findet hier eine Mängelliste.

Swimmingpools für Alle.Posted by Zunder – Migration jetzt on Donnerstag, 6. Oktober 2016

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