, 3. Februar 2018
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Mehr als ein Dach über dem Kopf

Wohnen betrifft uns alle. Wohnen ist ein Grundrecht. Doch was überlegen sich die, die unsere Wohnungen planen und bauen? Das Architekturforum Ostschweiz will dies in einem breit angelegten Veranstaltungszyklus ergründen. Streitpunkte gibt es genug.

Im Bau: Die Wohnsiedlung Schlösslipark St.Gallen von Holzer Kobler Architekturen. (Rendering: Holzer Kobler Architekturen)

Liest man den einleitenden Text des Architekturforums Ostschweiz, der die Wahl des Jahresthemas Wohnen begründet, sind wir mittendrin in der Sicht der Bauleute: «Wohnen berührt den innersten Kern des Bauens», heisst es da zuerst. Wohnen sei Ausdruck einer Identität und einer gesellschaftlichen Vision. Und so stellen sich Dutzende von Fragen: Wer braucht welche Wohnung?

Während die Gesellschaft sich immer weiter in Teilgruppen aufsplittert, produzieren «der Markt», respektive die grossen Bauinvestoren, bis heute fast ausschliesslich konventionell geschnittene Familienwohnungen. Zum Wohnen gehört aber auch die Natur rundum. Haben wir dafür in der geforderten Verdichtung überhaupt noch Platz? Wer achtet darauf, dass Umgebungsqualität entsteht, die mehr ist als «Abstandsgrün»?

Wohnsiedlung Schlösslipark St.Gallen in Farbe: mehr als «Abstandsgrün»? (Rendering: Holzer Kobler Architekturen)

All dies zu diskutieren wird abendfüllend. Und es geht noch um einiges mehr an den insgesamt acht Montagabenden, zu denen das Architekturforum Ostschweiz einlädt. Jedes Mal sind drei Leute aufs Podium geladen, sie werden unter abwechselnder Leitung von Philosophin Barbara Bleisch SRF (Sternstunde Philosophie) und von Ethiker Jean Daniel Strub (Projektleiter Wissenschaftspolitik beim ETH-Rat) zu Diskussionen herausgefordert.

«Wir haben schon im vergangenen Sommer über das Jahresthema 2018 geplant und immer wieder poppte das Stichwort Wohnen auf», blendet AFO-Vorstandsfrau Sabine Hutter zurück. Und man wende sich mit dem Thema «nicht nur an Fachleute, sondern explizit auch an die breite Bevölkerung». Die Veranstaltungen findet man deshalb erstmals auch auf den Kulturplakatsäulen in der Stadt angekündigt. Das Forum erwartet regen Besuch im Lagerhaus an der Davidstrasse. Die eingeladenen, teils weitherum bekannten Referentinnen und Referenten sollen viel Publikum anlocken.

Nachholbedarf in der Ostschweiz

Über Wohnen zu diskutieren ist gerade in der Ostschweiz nötig, denn in Architektenkreisen wird schon lange bemängelt, dass Investoren in unserer Region wenig Mut zeigen, Neues zu wagen. Wer speziellere Grundrisse oder gemeinschaftliches Wohnen sucht, findet dies in Zürich. Zwar entstehen zurzeit auch in der Stadt St.Gallen die – soweit bekannt – ersten Clusterwohnungen in einem Umbau am Platztor, doch dort, wo Investoren im grossen Stil Wohnungen bauen, etwa auf dem Saurer-Areal in Arbon oder beim Bahnhof Haggen in St.Gallen, stösst man auf Altbekanntes.

Wohnexperimente, wie sie Künstler und Architekt Spallo Kolb in Widnau auf dem ehemaligen Viscose-Areal realisiert hat, sind in der Ostschweiz äusserst dünn gesät. «Wir möchten mit der Veranstaltungsreihe erreichen, dass künftig qualitativ vielschichtigere Wohnungen gebaut werden», so Sabine Hutter. Allzu detailliert in die Kritik an einzelnen Projekten will man sich aber nicht einlassen. Die Themen sind breit angelegt. «Aber das Publikum ist immer aufgefordert, seine eigenen Erfahrungen und Fragen einzubringen».

Experimentierfeld: Spallo Kolbs Viscose_3 auf dem ehemaligen Fabrikareal der Viscose in Widnau. (Bild: Hanspeter Schiess)

Wie heftig die Diskussionen werden, wird sich zeigen. Die erste Veranstaltung vom 5. Februar ist als «Herleitung zum Wohnen» angekündigt. Architekturtheoretiker Akos Moravanszky, die Basler Architektin Anna Jessen (die auch den neuen Studiengang Architektur an der Fachhochschule St.Gallen leitet) und der Architekturphilosoph Christoph Baumberger werden unter der Leitung von Barbara Bleisch diskutieren.

Am 5. März bringt die Runde das Thema auf den Boden der hiesigen Realität zurück. «Brennpunkt Ostschweiz» heisst es dann, es diskutieren Architekt Christian Wick, St.Gallens Stadtbaumeister Hansueli Rechsteiner und Ex-Regierungsrätin Kathrin Hilber. Danach folgen die Themen digitale Baukultur und Freiräume. Ab September werfen die Veranstalter einen Blick über die Schweiz hinaus, es geht um Multikulti beim Wohnen, um Umbrüche und Innovationen.

Teure Neubauwohnungen, hohe Leerwohnungsziffern

Abzuwarten bleibt noch, wie weit auch jene Themen rund ums Wohnen angeschnitten werden, die die Bevölkerung im Alltag beschäftigen: die horrenden Preise der neuen Wohnungen, das Verbauen der letzten Hänge, die noch einen Blick auf den Säntis oder den Bodensee bieten.

Dies sind bei weitem keine städtischen Themen. In Trogen wird gerade der sehr steile Hang zwischen Hauptstrasse und Kantonsschule zugebaut – allein von der Bautechnik her können dort keine günstige Wohnungen entstehen – aber sie bieten Seeblick.

Solange weiterhin soviel Geld eine Anlagemöglichkeit sucht, wird kräftig weitergebaut, auch wenn die Leerwohnungsziffern in den letzten Monaten deutlich angestiegen sind. Jede Pensionskasse sucht Renditen, und die liegen bei Immobilien im Moment noch um ein Mehrfaches höher als bei den mündelsicheren Bundesobligationen.

Wohnen – eine Herleitung: 5. Februar, 19.30 Uhr,
Architekturforum Ostschweiz, Davidstrasse 40, St.Gallen
a-f-o.ch

Aber es gibt bereits Warnlichter: Um Flawil werden Investoren einen Bogen machen, denn dort stehen fast vier Prozent aller Wohnungen leer (Bundesamt für Statistik, Stand 2017). Ganz anders die Lage im Einfamilienhausgewirr von Mörschwil mit einer Leerstandsziffer von nur gerade 0,2 Prozent. Dort ist es fast so unmöglich wie in der Stadt Zürich, eine passende Mietwohnung zu finden.

Die Situation in der Stadt St.Gallen, wo allein im Quartier Haggen im Moment mehr als 200 neue Wohnungen im Bau sind, präsentiert sich bezüglich Leerstände im Mittelfeld. Die absoluten Zahlen aber sind hoch: Bei der Vermittlungsplattform New Home sind 850 Mietobjekte auf dem Gebiet der Stadt St.Gallen ausgeschrieben, bei Homegate sind es 460. Ein genauerer Blick zeigt, dass darunter viele Objekte in Mehrfamilienhäusern aus den 1960er- bis 1980er-Jahren sind.

Diese Wohnungen sind nicht mehr so beliebt. Umso wichtiger – so Sabine Hutter – sei es, «die grosszügigen und räumlich hochwertigen Altbauwohnungen, von denen es in der Stadt St.Gallen zum Glück doch noch einige gibt, zu pflegen».

Begleitend zum Forum zeigt das Kinok Architektur im Film, im Februar «Having A Cigarette with Álvaro Siza». (Bild: pd)

Das Jahr wird zeigen, ob Architektinnen und Architekten auch solche Themen diskutieren – Themen, mit denen sie ihren Auftraggebern, den Investoren, in die Quere kommen könnten. Die Vorträge und Diskussionen werden jedenfalls dokumentiert. Auf den Frühling 2019 hin soll daraus ein Sammelband entstehen. Und nicht nur diese Themenreihe bietet das Forum an. Im Februar, März und April zeigt das Kinok auch wieder je einen Architekturfilm: über Franz Füeg, über Alvaro Siza und über Eero Saarinnen.

Dieser Text erschien im Februarheft von Saiten.

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