Mehr als Sportleibchen
Das Textilmuseum St.Gallen stellt bis zum Ende der Frauen-EM Trikots und andere Utensilien aus. Jedes Exponat erzählt eine eigene Geschichte. Die Geschichte des Frauenfussballs kommt hingegen etwas zu kurz.
Blick in die Ausstellung «Dressed to Win. Women, Football & Textiles» im Textilmuseum St.Gallen. (Bilder: dag)
Trikots sind weit mehr als nur Sportleibchen. In ihnen werden Held:innengeschichten und Tragödien geschrieben, als Merchandise-Artikel sind sie ein Symbol des Zusammenhalts zwischen einem Team und seinen Fans, ein Zeichen der Zugehörigkeit und der Identifikation mit einem Klub oder einem Land.
Auch deshalb sind Trikots von Fussballer:innen begehrte Sammelobjekte: Das Trikot von Diego Maradona aus dem Viertelfinal Argentinien-England an der WM 1986, als er zunächst dank der «Hand Gottes» zum 1:0 traf und wenige Minuten später mit dem «Tor des Jahrhunderts» zum 2:0 nachlegte, wurde 2022 für rund 9,3 Millionen US-Dollar versteigert – damit ist es das teuerste Fussballtrikot der Welt. Für die sechs Trikots, die Lionel Messi auf dem Weg zum WM-Titel Argentiniens trug, bezahlte jemand Ende 2023 insgesamt rund 7,8 Millionen US-Dollar. Und regelmässig versteigern Fussballclubs sogenannte Matchworn-Trikots.
Das Trikot von Diego Maradona von der WM 1986 war bei der Versteigerung im Mai 2022 mit einem Preis von 9,3 Millionen US-Dollar das teuerste Sporttrikot der Welt. Damit löste er Baselball-Legende Babe Ruth ab, dessen Trikot 2019 für 5,6 Millionen US-Dollar versteigert worden war. Der Rekord hielt jedoch nicht lange: Im September des gleichen Jahres brach ihn Baskteball-Ikone Michael Jordan beziehungsweise dessen Trikot, das er 1998 im ersten Spiel der NBA-Finals mit den Chicago Bulls trug. Es wurde für 10,1 Millionen US-Dollar versteigert. Inzwischen ist auch diese Bestmarke nicht mehr gültig. Vor fast einem Jahr, im August 2024, holte sich Babe Ruth den Rekord zurück – und pulverisierte ihn regelrecht: Sein «Called Shot»-Trikot, in dem er 1932 im dritten Spiel der World Series seiner New York Yankees spielte, wechselte für rund 24,1 Millionen US-Dollar den Besitzer. (dag)
Anlässlich der Europameisterschaft der Frauen, die auch in St.Gallen ausgetragen wird, zeigt das Textilmuseum St.Gallen bis 27. Juli die Sonderausstellung «Dressed to Win. Women, Football & Textiles». Zu sehen gibt es 14 Trikots aller Mannschaften und teilweise auch von Spielerinnen, die in den drei Vorrundenpartien im Kybunpark spiel(t)en (Deutschland, Polen, Frankreich, England und Wales), etwa der walisischen Rekordnationalspielerin Jessica Fishlock, die am Mittwoch gegen Frankreich das erste Tor für Wales an einer Endrunde schoss, von Sandie Toletti, die im selben Spiel in der französischen Startelf stand, oder von Kelly Smith, die lange Englands Rekordtorschützin war. Deutschland ist mit zwei Trikots vertreten, die Sissy Raith vom Deutschen Fussball-Bund für ihre Verdienste bekommen hatte.
Das Trikot der weltweit ersten Fussballerin
Natürlich sind auch Trikots der Schweiz sowie von Österreich und Liechtenstein ausgestellt. Die Trikots der Schweizer Frauennati stammen von der Thurgauerin Noelle Maritz, die auch an dieser EM im Kader steht, sowie von den beiden FCSG-Spielerinnen Jana Brunner und Karin Bernet. Ebenfalls zu sehen sind ein Trikot sowie die Handschuhe der legendären ehemaligen Torhüterin Kathrin Lehmann, die als einzige Sportlerin weltweit sowohl im Fussball als auch im Eishockey Titel gewann. In der Ausstellung findet sich auch ein Trikot von Viktoria Gerner (FC Staad) vom ersten offiziellen Länderspiel des Fürstentums Liechtenstein, in dem sie auch das erste Tor für Liechtenstein schoss. Und Elke Scheubmayrs Trikot stammt aus der Anfangsphase des österreichischen Frauenfussballs, als die Frauen noch in den gleichen Trikots wie die Männer spielten.
Das Trikot von Kathrin Lehmann von 1997.
Ein Highlight der Ausstellung ist ein Trikot von Madeleine Boll. «Mado» war 1964 die erste lizenzierte Spielerin der Welt. Beim blau-weiss gestreiften Exponat, das mehr an einen Sommerpulli als an ein Fussballshirt erinnert, handelt es sich um jenes Trikot, in dem sie ihr erstes (und vorerst einziges) Spiel für den FC Sion bestritt. Ergänzt wird es durch die Reproduktionen ihres Spielerpasses – den es damals nur für Spieler gab, nicht für Spielerinnen – und eines Zeitungsartikels.
Die Ausstellung beschränkt sich nicht nur auf Trikots von Spielerinnen: Sie beinhaltet etwa auch eine Trainingsjacke von Marisa Wunderlin (unter anderem von 2021 bis 2025 Cheftrainerin des Frauenteams des FC St.Gallen), die sie als Assistenztrainerin der Frauennationalmannschaft (2019–2022) während der EM 2022 in England trug, oder ein Trikot von Schiedsrichterin Désirée Grundbacher, die an der EM ebenfalls im Einsatz ist. Auch der 2022 erstmals eingeführte Fussball für eine Frauen-EM ist ausgestellt.
Etwas mehr Kontext hätte gutgetan
Ein Wermutstropfen ist allerdings, dass die Ausstellung den Besucher:innen nicht etwas mehr Kontext zur Geschichte des Frauenfussballs bietet, insbesondere jenes in der Schweiz, wo bis Ende der 1960er-Jahre faktisch ein Fussballverbot für Frauen herrschte. So erhielt Madeleine Boll ihre Lizenz damals nur, weil sie der Verband fälschlicherweise für einen Buben hielt. Kaum hatte er den Fehler bemerkt, entzog er ihr die Lizenz wieder. Die Geschichte von Boll wird zwar im Infoblatt kurz erzählt, die Schwierigkeiten bei der Etablierung des Frauenfussballs, die bis heute andauern, werden aber bestenfalls angedeutet.
Auch Videos, die die die Emotionen transportieren und die Geschichten der ausgestellten Trikots erlebbar machen würden, gibt es nicht. Das ist schade, weil dadurch deren Bedeutung weniger gut nachvollziehbar ist.
Für Besucher:innen, die mit (Frauen-)Fussball nicht allzu viel am Hut haben, können gewisse Infos sogar verwirrend sein. So steht auf einer Infotafel, die Schweiz habe 1970 ihr erstes (inoffizielles) Länderspiel gegen Österreich ausgetragen. Im Infoblatt zu den einzelnen Trikots heisst es hingegen, Österreich habe erst 1990 das erste Länderspiel bestritten. Beides ist zwar richtig, hinterlässt aber gerade ohne weitergehende Erläuterungen ein Fragezeichen. (Der Schweizerische Fussballverband wiederum führt in den Statistiken ein Spiel von 1978 als erstes Duell gegen Österreich auf.)
Unter dem Strich ist «Dressed to Win. Women, Football & Textiles» aber eine hübsche Ausstellung, die das Faszinosum Fussballtrikots mit einer interessanten Auswahl an Exponaten vermittelt.
«Dressed to Win. Women, Football & Textiles»: bis 27. Juli, Textilmuseum St.Gallen. textilmuseum.ch
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