Es gibt bereits einen Kulturminister in Bern – wieso braucht es einen zweiten?
Martin Sailer: Es braucht einen «Kulturminister» auf Parlamentsebene. Natürlich ist Alain Berset der Kulturminister, und ich benutze den Namen auch eher augenzwinkernd. Es ist mein Übername im Kantonsrat. Dort habe ich rasch nach meiner Wahl gemerkt: Es gibt Interessengruppen für alles, nur nicht für Kultur. Die Gründung der parlamentarischen IG Kultur war dann eine meiner ersten Aktionen. Inzwischen sehe ich, wie viele Anknüpfungspunkte es für Kulturanliegen gibt – jeweils im Finanzplan, wenn die unsägliche Plafonierung der Kulturgelder zur Diskussion steht, oder im Herbst beim Budget. Bei Kulturthemen kann ich am glaubwürdigsten mitreden und kämpfen.
Wofür muss man kämpfen?
Kultur ist eine Staatsaufgabe – aber das wissen viele nicht oder wollen es nicht wissen. In vielen Köpfen auch hier im Kanton herrscht nur das Bild: Kultur kostet. Das nervt, und dem versuche ich entgegenzuwirken. Man muss den Leuten klar machen, dass das Geld drei- bis fünffach zurück in die Region kommt – aber halt nicht ins gleiche Kässeli.
Wo passiert dieser Rücklauf konkret?
In der ganzen Wertschöpfungskette. Beim Zeltainer, mit rund 50 Anlässen in fünfeinhalb Monaten, sind das die auftretenden Künstler, dann die Druckerei, die Post, der Transpörtler, der Getränkehändler, die Technikfirma oder die Gemeinde dank der Quellensteuer – das wäre übrigens ein Thema für sich: Die Quellensteuer für ausländische Künstlerinnen und Künstler ist ein veritabler Kulturkiller. Aber noch zur Wertschöpfung: Verglichen damit sind die 20’000 Franken, die der Zeltainer pro Jahr vom Kanton bekommt, plötzlich nicht mehr so wahnsinnig viel Geld – Geld, ohne das ich aber schon längst hätte aufhören müssen. Das muss man in die Köpfe hineinbringen: Kultur kostet, bringt aber ungleich mehr zurück. Und wo Kultur gelebt wird und vielfältig ist, dort will man wohnen. Kultur ist ein Standortfaktor.
Das sagst du relativ locker. Findest du nicht problematisch, Kultur so quasi zu instrumentalisieren?
Ich bin überzeugt, dass es so ist. Wer einen Wohnort sucht, informiert sich doch: Was läuft wo kulturell? Vereine, Sportangebote, natürlich Steuern und Schulen, das alles sind Faktoren – und eben auch die Kultur. Beispiel Hamburg: Dort sind die Übernachtungszahlen um 40 Prozent angestiegen seit Eröffnung der Elbphilharmonie. Und was mich aufregt: Dieselben Leute, die bei uns gegen Kulturausgaben sind, machen Ferien dort, wo die Kultur brummt, in Mailand, Paris, Bilbao…
…oder im Toggenburg?
Klar, künftig werden sie zu uns kommen… Mir fehlt, im Kanton wie national, der visionäre Mut. Der Turm des Festivals Origen auf dem Julier ist ein seltenes Gegenbeispiel. Den Turm hätte ich gern im Toggenburg. Oder die Expo: abgelehnt. Sicher hat die Schweiz ein vielfältiges kulturelles Angebot, aber wenige so krass einmalige Dinge wie den Turm auf dem Julier. Oder die neue Vision des jungen Architekten Noel Rabuffetti mit seiner geplanten schwimmenden Konzertinsel auf dem Bodensee. Das werde ich verfolgen und wenn möglich unterstützen.
Braucht es das «krass Einmalige»? Braucht Kultur Leuchtturm-Projekte?
Ich selber bewege mich auf einem ganz anderen Level, ich bin ein Verfechter des Kleinen. Aber auch da gäbe es Verbesserungen. Besonders die freie Szene bräuchte mehr Förderung. Trotzdem nochmal die Leuchttürme: Sie können auf jeden Fall Identität schaffen und Leute anlocken. Und da spielt die Kultur in den Tourismus hinein. Das ist nicht unbedingt ein linkes Thema, aber es liegt mir am Herzen, weil ich sehe: 80 bis 90 Prozent der Leute leben bei uns direkt oder indirekt vom Tourismus.
In der Kulturpolitik von Alain Berset stehen drei Punkte im Vordergrund: der digitale Wandel, die Teilhabe für alle und der gesellschaftliche Zusammenhalt. Je diverser die Gesellschaft, umso wichtiger sei Kultur. Kannst Du damit etwas anfangen?
Das kann ich voll unterschreiben. Im Zeltainer haben wir gerade unsere Eigenproduktion «Adams Äpfel» gespielt. Im Publikum sassen Menschen aller Parteigesinnungen. Und das Schöne ist: Die «Partei» ist überhaupt kein Thema. Man trifft sich, man redet miteinander, verbringt einen schönen Abend und kann abschalten – das ist die häufigste Rückmeldung aus dem Publikum. Kultur ist gesinnungsverbindend, so könnte man es sagen.
Wie steht es um die Kulturförderung in der Gemeinde?
Als ich 2003 das Kleintheater gegründet habe, hat die Gemeinde sogar einen Startbeitrag von 500 Franken abgelehnt mit dem Argument, der Steuerfuss sei jetzt schon zu hoch. Damals sagte auch der Kanton nein und verlangte, neue Institutionen müssten sich erstmal bewähren. Die ersten drei Jahre habe ich keinen Rappen bekommen. Das hat sich stark gebessert, seit es fast überall die Förderplattformen gibt. Ausser auf der Achse Flawil – St.Gallen – Rorschach. Dass dort eine vergleichbare Förderplattform fehlt, ist ein Mangel.
Die Kulturplafonierung, die «unsägliche», wie du am Anfang gesagt hast: Was hat sie für Folgen?
Die Ausgaben sind gedeckelt; wir werden im St.Galler Kantonsrat versuchen, darauf hinzuwirken, dass dieser Stopp aufhört. Heute hat kaum eine Institution Chancen auf einen höheren Kredit; jede Entwicklung ist blockiert. Wobei man sagen muss, dass die kleinen Institutionen im Parlament Wohlwollen geniessen; eher umstritten sind hingegen die grossen kantonalen Kulturstandorte. «Luxus», sagen die einen… Was ich den Institutionen rate: Tut auch etwas für die Massen, seid nicht zu abgehoben! Ein Programm muss auch die Mitte bedienen, den Normalgeschmack.
Gibt es einen «normalen» Geschmack in der Kultur?
Ja ja, den gibt es schon. Ich zähle mich selber dazu. Experimentelles, Geheimnisvolles, auch Interaktives, das ist alles sehr in Ordnung, aber wenn man nichts mehr versteht, dann ist für mich Ende.
Was wäre dein erster Vorstoss in Bern?
Aus dem Ärmel geschüttelt: Vielleicht ein Vorstoss für Respekt und Zuhörkultur im Saal. Oder: Ein grosses Thema, das man national angehen müsste, ist die soziale Absicherung von Kulturschaffenden. Im neuen St.Galler Kulturförderungsgesetz ist das Anliegen diskutiert und rausgestrichen worden. Vielen Leuten ist es offenbar egal, ob Künstlerinnen und Künstler von ihrer Kunst leben können oder nicht. Wem das nicht egal ist: Liste 3 Platz 12 am 20. Oktober.
kulturminister.sg
Dieser Beitrag erschien im Septemberheft von Saiten.
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