, 2. Juli 2012
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Mehr Schrammen bitte

Sonntag. Da warens nur noch eins. Die Dreiergruppe hat sich aufgelöst – was nicht am übermässigen Alkoholkonsum meiner zwei Begleiterinnen liegt, sondern in den haushalterischen und familiären Planungslisten. Ich lasse mir den Openair-Sonntag von keiner Liste streichen, denn ihn mag ich am liebsten. Es gibt keine Ziele mehr zu verfolgen, man braucht nicht mehr das […]

Sonntag. Da warens nur noch eins. Die Dreiergruppe hat sich aufgelöst – was nicht am übermässigen Alkoholkonsum meiner zwei Begleiterinnen liegt, sondern in den haushalterischen und familiären Planungslisten.

Ich lasse mir den Openair-Sonntag von keiner Liste streichen, denn ihn mag ich am liebsten. Es gibt keine Ziele mehr zu verfolgen, man braucht nicht mehr das Fest seines Lebens aus der Luft zu zimmern und die coolsten Freunde fürs Leben den Zelträndern entlang aufzuklauben. Man ist einfach noch ein bisschen da und dann geht man heim.

Ofenwarme Pärchen stehen grosspupillig und wie Wurzelbrot ineinander verdreht im Weg, andere streiten sich bereits, viele sind müde, alle trinken noch ein Bier und hören The Kooks oder Deus, die vor einer beachtlich aktiven Menge spielen. Während Paolo Nutini mit angewidertem Gesicht über seine Candy-Töne kratzt (was sich aber halt doch saugut anhört), entsteht eine Art Volkstanz der Neonbrillen links vor der Bühne. Vielleicht ein zu klein geratener Flashmob.

Und dann kommt er doch noch, der Regen und lässt Auflösungsgefühle in die Masse fahren. Ich bleibe noch ein bisschen  auf der falschen Seite des Mediengitters stehen und staune über die gelbe, laminierte Tafel, die da hängt: No Crowdsurfing. Ich erinnere mich an ein Radio-Interview in welchem Campino von den Toten Hosen sagt, dass in den Anfangszeiten des Crowdsurfings die Crowd nicht immer verstand habe, was gemeint war. Damals waren Bodenlandungen Berufsrisiko.

Da hat das Openair eine andere Einstellung zum Berufsrisiko – es ist politisch korrekt und soll auch risikofrei sein. Es gibt Stände der Aids-Aufklärung, der Respekt-Reihe und vor keinem anderen Zelt herrscht eine fröhlichere Stimmung als vor der Sanität. Da trifft man sich mit eingebundenen Händen oder Armen und hält einen Schwatz. Vor der Sitter- und vor der Sternenbühne gibt es Rollstuhltribünen. Am Eingang wird für Afrika gesammelt, Zelte werden gespendet.

Die Openair-Hausordnung (hier zum nachlesen) soll weitere Risiken minimieren. Da heisst es Wertsachen sollen auch im Zelt auf dem Körper getragen werden und «hochgefährliche» Petarden hätten nichts auf dem Openair-Gelände verloren. Da kommt mir wieder Campino in den Sinn, der sich am Samstag über das Feuer der drei bis vier Trotz-Petarden freute und von Propaganda sprach, die diese als Waffen taxiert wissen wollen.

Das Openair ist also ein Spielplatz mit abgerundeten Ecken. Die Kinder (mehr oder weniger alte) die hier spielen, können immer mal wieder den Kopf zum Mami drehen, und sich versichern, dass sie auch da ist, dass sie einen fangen könnte, wenn man zu hoch schaukelt.

Ich gehe durch den Regen heim, frühzeitig, und denke mir: Es ist Zeit erwachsen zu werden, Zeit Schrammen zu kassieren. An echten Orten mit scharfen Kanten.

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