Kategorie
Autor:innen
Jahr

Mehr Siege für eine bessere Politik

Die National- und Ständeratswahlen haben im Kanton St.Gallen die grosse Korrektur zum Rechtsrutsch vor vier Jahren gebracht. Nun muss dieser Erfolg fortgesetzt werden. Beispielsweise bei den Kantonsratswahlen im März 2020.
Von  Andreas Kneubühler
Der St.Galler Kantonsratssaal - wer sitzt ab März 2020 hier?

Sonntagnachmittag um halb fünf. Im Pfalzkeller gibt der St.Galler Staatssekretär die Resultate der Nationalratswahlen bekannt. Jubel bei den Grünen rund um Franziska Ryser, Jubel bei den Grünliberalen über den überraschenden Erfolg von Thomas Brunner, Erleichterung bei der SP nach längerem Zittern: Beide Sitze gehalten.

Der Rest? Die CVP hat statt drei nur noch zwei Nationalräte, die SVP statt fünf noch vier Sitze. Die FDP bleibt unverändert bei zwei Mandaten. Allerdings: Für den nicht mehr kandidierenden Sicherheitspolitiker Walter Müller ist dort neu Susanne Vincenz-Stauffacher dabei.

Der schweizweite Trend hat sich auch im Kanton St.Gallen durchgesetzt. Das Ergebnis ist aber vor allem eine Korrektur: Vor vier Jahren verloren Grüne und Grünliberale je einen Nationalratssitz (Yvonne Gilli, Margrit Kessler). Nun haben sie diese Mandate zurückgewonnen.

2015 prägte die Angst vor Flüchtlingen den Wahlkampf, 2019 die Angst vor dem Klimawandel. Einmal gewinnt rechts, einmal grün. Es ist wie bei einem Schalter neben einem grünen Lämpchen: Switch on, switch off, switch on.

Auf dem Land wird rechts gewählt

Dabei muss es nicht bleiben. Soll sich im rechtskonservativ geprägten Kanton St.Gallen politisch etwas ändern, muss diese Wahl eine Initialzündung für eine nachhaltige Veränderung sein.

Viel Zeit bleibt nicht. Am 8. März 2020 werden im Pfalzkeller nach einem ähnlichen Brimborium wie am 20. Oktober die Ergebnisse der Wahlen in den Kantonsrat und in die St.Galler Regierung bekanntgegeben.

Der Weg für ein neues Parlament führt über die Städte und urbanen Agglomerationen.

Franziska Ryser und Thomas Brunner wurden gewählt, obwohl sie ihre Basis fast ausschliesslich in der Stadt St.Gallen haben. Ryser war als Junge Grüne Präsidentin des Stadtparlaments, Brunner ist im Waaghaus Chef der GLP-Fraktion. Beide sind nicht Mitglieder des Kantonsrats.

Fest steht damit: In Ausnahmefällen reichen die Stimmen aus den urbanen Gebieten aus, um im ganzen Kanton Erfolg zu haben.

Der Effekt zeigte sich am Sonntag auch bei der Auszählung für die beiden Ständeratssitze: Bei den ersten Zwischenergebnissen mit vielen Landgemeinden lag der SVP-Kandidat Roland Rino Büchel relativ deutlich vor Paul Rechsteiner auf dem zweiten Platz. Dann wurde die Stadt St.Gallen ausgezählt und Rechsteiner hatte Büchel überflügelt und zwar mit grossem Abstand. Daran änderte sich bis zum Schluss nichts mehr. Franziska Ryser überholte gleichzeitig Marcel Dobler von der FDP. Dann war bei der nächsten Ergebnisrunde Doblers Heimatstadt Rapperswil-Jona dabei und Ryser fiel wieder einen Platz zurück.

Gibt es keinen Rückenwind durch einen nationalen Trend, dann gelingen solche Resultate nicht. Das Rezept für eine breitere Basis quer durch den Kanton ist einfach, die Umsetzung schwieriger.

Die Mitte stärken – und die Linke

Der erste Schritt wäre die Rückkehr der Mitte-Parteien, die sich im Kanton breiter etablieren müssten. Sie wurden bei den Kantonsratswahlen 2016 praktisch weggefegt: Die GLP verlor drei ihrer fünf Sitze, die BDP beide Sitze, die EVP ihren einzigen.

Im Gegenzug gewannen SVP und FDP neun Sitze und haben seither die Mehrheit im Kantonsrat: 66 von 120 Sitzen.

Es bräuchte Sitzgewinne der GLP, mehr Sitze für die Grünen oder für den kaum mehr wahrnehmbaren linken Flügel der CVP.

Die Veränderung führt nicht nur über das Thema Klima. Spätestens seit der Abstimmung über die Durchsetzungsinitiative der SVP im Februar 2016 gibt es eine erfolgreiche Bewegung ausserhalb der Parteienlandschaft. Man kann sie am besten mit Widerstand der Zivilgesellschaft gegen Rechtspopulismus umschreiben. Ein sichtbarer Zweig davon ist die Operation Libero, die unter anderem im Nationalratswahlkampf den Wiler Arber Bullakaj unterstützte. Er schaffte auf der SP-Liste den ersten Ersatzplatz.

Ein Ausfluss dieser Bewegung ist auch die Zusammenarbeit der vernünftigen Kräfte bei politischen Themen wie der Altersvorsorge. Ausgehandelt wird dies oft im Ständerat. Paul Rechsteiner ist ein wichtiger Teil davon. Die bisherigen Erfolge sind eine Reihe von Niederlagen der SVP bei entscheidenden nationalen Abstimmungen. Verluste gab es für die erfolgsverwöhnte Partei in den letzten zwei, drei Jahren auch in diversen Kantonsparlamenten.

Die Gelegenheit zur Fortsetzung dieser Serie wäre im nächsten März.

Die Basis ist schmal

Hier zur Ernüchterung ein paar Zahlen zum Status Quo im Kanton St. Gallen nach dem 20. Oktober:

Vier der zwölf Nationalratssitze gehören der SVP – und 40 von 120 Kantonsratsmandaten. Am Sonntag ging fast je dritte Wählerstimme an die SVP.

Die Grünen haben fünf Sitze im Kantonsrat und einen Sitz im Nationalrat.

Die Grünliberalen? Zwei Sitze im Kantonsparlament, ein Nationalratssitz.

Die Basis ist schmal – es gibt viel zu tun.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Zwi­schen Gleis, Ge­gen­wart und Ge­sell­schaft

Die dies­jäh­ri­ge Kul­tur­lands­ge­mein­de fin­det ent­lang der Bahn­li­nie zwi­schen Gos­sau und Was­ser­au­en statt. Es ist ein in­ter­dis­zi­pli­nä­res Ex­pe­ri­m­ent­zwi­schen Kunst, Ge­sell­schaft und Ak­ti­vis­mus. Aus­ser­dem stellt die Kul­tur­lands­ge­mein­de künst­le­risch und or­ga­ni­sa­to­risch die Wei­chen für die Zu­kunft.

Von  Philipp Bürkler
KULA Vorstand Oleksandra Tsapko

Ein Fes­ti­val für Punk­rock

Am Sams­tag fin­det in St.Gal­len erst­mals das Punk­fes­ti­val El Car­tel statt. Es soll da­zu bei­tra­gen, die Sze­ne zu stär­ken. Da­bei fehlt es ge­ra­de in St.Gal­len an Nach­wuchs.

Von  David Gadze
Yellow tales grabepunk

Wy­bora­da: Die fe­mi­nis­ti­sche Bi­blio­thek der Ost­schweiz

Seit 40 Jah­ren macht die Bi­blio­thek Wy­bora­da in St.Gal­len sicht­bar, was lan­ge fehl­te: Li­te­ra­tur von und über Frau­en. Heu­te sind Au­torin­nen und fe­mi­nis­ti­sche The­men zwar stär­ker prä­sent in der Öf­fent­lich­keit, doch die Re­le­vanz der Bi­blio­thek ist nach wie vor gross.

Von  Marion Loher
2605 Wyborada Laura Tura room

Or­ches­trier­ter An­griff ge­gen ex­ter­nen Auf­klä­rungs­un­ter­richt 

Mit ei­ner In­ter­pel­la­ti­on grei­fen SVP und EDU im St.Gal­ler Kan­tons­rat den aus­ser­schu­li­schen Auf­klä­rungs­un­ter­richt an. Und mit Un­ter­stüt­zung des «Leh­rer­netz­werks Schweiz» wol­len El­tern aus Büt­schwil ei­ne Mit­ar­bei­te­rin der Fach­stel­le für Aids- und Se­xu­al­fra­gen vor Ge­richt brin­gen. Da­hin­ter steckt ei­ne or­ches­trier­te Ak­ti­on.

Von  René Hornung
2502 Aufklaerung Badges Inv nr 1300

Brü­cke zwi­schen mu­si­ka­li­scher und sprach­li­cher Tra­di­ti­on

«Die­ci», die ita­lie­ni­sche Zahl für zehn, ist das Mot­to des dies­jäh­ri­gen Hei­den-Fes­ti­vals. Es ver­weist da­bei nicht nur auf das Ju­bi­lä­um, son­dern auch auf ei­ne kul­tur­po­li­ti­sche Hal­tung.

Von  Lilli Kim Schreiber
Heiden Festival Nicoals Senn Tom Rigney USA

Naturmuseum Thurgau

Der Grim­bart zum An­fas­sen

Von  Vera Zatti
Dachs Illustration quer def 1

Ein Ber­ner in St.Gal­len

Das St.Gal­ler Thea­ter Trou­vail­le ent­deckt den Mu­si­ker und Ju­ris­ten Ma­ni Mat­ter neu. «’S isch ei­nisch ei­ne gsy»– 90 Jah­re Ma­ni Mat­ter ver­bin­det zahl­rei­che Lie­der und li­te­ra­ri­sche Tex­te des Ber­ners zu ei­nem abend­fül­len­den Pro­gramm. Sai­ten hat mit dem Thea­ter­lei­ter Mat­thi­as Flü­cki­ger ge­spro­chen.

Von  Vera Zatti
Mani Matter Pressefoto

Ein Kurz­trip durch Schein­wel­ten

Vier Jah­re nach ih­rem De­büt keh­ren Lev Ti­gro­vich mit ei­ner neu­en EP zu­rück. Die­se han­delt von Kon­troll­ver­lust, Il­lu­sio­nen und gros­sen Ge­füh­len – und ent­hält erst­mals ei­nen Song, der nicht auf Rus­sisch ge­sun­gen ist.

Von  David Gadze
Lev Tigrovich Press Photo 4 Lena Frei

FC St. Gal­len vs. FC Thun 1:1 – Kein Sie­ger zwi­schen den bes­ten zwei Teams der Sai­son

Im letz­ten Spiel der Sai­son trifft der FC St.Gal­len auf den neu­en Schwei­zer Meis­ter aus Thun - ei­nen Sie­ger gibt es nicht.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Phy­sik und er­schöpf­te Ma­schi­nen

Ca­li­ne Aoun in­ter­es­sie­ren die Mo­men­te der Ver­än­de­rung, die Über­gän­ge und Zu­stän­de. Ih­re Aus­stel­lung in Kunst­mu­se­um und Kunst­hal­le Ap­pen­zell wird zum En­de der sechs­mo­na­ti­gen Lauf­zeit ei­ne an­de­re sein als zu Be­ginn. 

Von  Kristin Schmidt
Kunsthalle Appenzell Caline Aoun 03 High Res RGB

Un­ter­schrift als Re­li­quie

Der 1100. To­des­tag von Wi­bora­da – In­klu­sin, Stadt­hei­li­ge und Pro­jek­ti­ons­flä­che – ist zur­zeit The­ma viel­fäl­ti­ger Ak­ti­vi­tä­ten. Zu den High­lights ge­hört ei­ne mut­mass­li­che Un­ter­schrift, zu be­sich­ti­gen in der Aus­stel­lung im St.Gal­ler Re­gie­rungs­ge­bäu­de.

Von  Peter Müller
Unterschriften2

Gastkommentar

Kul­tur­jour­na­lis­mus – ei­ne kul­tur­po­li­ti­sche Not­wen­dig­keit

Von  Johannes Sieber
Johannes sieber

Schü­ler:in­nen auf den Spu­ren Wi­bora­das

An­na Beck-Wör­ner hat ein Wi­bora­da-Un­ter­richts­heft er­ar­bei­tet. Im Pos­ten­lauf, der durch St.Gal­len führt, kön­nen Schü­ler:in­nen an­hand von Wi­bora­das Le­bens­weg lehr­plan­kon­form The­men wie Ge­mein­schaft, Le­bens­form, Bü­cher oder Iden­ti­tät er­ar­bei­ten.

Von  Kathrin Reimann
2605 Wyborada Laura Tura Crossing

Stras­sen­kunst als Ent­schleu­ni­gung

Am Wo­chen­en­de bringt das Auf­ge­tischt-Fes­ti­val wie­der über 100 Stras­sen­künst­ler:in­nen aus al­ler Welt in die Gas­sen der Stadt St.Gal­len. Wir ha­ben mit Dai­a­na Min­ga­rel­li vom Duo Dai­a­na Lou über die Ei­gen- und Be­son­der­hei­ten des Bus­king ge­spro­chen.

Von  Philipp Bürkler
Daiana Lou

Heavy Psych Sounds Fest

Fes­ti­val der schwe­ren Gi­tar­ren­klän­ge

Von  David Gadze
Weedpecker 25 BW 6 50

Ro­ter Tep­pich und ro­te Li­ni­en

Der pein­li­che bis in­halts­lee­re Auf­tritt des Tech-Fa­schis­ten Cur­tis Yar­vin hat die Be­richt­erstat­tung über das dies­jäh­ri­ge St.Gal­len Sym­po­si­um do­mi­niert. Am Mon­tag ha­ben – vor al­lem geis­tes­wis­sen­schaft­li­che – Ex­po­nent:in­nen der HSG in ei­nem öf­fent­li­chen Ge­spräch ver­sucht, Yar­vins lan­gen Schat­ten zu ver­we­deln.

Von  Roman Hertler
3 F1 A3554 web

Was­ser, Drag und Vir­gi­nia Woolf

Die St.Gal­ler Thea­ter­kom­pa­nie Roh­stoff zeigt am 22. und 23. Mai ihr ak­tu­el­les Thea­ter­stück in der Kel­ler­büh­ne. Wie in ei­nem Rausch er­zählt Or­lan­do* von Ge­schlech­ter­nor­men, Grenz­auf­lö­sun­gen und Ver­wand­lun­gen. 

Von  Vera Zatti
LUX 9420 JPG 1500 by Leni O

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Im Bi­ber­re­gen

Von  Jeremias Heppeler

Ei­ne ak­ti­vis­ti­sche Künst­le­rin wie­der­ent­deckt

Ele­a­n­or An­tin ist seit 60 Jah­ren künst­le­risch tä­tig. Früh hat sie sich mit Tech­no­lo­gie, Ras­sis­mus und Gen­der­flui­di­tät be­schäf­tigt, doch zwi­schen­zeit­lich war sie fast in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten. Nun macht die ers­te eu­ro­päi­sche Re­tro­spek­ti­ve Sta­ti­on im Kunst­mu­se­um Liech­ten­stein.

Von  Kristin Schmidt
Eleanor Antin Ausstellungsansicht Foto Sandra Maier pr6

Fik­tiv und doch sehr re­al

Der Mu­si­ker und Künst­ler Ni­co­laj És­te­ban ver­öf­fent­licht ein neu­es Al­bum sei­ner Band Love­boy And His Ima­gi­na­ry Fri­ends. Es führt in ei­ne fas­zi­nie­ren­de Welt – und in sein In­ne­res, wo es manch­mal dun­kel ist.

Von  David Gadze
Loveboy and his imaginary friends smile baby