Die Villa Saroli in Lugano sieht auf dem Foto fast etwas aus wie die Villa Wiesental in St.Gallen. Allerdings ist sie in gutem Zustand – und seit ein paar Monaten Sitz des neuen Tessiner Literaturhauses, der Casa della letteratura.
Der Eintritt im Eröffnungsjahr ist gratis. «Wir müssen uns dem Publikum ja erst einmal vorstellen», sagt Mitinitiant Fabiano Alborghetti gegenüber dem Branchenmagazin «Schweizer Buchhandel», das den Literaturhäusern der Schweiz seine jüngste Ausgabe gewidmet hat. Anlass: das St.Galler Projekt. Es wäre Nummer acht in der Schweiz, nach Zürich (1999), Basel (2000), Gottlieben (2001), Lenzburg (2004), Stans (2014), Genf (2012) und Lugano (2019). Hinzu kommt Schaan FL, wo dieses Jahr ein eigenes Haus für die Literatur bezogen werden konnte.
Mauerschmuck an der Villa Wiesental.
Villa oder nicht Villa, Haus oder nicht Haus: Die Frage steht bei der aktuellen Diskussion in St.Gallen weit vorne. Dabei geht etwas unter, dass das Projekt Literaturhaus bereits gestartet ist. Seit Mitte September ist ein Leitungsduo an der Arbeit, Patricia Holder und Karin K. Bühler, verantwortlich für Literaturhaus und Bibliothek Wyborada, wie der neue Name vollständig heisst.
«Es gibt ja bereits einen Raum: die bisherige Frauenbibliothek und Fonothek Wyborada im Lagerhaus an der Davidstrasse», sagt Patricia Holder. «Unsere Aufgabe ist es, dass sie weiterlebt und wachsen kann.» Und Karin K. Bühler erinnert an die Initialzündung: 2018 stand zur Diskussion, die Bibliothek zu schliessen und ihren Bestand in die Kantonsbibliothek Vadiana einzubringen. Dagegen regte sich Widerstand, unter anderem aus der Überzeugung, Feminismus und Genderfragen seien weiterhin zentral, und die Wyborada könne als Institution der Frauenbewegung in den aktuellen Debatten eine Rolle spielen – mit dem Ergebnis, dass die Wyborada mit der Vision eines St.Galler Literaturhauses gerettet wurde.
Mehr als Lesungen
Als erstes steht den in die Jahre gekommenen Wyborada-Räumlichkeiten im Lagerhaus eine Auffrischung bevor, am 16. November findet dort das offizielle Auftaktfest statt. Bereits gibt es verschiedene Programmpunkte. Eine italienische Lesegruppe mit Tina Ginol ist in Planung, eine englischsprachige beginnt unter Leitung der Lyrikerin Jan Heller Levi im Oktober, weitere sollen folgen. Übersetzungen werden ein Thema sein, wie überhaupt Fragen der Zwei- und Mehrsprachigkeit.
Dialogische Lesungen und Gespräche mit Autorinnen und Autoren sind geplant, ebenso eine Schreibgruppe mit dem Journalisten Daniel Ammann. Und unter dem Motto «Artist’s Choice» lädt Karin K. Bühler bildende Künstlerinnen und Künstler ein, sich mit den Büchern der Wyborada auseinanderzusetzen und neugierig zu machen auf deren Sammlungsbestand, der teils auf internationale Nachfrage stosse.
Gedacht wurde in «Orten»: Das Literaturhaus soll ein Ort für Lesungen sein, für Debatten und Diskurse, ein Ort des Schreibens und Lesens (schon mal ein «Blind Date» mit Büchern erlebt?), der Wissensvermittlung (etwa mit Veranstaltungen zu Female Rap) oder der Kunst – aber auch ein virtueller Ort, zum Beispiel mit einem Literaturblog im Netz.
Patricia Holder, 1977, ist Kulturwissenschaftlerin und freie Lektorin in St.Gallen. Liebster Lese-Ort: im Ohrensessel
Das Zauberwort hinter all dem heisse «Austausch», sagt Patricia Holder. Die Wyborada sehe sich nicht als Konkurrenz zu bestehenden Veranstaltern und insbesondere zur Kantonsbibliothek, sondern als Ergänzung und Partnerin für Kooperationen. Der heutige Raum der Wyborada an der Davidstrasse 42 sei, wenn auch klein, die Basis – von dort aus sucht man die Zusammenarbeit mit «Wortschaffenden aller Art», und umgekehrt seien im Lagerhaus auch andere Veranstalter willkommen.
Ein Netzwerktreffen in Kooperation mit der Gesellschaft für deutsche Sprache und Literatur GdSL ist im Oktober angesagt, die Liste der Adressaten ist imposant: Bibliotheken, Noisma, Kellerbühne, Parfin de Siècle, Theater 111, Parterre 33, Verein Buchstadt St.Gallen, Verlage und andere Literaturveranstalter.
Was in den intimen Räumen der Wyborada keinen Platz habe, könne beispielsweise im Raum für Literatur in der Hauptpost stattfinden; vorstellbar seien auch Angebote in den Quartieren. Das Literaturhaus starte, sagen die Leiterinnen, als mobile und agile Institution, offen für alle Wortinteressierten unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Hautfarbe oder was immer. Programmiert werden soll «nah an der Basis», niederschwellig und gemeinsam mit den Akteurinnen und Akteuren – auch ein Projekt mit Literatur in Einfacher Sprache ist in Planung.
Sprung ins digitale Zeitalter
Eine weitere Entwicklung steht in Sachen Digitalisierung an. Programm und Auftritt der Wyborada steckten bisher «noch im 20. Jahrhundert», sagt Karin K. Bühler. Was die neuen Medien und die sich verändernde Qualität der öffentlichen Räume für das Buch, das Lesen, das Schreiben überhaupt bedeute, sei noch unklar und nicht nur für die Wyborada eine Herausforderung. Eine Reihe unter dem Arbeitstitel «Digital Literacy» soll mehr Klarheit schaffen.
Die heutigen Voraussetzungen skizzieren Bühler und Holder so: Gelesen wird weiterhin intensiv; gemäss einer 2018 veröffentlichten Studie der ZHAW lesen rund 30 Prozent der Jugendlichen regelmässig. Literaturhäuser und -festivals boomen, Bibliotheken wandeln sich zu sogenannten «Dritten Orten», gesellschaftlichen Treffpunkten.
Karin K. Bühler, 1974, ist Bildende Künstlerin und angehende Informationswissenschaftlerin in Trogen. Liebster Lese-Ort: Nicht der Ort, sondern die Zeit ist mir lieb, um mit Haut und Haar in eine Geschichte zu versinken.
Die technologischen Veränderungen bringen aber auch Unsicherheit mit – etwa, ob das gedruckte Buch seine Position halten kann und wie sich die Schreib- und Leseprozesse verändern. In der Wyborada könnten sich künftig Lesekreise der feministischen Technologiekritik widmen oder Workshops zur Frage stattfinden, wie man fürs Web schreibt oder seine persönlichen Daten schützt.
Die Frauengeschichte bleibe ein wichtiger Strang, betonen die Programmleiterinnen. Zwar seien Gallus und Vadian omnipräsent – Wiborada, die Schutzheilige der Bibliotheken und Bücherfreunde, werde in der Buchstadt St.Gallen aber kaum wahrgenommen. Das müsse sich ändern, sagen die Wyborada-Frauen. Ein eigenes Literaturhaus würde auch viel zur stärkeren Sichtbarkeit der historischen Figur beitragen, sind sie überzeugt.
Und es würde zusätzliche Projekte, etwa Artist-in-Residence-Angebote ermöglichen, für die in St.Gallen ein Ort fehle. Stimmen von aussen in die Stadt zu holen, das wäre für alle Beteiligten ein Gewinn. Auf lange Sicht sind Bühler und Holder überzeugt: Es braucht ein Haus. «Aber es hängt nicht an der Villa Wiesental, ob wir uns weiterhin für ein Literaturhaus einsetzen.»
Endlich ein Wiborada-Platz!
Vorerst bleibt Zeit, sich über eine Rehabilitierung der Wiborada Gedanken zu machen. Bisher ist gerade mal eine schmale Treppe und ein Brunnen im St.Mangen-Quartier nach der Schutzheiligen benannt. Das müsste sich spätestens mit der neuen Kantons- und Stadtbibliothek ändern. Saiten schlägt vor: Der heutige Blumenmarkt, der dannzumal die Mitte des neugebauten Bibliothekskomplexes sein wird, bekommt den Namen Wiborada-Platz.
Der Blumenmarkt, vielleicht künftig: Wiborada-Platz St.Gallen. (Bilder: Su.)
Dieser Beitrag erschien im Oktoberheft von Saiten.
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