, 13. Oktober 2017
keine Kommentare

Mein Wort ist die Wahrheit

Mit einer Adaption des dänischen Filmklassikers «Adams Äpfel» bringt Regisseur Ingo Putz einen bitterbösen Stoff auf die Bühne, der die Facetten der menschlichen Abgründe ebenso angeht wie philosophische und politische Fragen. Für Freunde des Schwarzen Humors ein Festmahl an makaber-morbiden Szenen. von Veronika Fischer

Bilder: Ilja Mess, Theater Konstanz

Das Leben von Pfarrer Ivan (Ingo Biermann) verläuft frei nach dem Witz: «Was bekommt ein blindes, behindertes Kind zu Weihnachten? – Krebs.» Seine Mutter verstarb bei der Geburt, der Vater ein Kinderschänder, das eigene Kind im Rollstuhl, die Frau ein Suizidfall und dann noch die Diagnose Gehirntumor.

Eigentlich müsste er verzweifeln, doch Ivan wird gehalten von einem unerschütterlichen Glauben an Gott, das Gute im Menschen und an das Prinzip der Nächstenliebe. Hier macht er keine Ausnahme und so scharen sich Figuren aus den Tiefen der menschlichen Existenzen um ihn: Gunnar (Arlen Konitz), ein Alkoholiker und Vergewaltiger, lebt mit seinem Kater Lampert, dem Araber Khalid (Julian Härtner), Tankstellenräuber und Waffennarr, sowie dem ehemaligen KZ-Aufseher Poul (Detlef Lilie) in einer obskuren Wohngemeinschaft rund um den Dorfpfarrer – und dieses Quartett funktioniert.

Die Regeln im Gotteshaus werden eingehalten, es wird gemeinsam gesungen, gebetet und die Scheinwelt von Pfarrer Ivan aufrecht erhalten. Dieser predigt auf seiner Kanzel, die bestickt ist mit einem Bibelzitat: «Mein Wort ist die Wahrheit» – und damit zeigt sich die erste Frage philosophischer Natur in diesem Stück: Was ist die Wahrheit? Ein subjektives Gut, das jeder für sich bestimmt? Oder gibt es nur eine Wahrheit? Und welche der Antworten führt zu einem besseren Leben?

Fragt man Pfarrer Ivan, ist es eindeutig: jedem das seine. Er baut sich seine Welt mit einem unerschütterlichen Optimismus und tritt seinen Mitmenschen mit dem geballten Glauben an die Menschheit gegenüber. Geht etwas schief, wird es kreativ zum Positiven interpretiert. Sei es der getarnte Alkoholismus Gunnars, die Raubüberfälle Khalids oder der Tod des Kater Lamperts, der nicht erschossen wurde, nein, «er war alt und hat sich in die Kugel fallen lassen, um dem ein Ende zu bereiten».

Stets wird ein gutes Haar gefunden und mag das selbst beim besten Willen nicht gelingen, so ist es eben eine Prüfung des Teufels, damit kann man ja auch konstruktiv arbeiten.

«Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin»

So auch, als Neonazi Adam (André Rohe) zur Kommune hinzu kommt. Drei Monate Bewährung soll er unter Aufsicht von Ivan verbringen und er wird zu einer wahren Prüfung des Satans höchst selbst. Seiner Ansicht nach gibt es nämlich nur eine Wahrheit und dass der Pfarrer Tatsachen auslegt, wie es ihm gefällt, treibt den Hitlerfanatiker in den Wahnsinn. Mit aller Kraft versucht er dem «Himmelsboten mit seiner Bamherzigkeitspisse» (wie im Film so schön gesagt wird) die Augen zu öffnen und ihn zur Vernunft zu bringen. Doch Ivan ist unerschütterlich. Er hält Adam ein jedes Mal die andere Wange hin, die Fronten verhärten sich.

Je mehr Adam an den Mauern der Kirchengemeinschaft rüttelt, desto härter geht Ivan in den Widerstand des Gutmenschentums. Zur Geschichte gesellen sich Sarah (Katrin Huke) und der Dorfarzt Dr. Kolberg (Markus Schoenen).

Auch sie machen jeweils eine neue Facette seelischer Abgründe auf. Sarah durch eine ungewollte Schwangerschaft gepaart mit einem Alkoholproblem, der Arzt durch seine Lust am Morbiden und seine Spannerattitüde, mit welcher er den Verfall um sich herum mit Wonne betrachtet. Er begleitet den Kampf zwischen Adam und Ivan, der in einem gewaltsamen Akt gipfelt und – man möchte es kaum glauben – das Gute siegen lässt.

Keine blosse Adaption der Filmvorlage

Soweit die Story, die der Film von Anders Thomas Jensen aus dem Jahr 2005 hergibt. Die Umsetzung ins Stück bleibt sehr nahe an der Vorgabe, ergänzt diese aber mit Handgriffen aus der Welt des Theaters, die das Stück wunderbar bühnentauglich machen. Beispielsweise die dänischen Gesangseinlagen oder Markierungen am Boden, die als Metapher genommen werden, um die unsichtbare Welt der Religion darzustellen und die damit zusammenhängenden Normen und Werte.

Pfarrer Ivan besteht darauf, diese als Wände anzusehen, um die man herumlaufen muss. Seine ihm Angetrauten halten sich ausnahmslos daran – Adam überschreitet eine jede Grenze mit einer ebensolchen Ausnahmslosigkeit. Somit wird abermals die Frage der subjektiven Wahrheit geöffnet und in eindrücklichen Bildern vermittelt, die durch die Komik funktionieren.

Weitere Aufführungen: 13., 14., 26. und 27. Oktober, 5., 9., 13. und 29. November, Spiegelhalle Konstanz
theaterkonstanz.de

Komisch wirken auch die Nazifreunde von Adam, deren Konflikt mit dem Araber Khalid eine absurde Komponente erhalten, was gar nicht überzogen genug dargestellt werden kann, in Zeiten, in denen der politische Schauplatz den derzeit erlebten Rechtsruck verkraften muss. Die Darsteller des Nazitrupps verdeutlichen die Dumpfheit der Ideologie durch ihre starke Spielweise und machen mit ganz schlichten Mitteln klar, dass die Inhalte der Überzeugungen nicht mehr sind, als ein pubertäres Poltern.

Ebenso glatt stellt auch André Rohe den Neonazi dar. Von der ersten Minute liegt eine (An-)Spannung in dieser Figur, die nicht eine Sekunde lang einbricht. Vom ordentlichen Seitenscheitel bis zum muskulösen Oberarm sitzt alles am rechten Fleck. Mit ebendieser Konsequenz spielt Arlen Konitz den perversen Triebtäter und auch Markus Schoenen trifft den schwitzenden Arzt nicht minder überzeugend.

Schwer hat es Ingo Biermann, der mit der Vorlag aus dem Film ein nicht zu übertreffendes Beispiel an Schauspielkunst vorgesetzt bekommt, was durch schrille Hawaihemden zu kompensieren versucht wird. Hier hätte der Inszenierung ein Tausch von Schlichtheit statt Übertreibung gut getan, ebenso wie in der Umsetzung der weiblichen Rolle Sarahs, die zu laut und der Rolle Khalids, der zu klischeehaft herüberkommt.

Dies tut dem Stück im Gesamten aber keinen Abbruch! Wer den Film mag und/oder über Humor jenseits der politischen Korrektheit lacht, den erwartet hier eine intelligente, makabre und irre-komische Inszenierung, die als weitaus mehr gesehen werden darf, als eine blosse Adaption des Filmes.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Impressum

Saiten

 

Ostschweizer Kulturmagazin
Frongartenstrasse 9
Postfach 556
9004 St. Gallen

 

Telefon: +41 71 222 30 66

 

Redaktion

Corinne Riedener, Peter Surber, Frédéric Zwicker, Michael Felix Grieder, Claudio Bucher

redaktion@saiten.ch

 

Verlag/Anzeigen

Marc Jenny, Philip Stuber

verlag@saiten.ch

 

Anzeigentarife

siehe Mediadaten

 

Sekretariat

Irene Brodbeck

sekretariat@saiten.ch

 

Kalender

Michael Felix Grieder

kalender@saiten.ch

 

Gestaltung

Samuel Bänziger, Larissa Kasper, Rosario Florio
grafik@saiten.ch

Saiten unterstützen

 

Saiten steht seit über 20 Jahren für kritischen und unabhängigen Journalismus – unterstütze uns dabei.

 

Spenden auf das Postkonto IBAN:

CH87 0900 0000 9016 8856 1

 

Herzlichen Dank!