, 3. April 2020
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«Meine Oma liest meine Tweets, you know»

DAIF veröffentlicht eine EP ausschliesslich mit Liebesliedern. Auf «Bitte, Baby» singt der Thurgauer über Liebe zu Männern und Frauen und thematisiert zwischenmenschliche Beziehungen ebenso progressiv wie in früheren Tracks seinen Drogenkonsum. von Stefan Böker

Bilder: Stefan Böker

Frauenfeld ist gar nicht so scheisse. Auf dem Perron rempelt mich ein Typ mit Halstattoo an, das altehrwürdige Schloss schaut missbilligend auf uns herab und der Weg zu Daifs Proberaum slash Studio führt über kleine Brückchen und rauschende Murg zu einem Lokal, in dem dank Covid-19 so gut wie nichts los ist, genau wie auf dem Bahnhofvorplatz.

Die Frauenfelder*innen sind halt solidarisch – kein Wunder, wenn der Stadtpräsident aussieht wie eine ältere Version von Joko Winterscheidt und in seiner Krisenansprache kluge Sachen sagt wie: «Die Situation ist vor allem für die schwierig, deren Einkommen ganz wegfällt. Darum ist es wichtig, dass wir einander Sorge tragen und uns gegenseitig unter die Arme greifen.»

«Chum mr vögled eusi Ängst weg» – Bitte Baby

Im Keller darunter verhallt diese tröstliche Message nicht ungehört. Wer von Musik, Kunst oder Literatur lebt, hat es in den kommenden Monaten schwer. Daif hängt seine Hoffnung an das neue Release: Der Frauenfelder Cloudrapper trägt einen Stapel rosa Grusskarten unter dem Arm, hot off the Press, so sieht die EP Bitte Baby aus.

Per QR-Code gehts zur Musik und wer bestellt, bekommt eine persönliche Widmung samt Passwort hineingeschrieben. Weil es irgendwie passt – ein Song heisst Liebe in den Zeiten der Medienkrise –, ist auch ein Foto von Jessica Jurassicas Tamedia-Tattoo mit drauf.

 

Das Logo hat sich die Ex-Bloggerin stechen lassen, nachdem sie, gleich nach ihrem ersten Beitrag, für den darin enthaltenen Diss gegen Pietro Supino gefeuert wurde.

Im Proberaum streift sie die Hose nach unten und zeigt das Original auf ihrem Oberschenkel. «Wow, du hast das ja echt gemacht. Lovely», meint Severin anerkennend, Bandkollege und alter Freund von Daif. Er ist hier gestrandet, um an neuen Aufnahmen zu basteln. Telefoniert kurz mit seiner Mutter; sie macht sich Sorgen. Mit Bier und Wein stossen wir auf die Quarantäne an.

Vier Auftritte bei Screenings des neuen Dokumentarfilms Dieter Meiers Rinderfarm sind Daif und Jessica geplatzt. Dazu kommen Solo-Shows und Gigs als Techniker bei befreundeten Bands, bei Jessica Lesungen, bei Severin, der eigentlich Kommunikation studiert, auch Auftritte.

«Wir müssen jetzt mit unseren Einkommensmöglichkeiten jonglieren und auf die Umstände reagieren», erklärt Daif. Sein Plan: eine Kollaboration mit Jessica Jurassica, sich drei Wochen auf eine Hof-WG in einem Thurgauer Dorf zurückziehen und kreativ sein. «Wir machen ein Trance-Album und üben ein noisiges Liveprogramm ein. Das wollten wir sowieso. Nun ziehen wir es eben vor.»

Anstossen auf die Quarantäne: Severin, Daif und Jurassica.

David Nägeli, so sein bürgerlicher Name, ist seit Jahren aktiver Teil der kleinen Frauenfelder DIY-Szene. Er ist hier aufgewachsen, seine ersten musikalischen Gehversuche fanden in der Musikschule statt, mit Severin spielt er seit der Pubertät in Bands. Den Proberaum haben sie seit über zehn Jahren.

«Je nach Phase verbringe ich die Hälfte meiner wachen Zeit hier unten», sagt er. Das Kulturlokal KAFF, das Festival Out in the Green Garden, das Label AuGeil Records und etliche Bands sind weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. «Aber eigentlich ist es doch egal, wo du wohnst, wir sind ja eh ständig im Internet oder fahren rum.»

Cloudrap. Das macht er jetzt als Daif seit rund zwei Jahren. Severin meint, das haben viele Freunde anfangs nicht verstanden. Oder was heisst anfangs, bis heute machen sie sich darüber lustig. «Er ist trotzdem eine Inspirationsfigur geworden. Er hats durchgezogen, hat einen hohen Output, und ich feiere ihn gerade deswegen», sagt Severin.

Daif sagt, er fühle sich wohl in Frauenfeld und dass er in der Schweizer Gitarrenszene zuhause und connected sei. «Indie, Rock, Metal, Garage, das ist alles ein Kuchen. Und HipHop, obwohl mega huge, spielt sich getrennt davon ab. In der HipHop-Szene bekomme ich spärliche Aufmerksamkeit, wie jetzt mit dem neuen Video bei Lyrics-Magazin, dafür von den Lesern eher Hate. Dabei fände ich es schon nice, Shows in diesem HipHop-Kontext zu spielen, am Royal Arena oder so.»

Der schmächtige junge Mann mit rotem Fünf-Tage-Bart, Trainer und lackierten Fingernägeln sitzt mit übergeschlagenen Beinen da, kratzt sich verlegen an der Backe und grinst. «Aber die Inhalte crashen halt schon hart.» Er rollt einen Joint.

Vom Drogen- zum Liebesrapper. Keti hilf gege Depressione hat er früher gesungen und verlangt: Gib mir Molly & Speed. Genuschelte Texte über das Dagegensein und Nichtdazugehören, «chum nöd klar mit de Liebi, chum nöd klar mit em Tod, chum nöd klar mitm Suufe, chum nöd klar mitm Job».

Seine Lyrics handelten von Filmriss, Drogenziehen auf dem WC, Ladendiebstahl und Notaufnahme. Aidsboy84 war anfangs sein Producername, nach einer Person aus einer Szene, in der die Ansteckung mit sexuellen Krankheiten ein Fetish war. I bi dope, i bi holy, I’ll die young. Im Grunde der kaputteste Rapper der Schweiz.

«Chasch irgendöppis sege und mi afach nu hebe» – Nu Hebe

Wie hat sein Umfeld das aufgenommen? «Natürlich machen die sich teilweise Sorgen. Wichtig ist, darüber zu reden, eine Sprache zu finden, eine Sprache für den Rausch», sagt Daif und verweist auf einen Text von Jessica Jurassica in der Republik.

«Ausserdem ist es Pop, es ist Abstraktion, ich bin ja nicht immer high und verzweifelt, aber wenn, dann schreibe ich darüber und sie kriegen das mit. Diese Zeilen live zu singen, hat mich von der emotionalen Last befreit und mir bei meinen Drogenproblemen geholfen. Oder wenn Anarcho-Kids vor der Bühne mitgesungen haben. Aber das musste ich meiner Familie erst mal begreiflich machen. Meine Oma liest meine Tweets, you know? Drogen sind ein Tabu, sind stigmatisiert. Und ich finde es gut, dass meine Familie und ich es geschafft haben, darüber zu reden.»

«Ha nie welle rezitiere was all die stiere Artists seged , dass Liebi setti sii, trotzdem verfang i mii Muster (…) Vögle hilft halt immer no am beste dägege» – Songs Hebed Ewig

Persönliches zu verarbeiten funktioniert jedenfalls textlich besser als musikalisch, meint der frühere Gitarrist. Die neue EP enthält nur Ficksongs und Lieder über Liebe – ohne einen einzigen Satz, der von Besitz spricht, ohne eine einzige Zeile, die Exklusivität fordert, und ohne ein einziges Wort, das auf das Geschlecht der geliebten Person hinweist.

«Ich habe viele Liebeslieder gehört, mir gefallen auch viele sehr gut, aber inhaltlich sind sie dann doch meist eher dumm, so heteronormativer Scheiss eben. Ich habe mir grosse Mühe gegeben, das anders zu machen», sagt Daif. «Obwohl, teilweise sind auch wieder so klassische Topics drin wie ‹Zwei gegen den Rest der Welt›. Aber da bin ich mega anfällig dafür.»

«Punks sind tot abr mir sind ja na da uf Autotune uf Amphi uf dinr Aalag» – Mir Sind Vili

Warum Ficken und Liebe? «Weil romantische Liebesbeziehungen die Basis für Gleichstellung sind, die Basis, um das Patriarchat oder dumme traditionelle Muster zu überwinden», ist sich der 28-Jährige sicher. «Ohne Emanzipation in der Liebe, in Beziehungen und in der Sexualität ist es nicht möglich, andere Gesellschaftsebenen zu emanzipieren. Wer in einer Beziehung übergriffig ist, machoid, possessiv, der kann auch an anderen Orten nicht fair sein. Da fängt bei mir alles an.»

Privat versucht Daif als bisexueller Mann seit eineinhalb Jahren eine offene Beziehung mit einer Frau zu leben, schläft also auch mit Männern. «Auch ich bin da überfordert, von weiteren Verliebtheitsgefühlen in einer Beziehung. Und dann ist da immer die Angst, den Partner damit zu verletzen. Aber dann sprechen wir darüber und dann geht es. Egal ob bei Drogen oder bei der Liebe: Wir müssen eine Sprache dafür entwickeln.»

Obwohl sich musikalisch einige Gemeinsamkeiten auftun zu weiteren Schweizer Künstlern, etwa Babylon Music (deren kommerzielle Zusammenarbeit mit Red Bull Daif allerdings kritisiert), zu den Berner Yangboy$ («aktuell mein Favorit») oder Cobee, bleibt der Frauenfelder Cloudrapper Aussenseiter.

«Im Schweizer HipHop hat es einfach nur Heterodudes», belustigt sich Jessica und erzählt vom Freestyle Battle im Dachstock der Reitschule, bei dem es nur schwerlich gelang, Rapper von sexistischen, frauenverachtenden und homophoben Lines abzubringen. «Am Ende landen dann alle bei Schwanzwitzen, das ist fast schon süss.»

«Zwei Punks undrwegs zwei Punks gege d Schwiiz, vögled eus so wiit weg bis mr drü Täg Jetlag hei» – Sharif Don’t Like It

Nehmen wir jetzt noch Drugs? Kleine Lines werden gelegt und Severin spielt neueste Solo-Aufnahmen von ihm vor, alles sehr wavig und roh, am Ende läuft ein Cover von Bite It You Scum. Auch voll geil.

«Ich kann mit homophoben Menschen nicht reden», stellt Daif klar. «Da werd ich hässig.» Darum kann er sich auch nicht mit der HipHop-Szene identifizieren. Die Hoffnung besteht, dass sich dort irgendwann etwas ändert. «Vielleicht kann ich sogar dazu beitragen», sagt er. «Aber mein Impact ist eher nicht so gross. Die Szene ist viel zu festgefressen und Queer-Rap findet fast nicht statt.»

Da sitzen wir also, hören GG Allin, und alle stimmen zu, wenn Severin sagt: «Zu Punk gibt es viel mehr Bindeglieder, bei uns allen. Weil es diesen DIY-Spirit hat, weil wir alles selbst machen. Der politische Anspruch. Das ist das rote Band, da sind wir beheimatet, und daraus erwächst der gegenseitige Respekt, egal ob es jetzt Metal ist, Stoner Rock, Trap oder Literatur.»

 

Homophobie im Schweizer Rap:

Valentin Oberholzer schreibt im HipHop-Magazin «Lyrics», dass Homophobie im Schweizer HipHop salonfähig ist. «Wer schwul ist, hat im Rap keinen Platz. Der Mann ist der Starke. Frauen gehören halbnackt in den Videohintergrund oder singend in die Hook», so die Einschätzung des Redakteurs. Im Ausland erfreue sich Queer-Rap dafür grosser Beleibtheit, mit Inhalten, die Rap-Fans eigentlich ansprechen müssten: die eigenen Struggles.

«Sich ein Leben lang verstecken, Angst vor dem Outing und den darauffolgenden Reaktionen, Selbstzweifel, Hass aus verschiedensten Ecken, nicht sich selbst sein können» – all das würden die Rapperinnen und Rapper ansprechen und so bei einem Publikum, das von traditionellem Rap nicht beachtet wird, Gehör finden. «Sie provozieren, lassen Frust raus, fordern etablierte Rollenbilder heraus, geben Schwächeren eine Stimme, kämpfen für mehr Akzeptanz», schreibt Oberholzer.

Genau das seien doch die Urgedanken, aus denen HipHop entstanden ist. «Ersetze schwul mit schwarz oder arm und wir sind wieder auf Feld eins im Rap-Game.» In der Schweiz sei das Genre noch nicht angekommen, obwohl Künstler wie Dawill, Cobee, Daif oder Babylon Music etablierte Rollenbilder und Hypermaskulinität in Frage stellen, ihre Fingernägel lackieren, Röcke anziehen oder für ein Video Knebelbälle in den Mund nehmen. In dieser Weise ist Queer-Rap, sagt Oberholzer, «purer HipHop, der realer nicht sein könnte».

Jessica Jurassica und DAIF werden gesponsert von Untamed.Love, dem ersten queerfeministischen Sexshop der Schweiz, und von Rich Secco. Für den Dokumentarfilm Dieter Meiers Rinderfarm gab es Unterstützung von Storz&Bickel Vaporizers.

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