, 26. Oktober 2017
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Mit 65 ist man alt, ab 80 «hochbetagt»

Am Theater Konstanz inszeniert Regisseur Andreas Pirl das Stück «Gestern ist auch noch ein Tag» von Kirsten Stina Michelsdatter, ein Dialog zwischen Mutter und Tochter. Der Text wurde eigens für die beiden Darstellerinnen geschrieben, die im wahren Leben Schwiegermutter und -tochter sind.

Irma Münch und Hannelore Koch. (Bild: Veronika Fischer)

Saiten: Frau Münch, Sie sind nun 87 Jahre alt und stehen immer noch auf der Theaterbühne. Was fesselt Sie an Ihrer Leidenschaft?

Irma Münch: Es ist auf keinen Fall die Eitelkeit! Dafür ist die Schauspielerei zu schwer. Ich hatte den Beruf gerade so einigermassen gelernt, plötzlich wurde ich 60 und dann soll das alles zu Ende sein? Man hat ja eine Menge in sich, das ausgedrückt werden will. Ich halte es gerne mit Schiller und betrachte das Theater als moralische Anstalt. Wie ist es bei dir Hannelore? Du bist ja auch schon in Rente!

Hannelore Koch: Meine Neugierde hört nicht auf. Ich erfahre in jeder Rolle wieder etwas über mich oder die anderen Personen. Jedes Mal entdecke ich etwas, das ich noch nicht kannte. Das ist spannend!

Irma Münch: Man fängt auch immer wieder von vorne an. Ich erinnere mich, dass ich mich bei meinem berühmten Schwiegervater Bernhard Minetti, als er auf die 90 zuging, gewundert habe, dass er vor manchen Rollen wie ein Anfänger stand. Aber heute weiss ich, dass es immer wieder von vorn beginnt.

Bei Ihrem letzten Besuch in Konstanz haben Sie im Stück Schwarz ohne Zucker gespielt. Teilweise sassen Sie dabei auf dem Boden und sind wie ein junges Mädchen wieder aufgesprungen. Ein Textfehler war auch nirgends zu bemerken. Wie halten Sie sich fit?

Irma Münch: Ja wie halte ich mich fit? Mit Schwimmen, Laufen, Disziplin beim Essen und den Aufgaben im Alltag. Und viel, viel, viel lesen!

Hannelore Koch: Und mit Menschen zusammen sein.

Irma Münch: Ja! Mit jungen Menschen! Ich habe gar keine alten Freunde, alle sind jünger.

Wollten Sie schon immer Schauspielerin werden?

Hannelore Koch: Ich wollte eigentlich Dramaturgin werden. Mein Vater war Musiker am Gorki Theater und so habe ich nach dem Abitur dort als Mädchen für alles gearbeitet. Ein Freund riet mir dann: Wenn schon Theater, dann richtig! Also habe ich mich an der Schauspielschule beworben und wurde genommen.

Irma Münch: Schon als Kind habe ich mich gern verkleidet und vor einem Vorhang aus einem Leintuch gespielt. Wir hatten damals noch Zeit als Kinder, das ist heute vorbei.

Gestern ist auch noch ein Tag: 27. (Premiere) und 28. Oktober, 20 Uhr, Werkstatt, Theater Konstanz.

Weitere Aufführungen: theaterkonstanz.de

Hat sich Ihrer Ansicht nach auch das Frau-Sein in den letzten Jahrzehnten verändert?

Hannelore Koch: Wir sind beides Ostfrauen und haben daher viele Aspekte der Gleichberechtigung als ganz selbstverständlich angesehen, die im Westen erst noch erkämpft werden mussten. Für uns war es ganz klar, dass wir unser eigenes Leben hatten und einen Beruf ausübten, auch trotz kleiner Kinder. Heute ist das gar nicht mehr so selbstverständlich. Mir tun jüngere Kolleginnen mit kleinen Kindern oft leid, weil sie es schwerer haben.

Irma Münch: Im Theater gab es immer eine Gleichberechtigung. Jeder steht auf der Bühne im selben Licht. Gut, die Männergagen waren schon immer höher, aber ich habe mich nie untergebuttert gefühlt.

Im aktuellen Stück Gestern ist auch noch ein Tag spielen Sie Mutter und Tochter. Was haben Sie in diesem Text für sich gefunden?

Irma Münch: Ich hatte eine vollkommen andere Mutter. Wir hatten ein wunderbares Verhältnis und das Einzige was ich bereue ist, dass ich ihr nicht oft genug sagte, dass sie die beste Mutter der Welt ist.

Hannelore Koch: Durch den Text reflektierte ich natürlich meine Mutterbeziehung und auch die zur meiner Tochter. Es kommen Fragen auf wie: Wann befreit man sich? Wo steckt man zurück? Wie löst man sich? Aber das Stück geht auch weit über das Mutter-Tochter-Verhältnis hinaus. Solcherlei Missverständnisse gibt es überall und ich frage mich oft, warum man sich nicht einfach mal richtig zuhört.

Irma Münch: Zum Teil sind es ja auch Missverständnisse nicht-verbaler Natur. Die Tochter wirft der Mutter beispielsweise vor, dass sie immer leise sein musste, damit die Mutter sich ausruhen konnte. Das müsste doch eigentlich verständlich sein! Aber sie fühlt sich nicht wahrgenommen und kommt nun mit Vorwürfen. Dieses ständige Schlucken auszuhalten fällt schwer.

Mögen Sie die beiden Figuren?

Hannelore Koch: Ja!

Irma Münch: Sie werden verteidigt bis aufs Äusserste!

Hannelore Koch: Allerdings war der Text nicht ganz einfach. Anfangs haben wir uns schon gefragt, wie man diesen fliessenden Dialog auf die Bühne bekommt und ob er nicht zu fragil ist. Wir haben versucht in die Figuren abzutauchen, sie bildlich zu machen. Durch die Arbeit mit Andreas Pirl gelingt das gut. Er ist dazu in der Lage auf Feinheiten zu reagieren, wie es viele grosse Regisseure nicht können.

Irma Münch: Es wird auch interessant, wie das Publikum auf die Figuren reagieren wird. Ich kann mir vorstellen, dass es Menschen gibt, die die Alte fürchterlich finden und dann wieder andere, die möchten vielleicht die Tochter an die Wand werfen. Ich freue mich auf das Konstanzer Werkstattpublikum! Beim letzten Mal war ich sehr angenehm überrascht, wie sensibel und aufmerksam dem Text gefolgt wurde. Ich habe eine Frau getroffen, die aus der Nähe von Zürich sogar ein zweites Mal in das Stück gekommen ist. Das freut mich sehr! Solche Stücke sind sehr selten und nur darum spiele ich sie. Ich möchte mich nicht mehr für etwas anstrengen, das ich nicht mag. Als Hochbetagte darf man den Anspruch haben, dass man auswählt. Neulich hab ich nämlich gelesen: Mit 65 ist man alt, ab 80 «hochbetagt». Und es ist ja auch das letzte Mal, dass ich meine Koffer packe und zu einer Premiere fahre…

Hannelore Koch: Das hast du bei Schwarz ohne Zucker auch gesagt!

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