, 30. Oktober 2017
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«Mit chli Hilf vo dine Fründ»

Roman Riklin hat «Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band» der Beatles in eine schweizerdeutsche Version verwandelt. Diesen Mittwoch bis Samstag ist das Resultat in der Kellerbühne zu hören. Es stellt die Musikwelt nicht auf den Kopf, macht aber Spass. von Tobias Gerosa

Das Seconhand Orchestra mit Roman Riklin am Schlagzeug. (Bild: pd)

Aus 40 Minuten am Lautsprecher werden zwei Stunden auf der Bühne: Angereichert durch locker assoziierte neue Songs, kommt Sgt. Pepper mit dem Secondhand Orchestra jetzt nach St.Gallen. Roman Riklin und Daniel Schaub von Heinz de Specht, Adrian Stern und Frölein Da Capo sind von einer langen Vorstellungsserie im Zürcher Theater am Hechtplatz und im Kleintheater Luzern gut eingespielt für die vier Aufführungen (oder muss man sagen: Konzerte?) auf der Kellerbühne.

Eingehaltene und aufgebrochene Tracklist

Das Wimmelbild des Covers ist längst ikonisch, die Songs (fast) alle berühmt. Das Beatles-Album Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band ist ein Meilenstein der Rock-/Pop-Geschichte und laut dem Rolling Stone Magazine das beste Album überhaupt. Oder wie es der charmante «Mundart-Abend auf den Spuren des besten Albums aller Zeiten» in seinem Geschichts-Schnellkurs am Anfang postuliert: Die bleierne Schwarzweisswelt wurde farbig, die Musikwelt für immer auf den Kopf gestellt.

Das ist 2017 genau 50 Jahre her. Auf der Bühne stehen bei diesem Gang in die Pop-Geschichte Roman Riklin und Daniel Schaub, deren Stimmen und Stil man von Heinz de Specht kennt; von ihnen kommen die Idee und die Übersetzungen.

Das legendäre Album-Cover von 1967

Dazu holten sie sich Adrian Stern und das Frölein Da Capo, die sicher auch etwas Fernsehprominenz einbringen, aber als Multiinstrumentalisten sehr gut passen. Und offensichtlich auch im Geist, wie sie sich den Beatles nähern wollen. Zusammen haben die vier alle 13 Nummern neu arrangiert.

Gitarren sind immer dabei, oft auch Ukulelen. Frölein Da Capo, deren Entstehung auch mit den Beatles zusammenhängt, bringt Blechfarben ein. Und statt einem grossen Schlagzeug wechseln sich die vier an verschieden Trommeln und auch am Klavier ab, durchaus auch während eines Songs. Nur die Blockflöten … doch lassen wir das. Die Instrumentation inklusive ein paar Überraschungen überzeugt gerade durch die vielen Varianten.

Radiolegende ordnet ein

Zur Musik sorgt Radiolegende François Mürner, FM, für distanzierende Einordnung. Den Sound erkennt sofort wieder, wer in den 80ern und 90ern das sich damals noch als subversiv verstehende DRS3 hörte. Er kommt als Beatles-Zeitzeuge und Pop-Historiker zu Wort und Bild: Aus dem Off kommentiert er meist ironisch, erklärt und setzt den Kontext. Er nimmt die Gerüchte über John Lennons Tod auf, weiss sogar, wer der sagenumwobene Sgt. Pepper war (Stichwort: Skilehrer!) und mischt sich «ab Konserve» in den Live-Abend ein.

Ähnlich hybrid sind auch seine halb gezeichneten, halb gefilmten Hintergrundvideos – die kaum notwendig wären. Die Songreihenfolge bleibt unangetastet, schliesslich ist Sgt. Pepper ein Konzeptalbum, auch wenn sich das Konzept nicht so ganz fassen lässt und darum hier auch gut Einschübe neuer Lieder erträgt.

Secondhand Orchestra – Sgt. Pepper: 1., 2., 3. und 4. November, 20 Uhr, Kellerbühne St.Gallen
kellerbuehne.ch

Aus den knapp 40 Minuten der Original-Platte werden so lockere zwei Stunden, wenn Erfahrungen rund um die Beatles zum Zug kommen: Die Freundin, die zwar bei Fragen wie «Rotwii oder Ingwertee / Auto oder Velo / zu mir oder zu dir?» immer die richtig Antwort gibt, aber ausgerechnet beim entscheidenden «Beatles oder Stones» das Falsche sagt. Oder wenn das Fade-out eines Songs gleich in einem neuen Song auf die Schippe genommen wird. Da werden die Handschriften der vier Musiker hörbar, bei den Beatles stellen sie sich wieder mehr zurück.

 

Und hier sind auch die wirklichen Ohrwürmer wiederzufinden, auch wenn die eigenen Texte insgesamt treffender daherkommen als die Beatles-Übersetzungen – Franz Hohlers Wenn i mol alt bi von anno dazumal prägt sich mehr ein als die jetzt von Adrian Stern gesungene anzüglichere Version.

Die Beatles haben 1967 eine starke Marke gesetzt. Die neue Version nimmt diese Bedeutung charmant auf, erweist dem Original nicht zu viel und nicht zu wenig Ehre. Sie stellt die Musikwelt nicht auf den Kopf – das ist auch nicht ihr Anspruch. Aber sie macht unbeschwerten Spass.

Dieser Text erschien im Novemberheft von Saiten.

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