, 1. Juni 2013
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Mit Druckluftflasche in der St.Galerie

Flex-Sil Reloaded heisst die Hommage-Ausstellung zu Roman Signers 75. Geburtstag in der Kunsthalle St.Gallen. Darin wird Signers Einzelausstellung von 1988 rekonstruiert. Der damalige «Kurator» Josef Felix Müller erinnert sich.

In letzter Zeit werde ich immer öfter mit meiner Vergangenheit konfrontiert – ein untrügliches Zeichen des eigenen Alterns. Es gibt viele Sachen im Leben und in der Kunst, die man schnell vergisst oder an die man sich lieber nicht mehr erinnern möchte. In diese Kategorie gehört Roman Signer aber ganz bestimmt nicht.

Vor ein paar Monaten befragte mich Giovanni Carmine über die Ausstellung von Roman, die ich 1988 in der Kunsthalle kuratiert habe. Den Begriff «kuratieren» verwendeten wir damals noch nicht. In den Achtzigerjahren hat man einfach gemacht, improvisiert und viel Spass dabei gehabt. Beim Gespräch mit Giovanni skizzierte ich spontan aus der Erinnerung heraus die Arbeiten der damaligen Ausstellung von Roman. Ich war überrascht, welche Werke sich in meiner Erinnerung über 25 Jahre förmlich eingebrannt haben und welche ich vergessen habe.

Signers erste Live-Aktion

Die ersten Arbeiten von Roman sah ich Mitte der Siebziger an den Eidgenössischen Stipendiums-Ausstellungen und in der Galerie Wilma Lock. 1981 habe ich Roman Signer eingeladen, in der von mir geleiteten St.Galerie an der Zürcherstrasse 20 eine Ausstellung einzurichten. Die ungefähr vier Mal vier Meter grosse Galerie war immer verschlossen und nur durch zwei Schaufenster von aussen einsehbar. Roman hatte die Idee, den gesamten Ausstellungsraum in seiner Art zu bemalen. Er stellte einen mit schwarzer Farbe gefüllten Metallkubus ins Zentrum und verband diesen durch einen Schlauch mit einer Druckluftflasche. Am 21. April 1981 kamen sehr viele Kunstinteressierte an die angekündigte Ausstellungseröffnung und standen voller Erwartung draussen im Freien. Um Punkt acht Uhr am Abend betrat Roman durch einen Hintereingang ganz bedächtig die St.Galerie in einem schwarzen Overall. Er begab sich zur Druckluftflasche, drückte den Metallgriff, und innerhalb von wenigen Sekunden waren der Künstler und der gesamte Raum komplett mit schwarzer Farbe verspritzt. Dieses Ereignis war die erste künstlerische Live-Aktion von Roman Signer vor Publikum. Es folgten im Lauf der Jahre hunderte von weiteren öffentlichen Aktionen auf der ganzen Welt.

Immer am Anschlag

1988 erarbeitete ich zusammen mit Corinne Schatz das Buch Roman Signer Skulptur, das ich im Vexer Verlag veröffentlichte. Diese vertiefte Auseinandersetzung mit dem skulpturalen Werk des Künstlers war auch der Anlass für die Ausstellung, die ich in der damals noch ganz jungen Kunsthalle an der Wassergasse organisierte. Für diese Präsentation entstand auch die allererste Fotoedition von Roman. «Einbruch im Eis» dokumentierte die lebensgefährliche Begehung eines zugefrorenen Weihers durch den Künstler. Roman ist dabei fast ertrunken und konnte sich nur mit grosser Mühe ans Ufer retten. Er war damals fünfzig Jahre alt und finanziell immer am Anschlag. Rechnen war nicht wirklich seine Sache. Wenn er für eine Aktion eingeladen wurde, setzte er oft sein eigenes Honorar auch noch ein, um seine künstlerischen Ideen optimal umsetzen zu können. Sein grosser Einsatz hat sich gelohnt. Heute ist Roman Signer einer der bekanntesten und begehrtesten Welt-Künstler. Ich denke: zu Recht. Seine Arbeiten setzen etwas in Bewegung, formen sich durch die Aktion und manifestieren sich durch eine Energie, die der Künstler bewusst in Gang setzt, in eindrücklichen Bildern. Kleine Ereignisse entpuppen sich zu eindringlichen Metaphern des Zeitenlaufs. Roman Signer ist ein Zeichner, Maler, Skulpteur, Fotograf, Filmpionier, ein Schauspieler, Geschichtenerzeuger und ein witziger Erzähler. Für mich ist Roman aber vor allem einer der humorvollsten und dadurch einer der jüngsten Älteren, die ich kenne. Das wird er dank seiner künstlerischen Arbeit auch bleiben. Weit über unsere Zeit hinaus.

Flex-Sil Reloaded
Vom 25. Mai bis 4. August
Kunst Halle St.Gallen

 

Roman Signers erste Live-Aktion in der St.Galerie

 

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