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Mit Kugelkopf und Köpfchen

Nadeln aus Rentierknochen, ein Nadeldepot aus der Jungsteinzeit im See vor Rapperswil und der Siegeszug des Homo sapiens: Eine Spurensuche zur Geschichte der Nadel in der St.Galler Archäologie, aus dem stich-haltigen Märzheft von Saiten.
Von  Peter Surber , 
Frühbronzezeitliche Metallfunde aus dem Obersee. (Bild: pd)

Die Nadeln sind bis zu 15 Zentimeter lang, ähnliche Exemplare auch das Doppelte. Ihr Oberteil und Kopf ist mit Rillenmustern versehen, ein schmucker Anblick. Gefunden hat man sie im Wasser bei zahlreichen Ufersiedlungen, unter anderem im Obersee vor Rapperswil in der Nähe des heutigen Seedamms. Tausende von Pfahlstummeln bezeugen, dass hier schon in der Pfahlbauerzeit Stege und Wege über die Untiefe zwischen den Ufern gebaut worden waren.

Zwei Gewandnadeln mit Kugelkopf und weitere jungsteinzeitliche Funde aus Rapperswil-Jona im HVM St.Gallen.

Zwei dieser Nadeln liegen in einer Vitrine der Archäologie-Ausstellung im Untergeschoss des Historischen und Völkerkundemuseum St.Gallens. Sie sind auf die frühe Bronzezeit zu datieren; die Siedlung mit dem offiziellen Namen Rapperswil-Jona SG-Technikum war schwerpunktmässig im 17. bis 15. vorchristlichen Jahrhundert bewohnt. Klar ist, erklärt Rebecca Nobel, die Kuratorin der archäologischen Sammlung im HVM, dass es sich bei den schlanken Stiften um Gewandnadeln handelt. Mit ihnen hat man Kleidungstücke zusammengehalten, stabil dank der Rillung und einem gelochten Kugelkopf.

«Wenn Sie auf der Suche nach den frühesten Nadeln sind, dann sind Sie in der Frühbronzezeit in der richtigen Zeit», bestätigt Martin Schindler, Leiter der St.Galler Kantonsarchäologie. Aber warum sind sie im See gelandet, nebst diversen anderen Metallgegenständen, darunter auch Beile, Dolchklingen oder ein Schwert? Die Frage stellt sich auch andernorts, etwa im Neuenburgersee, wo ebenfalls ganze solcher Depots mit Metallgegenständen entdeckt worden sind.

Gedeutet werden die Funde am ehesten als Dokumente eines Opfer- oder Weiherituals: «Gut möglich, dass die Leute vor der Überquerung reissender Wasser das Schicksal gnädig stimmen wollten, indem sie ihr wertvollstes Stück in die Fluten warfen», heisst es in einer Publikation des Nationalmuseums zu den Pfahlbauern aus dem Jahr 2004, 150 Jahre nach der Entdeckung der ersten Pfahlbausiedlung in Obermeilen.

Spurenlesen im schriftlosen Dunkel

Eine mögliche Deutung, sagt Rebecca Nobel – aber Sicherheit zu gewinnen sei in solchen Fragen schwierig. Archäologie heisst Spurenlesen. Spuren finden sich entweder auf Siedlungsarealen, in Gräbern oder, wie im Fall des Obersees, in «Depots». Für die Jungsteinzeit und Bronzezeit (ungefähr 4500 bis 1000 v. Chr), in der die Ufersiedlungen im ganzen voralpinen Raum entstanden, kennt man heute zwar rund 1000 Fundstellen zwischen Ostfrankreich und Slowenien, aber bekanntlich keine schriftlichen Zeugnisse. Von daher sei jede Interpretation heikel, sagt Nobel – und sobald das Zauberwort «Ritual» falle, bringe dies erst recht Fantasien und Vorstellungen in Gang.

Dabei drohe eine weitere Falle: dass voreilig vom Heute auf das Damals geschlossen wird. Lange sei die Archäologie zum Beispiel unhinterfragt von der «klassischen» Rollenteilung zwischen den Geschlechtern ausgegangen: Männer jagen, Frauen hüten das Feuer und sind für Nähen, Kochen und Kinderbetreuung zuständig. Dafür gebe es über die ganze Steinzeit hinweg jedoch kaum gesicherte Beweise, sagt Nobel. Allerdings Indizien: Dass etwa in den Pfahlbausiedlungen Frauenskelette mit auffällig starken Oberarmknochen gefunden wurden, lasse darauf schliessen, dass die Frauen das Mehl gemahlen hätten – eine Schwerarbeit. Doch solche Hinweise seien noch nicht für eine ganze Epoche aussagekräftig. Nicht undenkbar also, dass der Gletschermann Ötzi, der vor 5300 Jahren im Ötztal von einem Pfeil tödlich getroffen wurde und vor 30 Jahren dank dem Klimawandel ans Tageslicht gekommen ist, selber einst die Nadel in die Hand genommen hat, um seine «Leggins», die auffälligen Beinkleider aus Ziegenfell, zusammenzunähen.

Ganz so spektakulär wie Ötzi sind die Funde in den hiesigen Ufersiedlungen, seit zehn Jahren Unesco-Weltkulturerbe, nicht. Aber sie haben den Vorzug, dass sie eine bereits sesshafte Kultur mit entsprechend vielen lokalen Fundstücken dokumentieren – und dass sich im feuchten Grund der Seeufer Materialien konserviert haben, die sich andernorts längst ins Nichts aufgelöst hätten.

Dazu gehören Textilienreste. Sie zeigen, dass die Jungsteinzeit-Menschen ihre Kleider nicht nur aus Fellen und Häuten herstellten, sondern auch aus Pflanzenfasern, vor allem aus Flachs, gewebt haben. Neben Kleidern finden sich aus dem Material Schnüre, Seile, Körbe, Taschen, Siebe, Schuhe, Hüte oder Mäntel. Reichhaltig sind auch die Gegenstände, die mit der Fischerei zusammenhängen, darunter Angelhaken in allen Variationen und gebogene Nadeln aus Hirschgeweih, mit denen die Schnüre aus Pflanzenfasern zu Netzen verknüpft wurden.

Mit Nadel und Sprache erfolgreich

Die Nadelgeschichte fängt aber früher an. Eines der ersten Objekte in der St.Galler Archäologie-Dauerausstellung ist eine Nadel, hergestellt aus dem Mittelfussknochen eines Rentiers – kein Originalfund, sondern eine Rekonstruktion. Sie zeugt vom Auftreten des Homo sapiens gegen Ende der Altsteinzeit, jener Epoche, die europaweit die gewaltige Zeitspanne von 2,4 Millionen Jahren bis rund 10’000 v. Chr. umfasst und bei uns um 50’000 v. Chr. im sogenannten «Moustérien» fassbar wird, vor allem dank den Höhlenfunden im Wildkirchli, im Wildenmannlisloch ob Alt St.Johann und im Drachenloch bei Vättis.

Die menschlichen Spuren, die die Wildkirchli-Zeit hinterlässt, gehören allerdings noch dem Neandertaler, der damals im Voralpengebiet als Jäger und Sammler unterwegs war, aus lokalen Gesteinen wie Ölquarzit oder Radiolarit Keile, Schaber, Spitzen oder Messer herstellte, wie man sie in der St.Galler Ausstellung in diversen Formen antrifft – und der wohl gelegentlich auch mit dem Höhlenbären in Konflikt geriet.

Ab ca. 35’000 v. Chr. aber taucht eine neue Menschenart auf, der Homo sapiens sapiens oder Crô-Magnon-Mensch. Typisch für ihn sind die Knochengeräte, die jetzt die Steinwerkzeuge ergänzen, oder die Höhlenmalereien. Die Website archaeologie-schweiz.ch zeigt ein Bild von Funden aus einer Schutzhöhle (Abri) im Schaffhausischen: Nähnadeln, teils fertig geformt und mit Nadelöhr, teils als Rohformen, die die damaligen Bewohner aus Knochen von Pferden, Vögeln und Hasen hergestellt hatten. Beinnadeln sind für diese Epoche vielerorts belegt – und das Material blieb beliebt, nicht zuletzt, weil es leicht verfügbar war: Noch bis ins Mittelalter waren aus Knochen hergestellte Nadeln in Gebrauch, sagt Rebecca Nobel.

Die Zeit um 35’000 v. Chr. könnte der Moment sein, an dem die Nadel Weltgeschichte schreibt oder zumindest mitschreibt. In seiner kurzen Geschichte der Menschheit geht der israelische Historiker Yuval Noah Harari der Frage nach, die die Anthropologie seit langem umtreibt: Wie hat sich der Homo sapiens durchgesetzt und warum verschwand der Homo neandertalensis von der Bildfläche? Die «Vermischungstheorie» stellt die Hypothese auf, Neandertaler und Sapiens hätten sich gekreuzt – was in jüngster Zeit von der Genetik denn auch teilweise bestätigt worden ist: Im Gengut des Homo sapiens finden sich zwar nur geringe, aber eindeutige neandertalerische Genspuren. Die «Verdrängungstheorie» postuliert dagegen, dass die Neandertaler den Sapiens unterlagen, dass ihre Begegnung um 30’000 v. Chr. möglicherweise sogar «mit der ersten und gründlichsten ethnischen Säuberung der Geschichte endete» (Harari).

Der Siegeszug des Homo sapiens gilt als die «kognitive Revolution» der Menschheitsgeschichte. Die Neandertaler waren zwar kräftiger gebaut und blendende Jäger, aber der Sapiens hatte das grössere Hirn und entwickelte Techniken, die ihm und ihr schliesslich die Übermacht sicherten.

Dabei spielte das handwerkliche Geschick eine Rolle: «Die Sapiens erfanden Boote, Öllampen, Pfeil und Bogen und sogar Nadeln (mit denen sie sich warme Kleider nähen konnten). Die ersten Gegenstände, die man als Kunst und Schmuck bezeichnen kann, stammen aus dieser Zeit, genau wie die ersten Hinweise auf Religion, Handel und gesellschaftliche Schichten», schreibt Harari. Mit anderen Worten: Handwerkliche Raffinesse, bessere Infrastruktur und kulturelle Überlegenheit gingen Hand in Hand und machten der Konkurrenz den Garaus – angetrieben insgesamt von einer anderen, der wohl folgenreichersten Errungenschaft: der Sprache. Dank ihr hätten die kognitiven Fähigkeiten des Homo sapiens einen «Quantensprung» gemacht, schreibt Harari. Was diese sprunghafte Veränderung möglich machte, ist allerdings noch nicht geklärt. Es könnten «zufällige Genmutationen» gewesen sein – das Coronavirus lässt grüssen.

Unbekanntes Kupferobjekt

Zurück in der St.Galler Archäologie, sind nach dem Ende der letzten Eiszeit die Funde vorerst dürftig: Auf ihrem Rückzug hätten die Gletscher fast alle Siedlungsspuren zerstört oder weggetragen, erklärt Rebecca Nobel. Einzelne Höhlen sind die Ausnahme, während im flachen freien Mittelland archäologische Objekte fast so schwer zu finden seien «wie eine Nadel im Heuhaufen». Eindrückliche Objekte fände man im Rosgartenmuseum in Konstanz: Dort sind Ende des 19. Jahrhunderts Funde aus dem Kesslerloch bei Thayngen (SH) hingelangt. In der Zeit des Magdalénien um 13’000 v. Chr. nutzten Rentierjäger die Höhle als Sommerstandort und hinterliessen eine Vielzahl von Nutz- und Schmuckstücken aus Rentierknochen, darunter ein ganzes Sortiment an Nadeln – aber auch grandiose Kunstwerke wie das auf ein Stück Knochen geritzte «suchende Rentier».

Im vierten Jahrtausend kommt die Kupferverarbeitung auf. Davon erzählt ein bis heute rätselhaftes längliches Kupferobjekt aus einer Höhle im Rheintal. «Ob es sich um eine Nadel handelt, ist sehr ungewiss», erklärt Kantonsarchäologe Schindler. Der Schaftquerschnitt stimme nicht, gute Vergleiche gebe es bisher keine, und auch die Datierung sei nicht klar. Die Objekte der Fundstelle umfassten eine lange Periode von der Jungsteinzeit bis in römische Zeit. «Im Objektspektrum der hiesigen Kupferzeit tauchen keine Nadeln auf, dagegen Beile, Dolche, Pfrieme und Perlen, gelegentlich auch Anhänger. Für längere Nadeln ist das Material Kupfer wohl zu weich, die Nadeln kommen dann erst in der Frühbronzezeit ab 2’200 v.Chr. zur Blüte, mit der Verwendung von Bronze», erklärt Schindler

Damit ist man wieder in den Ufersiedlungen der Pfahlbauerkultur angelangt. Männer wie Frauen dürften damals die bronzenen Kleidernadeln gleichermassen getragen haben, sagt Rebecca Nobel. Und dass sie nicht nur dem Zweck des Kleiderhaltens dienten, sondern auch ein Zeichen von Besitzerstolz und Selbstdarstellung waren, würde sie «zumindest nicht ausschliessen». Auch wenn die Design-Maxime «Form follows Function» bei kaum einem anderen Gegenstand so plausibel ist wie bei der Nadel – ihre Existenzberechtigung besteht darin, zu stechen, und ihre Form hat sich über Zehntausende von Jahren kaum verändert: Selbst an diesem unscheinbaren Objekt hat sich der Mensch künstlerisch verwirklicht.

Dieser Beitrag erschien im Märzheft von Saiten.

 

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