Was machen Kinder den ganzen Tag im KZ? Wie überleben die kleinsten Inhaftierten? Was und womit spielen sie, wenn sie überhaupt die Kraft dazu aufbringen? Woran erinnern sich die Überlebenden, die den nationalsozialistischen Schrecken mit Kinderaugen mitansahen und am eigenen Kinderleib erfuhren? Es sind grausame, auch unbequeme Fragen. Vielleicht auch deshalb hat die Forschung das Thema bisher vernachlässigt.
Diana Gring hat es sich zur Aufgabe gemacht, nach Antworten zu suchen. Die Historikerin a beitet in der Gedenkstätte Bergen-Belsen und hat die Sonderausstellung «Kinder im KZ-Bergen-Belsen» kuratiert. Über 125 Interviews haben sie und ihre Kollegen in den vergangenen 20 Jahren mit KZ-Überlebenden mit den Jahrgängen 1933 bis 1945, sogenannten «child survivors», geführt. Herausgekommen ist dabei nicht eine statistisch ausgewertete, umfassende und exakte Beschreibung des Kinderalltags im Konzentrationslager, sondern eine Sammlung von Geschichten, Erlebnissen, Eindrücken und Gefühlen, an die sich die ehemaligen Kinderhäftlinge heute erinnern.
Stiefel und Hunde, Leichen und ein Jojo
In der Sonderausstellung «Kinder im KZ Bergen- Belsen», die vom 12. April bis zum 29. September im Historischen Museum St.Gallen gastiert, erzählen Zeitzeugen ganze Geschichten oder blosse Erinnerungsfetzen aus der Perspektive der Kleinsten, also Geschichte von ganz unten: Stiefel und Hunde; stundenlanges Appellstehen und ein SS-Mann, der immerzu Jojo spielt; Zählspiele an Leichenbergen; wer mit seinen Fingern weiter unter die eigenen hervorstehenden Rippen greifen kann, gewinnt.
Erzählt werden diese Geschichten anhand von Texten, Videos, Bildern und Objekten, etwa der Lumpenpuppe «Mies», die die kleine Lous Steenhuis-Hoepelman in den Lagern Westerbork, Bergen-Belsen und Theresienstadt stets bei sich trug. Auf explizite Gewaltdarstellung wird weitgehend verzichtet. «Die Schockmethode, wie sie bei uns in den Schulen in den 80er-Jahren angewandt wurde, hat sich nicht bewährt», sagt Diana Gring im Gespräch mit Saiten. Das sei kein selbst auferlegter Maulkorb. «Man muss die Grausamkeit nicht bis in den letzten Winkel ausleuchten, um den Leuten zu vermitteln, wie schlimm es war.»
Lous Steenhuis-Hoepelman mit der Lumpenpuppe «Mies».
Gemäss aktuellem Forschungsstand waren während der Jahre 1943 bis 1945, in denen das KZ bestand, rund 120’000 Personen in Bergen-Belsen inhaftiert, darunter etwa 3500 Kinder unter 14 Jahren. In anderen Lagern wurden sie rasch «ausselektiert», weil sie nicht zur Arbeit taugten. Bergen-Belsen war kein Vernichtungslager, es gab dort aufgrund der besonderen Lagergeschichte überdurchschnittlich viele Kinder.
Parallel zu «Kinder im KZ Bergen-Belsen» ist im Historischen und Völkerkundemuseum St.Gallen vom 12. April bis 4. August die Ausstellung «The Last Swiss Holocaust Survivors» zu sehen. Die beiden Ausstellungen entstanden unabhängig voneinander, haben inhaltlich aber Berührungspunkte. Zwei Personen, namentlich Ivan Lefkovits und Ladislaus Loeb, sind in beiden Ausstellungen erwähnt.
hvmsg.ch kinder-in-bergen-belsen.de
Überlebende erzählen in St.Gallen
In der Ausstellung geht es aber nicht um Statistiken. Auch nicht um die 15-jährige Anne Frank, die wohl berühmteste Inhaftierte von Bergen-Belsen, die zur Ikone des Holocausts im Dritten Reich wurde. Es geht um andere Namen, um die Vergessenen, um Einzelschicksale. So wird an der Vernissage zur Ausstellung Ivan Lefkovits sprechen, der als Kind die KZ Ravensbrück und Bergen-Belsen überlebte. Lefkovits hat später in Prag Chemie studiert und ab 1969 das Basler Institut für Immunologie aufgebaut. Er lebt noch immer in der Schweiz und engagiert sich seit Jahren für die Erinnerungsarbeit. Lefkovits war es auch, der Diana Gring vorgeschlagen hat, die Ausstellung auch in der Schweiz zu zeigen. Er hat dann den Kontakt zum Eidgenössischen Aussendepartement (EDA) hergestellt, das sich jetzt finanziell beteiligt.
Viele Überlebende, die für ein Forschungs-Interview angefragt wurden, hatten zunächst Bedenken, weil sie ja damals «bloss Kinder» gewesen seien und befürchteten, «nichts Wichtiges» beitragen zu können. «Aber genau darum geht es», sagt Diana Gring. «Die jüngste Häftlingsgruppe wird oft vergessen, weil es ganz einfach kaum Quellen dazu gibt.»
Vernissage für «Kinder im KZ Bergen-Belsen» und «The Last Swiss Holocaust Survivors» ist am 11. April um 18.30 Uhr im Historischen und Völkerkundemuseum St.Gallen. Für beide Ausstellungen gibt es ein gemeinsames Rahmenprogramm.
Weitere Gespräche mit «child survivors» wird es am 23. Juni mit Ladislaus Loeb und am 1. September mit Katharina Hardy geben.
Neues Kapitel in der jüdisch-st.gallischen Geschichte
Dass die Ausstellung «Kinder im KZ Bergen-Belsen» nach Bergen-Belsen und Ravensbrück sogleich in St.Gallen Halt macht, ist kein Zufall. Der Bahnhof St.Gallen war die erste Station des sogenannten Kastner-Zugs ausserhalb des Dritten Reichs, die alte Turnhalle und die Kaserne in der Kreuzbleiche die erste Unterkünfte in Freiheit für mehrere Hundert Juden.
1944 begannen die Massendeportationen der ungarischen Juden ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Der Jurist Rudolf Kastner bot der SS im Namen eines jüdischen Hilfskomitees Lösegelder für die Freilassung jüdischer Gefangener. 1700 Jüdinnen und Juden wurden darauf von der SS ins KZ Bergen-Belsen verfrachtet. Viele waren im Glauben, bereits in einem Zug in die Schweiz zu sitzen.
Die Flüchtlinge aus dem Kastner-Transport wurden in der alten Kreuzbleiche-Turnhalle untergebracht.
Etwa 300 konnten auch bald darauf ausreisen, die grössere Gruppe folgte nach längeren Verhandlungen im Dezember 1944. Im Bahntransport aus dem KZ in Richtung St.Gallen befanden sich etwa 260 Kinder. Ein weiterer Zug mit 130 Geiselhäftlingen folgte im Januar 1945 im Rahmen eines deutsch-amerikanischen Austauschs. Fünf Menschen starben im Kantonsspital. Zwei von ihnen wurden auf dem hiesigen jüdischen Friedhof beigesetzt, die anderen drei auf dem jüdischen Friedhof in Kreuzlingen.
Diana Gring und Peter Müller vom Historischen Museum arbeiten daran, dieses weitgehend unbekannte Kapitel der St.Galler Geschichte zu recherchieren. Die Forschungsergebnisse sollen ins Rahmenprogramm zur Sonderausstellung und in eine kleine Publikation einfliessen.
Dieser Beitrag erschien im Aprilheft von Saiten.
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