, 26. Juni 2016
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Mit soyuz21 ins All der Klänge

Sechs elektronische Hör-Flüge bot das letzte Konzert der Saison von newart music / contrapunkt in der St.Galler Tonhalle. Der Aufbruch ins Unbekannte beinhaltete auch Fehlstarts, hat Daniel Fuchs festgestellt.

Das Phänomen der Musik sei nichts anderes als ein Phänomen der Spekulation, schreibt Igor Strawinsky in seiner Musikalischen Poetik. In diesem Sinn gebe es nichts, was uns erschrecken müsse.

Was ist also von einem Ensemble zu erwarten, dass sich soyuz21 nennt und mit einem neuen Konzertprojekt De Natura Sonorum 2.0 auftritt? Live-Elektronik, die Erforschung der Möglichkeiten der Steuerung von Dynamik und Klang, das jedenfalls und mehr. Schon die Klassiker der Avantgarde haben gelegentlich ihre Werke ins Elektronische erweitert, doch hat sich längst und vor allem durch die neuen, sich überschlagenden Möglichkeiten der Digitalisierung entstanden Öffnungen eine eigene Szene gebildet, die sich fast ausschliesslich mit der Regie und Erforschung  vom Innenleben der Klänge beschäftigt. So war es nicht erstaunlich, sich als Hörer völlig unbekannten Namen gegenüber zu sehen.

Wolken und Leere

Einen ersten Akzent setzten Philipp Meier, Klavier und Fanny Vicens, Akkordeon mit dem Auftragswerk White Clouds/Blue void (2013) des französischen Komponisten Frederic Pattar. Das ungewöhnliche Duo erzeugte helle, instrumentale Klangwolken; die kompositorische Erweiterung ins Vokale gab dem Stück einen lyrischen Ton, so dass man sich nicht in dem riesigen Leerraum zwischen grösseren Strukturen des Universums, im «void» verlor.

In Abänderung des Programms interpretierte Mats Scheidegger anschliessend mit der elektrischen Gitarre Quattro Nudi von Marco Momi. Die vier charaktervollen, fasslichen Stücke vermochten zu faszinieren.

Gesättigte Musik

Exzessiv und bruitistisch daher kam Innersonic (2012) des Franzosen Franck Bedrossian. Mats Scheidegger und Fanny Vicens erkundeten mit E-Gitarre und Akkordeon eine Klangwelt zwischen Avantgarde, Jazz à la Terje Rypdal und Splittern aus Rockmusik. Der Mikrokosmos ist bekanntlicherweise auch unendlich, das kleinste Teilchen noch teilbar. Es erwies sich als schwierig, sich auf die Reise in die Innenwelten dieser Klänge einzulassen. Das ganze Repertoire aus Verfremdungen durch Präparation der Saiten, durch gestrichen erzeugte  Cluster, bekam etwas Erschöpfendes. Man war froh, nach diesen zehn Minuten in die Pause zu kommen.

Interaktive Elektronik

SubString Bridge (1999) für Gitarre und interaktiven Computer des Schweden Ake Parmerud soll eine gleichberechtigte Partnerschaft zwischen dem Spieler  etablieren. Mats Scheidegger wechselte in dieser Komposition von der elektrischen zur akkustischen Gitarre. Dadurch gewann das Werk an Wärme.

Insgesamt hinterliess die Komposition aber einen schalen Eindruck. Zu ärmlich und ohne eigentliche Entwicklung des Materials blieb das nicht nachvollziehbar, vage.

Allegro barbaro

Mit der Interpretation von Till (1991) von Horacio Vaggione, geschrieben für Klavier und Elektronik, zeigte der aus St. Gallen stammende Philipp Meier die ganze Palette seiner pianistischen Kunst. Umgeben vom permanenten Rieseln von Tonscherben spielte Meier sich durch die durchstrukturierte, hochkomplexe Partitur des Argentiniers. Ein viertelstündiges Allegro barbaro, in dem sämtliche Register der Tastatur gezogen wurden, und eine mitreissende Parforceleistung der Extraklasse: Dem wäre eine stehende Ovation angemessen gewesen.

Mit Breath (2016), einem Stück, das der anwesende Zürcher Komponist Stefan Keller selbst leitete, durfte dann im Ensemble mit Klavier, Akkordeon und E-Gitarre richtig ausgeatmet werden.

Wie vermittelt man Neue Musik?

Unter dem Motto «Malerei verwandelt den Raum in Zeit, Musik die Zeit in Raum» ist die kommende Saison 2016/17 von newart Music/Contrapunkt geplant. Im  November ist eine Carte blanche zum 60. Geburtstag an den St. Galler Komponisten und langjährigen Präsidenten des Vereins Bruno Karrer vergeben.

Vorstand und Programmkommission haben beschlossen, die neue Saison auf vier Veranstaltungen zu konzentrieren. Diese sind alle mit hochkarätigen Ensembles besetzt. Im Januar 2017 präsentiert das Ensemble Recherche aus Deutschland sechs Komponisten aus dem Norden Europas. Im April 2017 ist eine Kooperation mit dem Zeughaus Teufen vorgesehen. Dort will das Ensemble TaG dem Phänomen Zufall auf den Grund gehen. Im Kult-Bau St. Gallen kommt es im Mai 2017 zum Sound Crash. Das belgische Ensemble Fractales hat Spektralisten auf dem Programm.

Neu will sich newArt/Contrapunkt auch im pädagogischen Bereich engagieren. Dafür hat man sich mit kklick – Kulturvermittlung Ostschweiz verknüpft. Im September findet im Kult-Bau ein erster Kulturtag der PHSG für Studierende statt. Es sollen Wege gefunden werden, wie junge Ohren auf Neue Musik vorbereitet werden können.

 

 

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