, 2. Januar 2013
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Mit Sugar Man ins Neue Jahr

Ein Gastbeitrag von Marcel Elsener Aufwachen im Neuen Jahr, und die erste Stimme ist Sixto Rodriguez, erst vor ein paar Stunden im Kino kennengelernt und schon ein grundsympathischer Freund, den man sofort allen seinen Freunden und Freundinnen vorstellen will. Rodriguez singt «Cause I see my people trying to drown the sun / in weekends of […]

Ein Gastbeitrag von Marcel Elsener

Aufwachen im Neuen Jahr, und die erste Stimme ist Sixto Rodriguez, erst vor ein paar Stunden im Kino kennengelernt und schon ein grundsympathischer Freund, den man sofort allen seinen Freunden und Freundinnen vorstellen will. Rodriguez singt «Cause I see my people trying to drown the sun / in weekends of whiskey sours» und es zerreisst einen fast vor Rückenschauern und Respekt. Der atemlos noch an der Kinokasse erstandene Soundtrack, der die Hits seiner beiden Alben Cold Fact (1970) und Coming From Reality (1971) und einige unveröffentlichte spätere Songs vereint, läuft auf Dauerrotation; allen voran die beiden traurigsten und besten Songs, Cause und Lifestyles.

Rodriguez – Cause

Die Silvesternacht, den Hasen und die anderen Gänge, die Schnäpse, Vulkane, Küsse und Wünsche in Ehren; die ganz grosse unverhoffte Umarmung zum Jahreswechsel brachte der Film am Vorabend: «Searching For Sugar Man». Umwerfend. Und unglaublich. Man glaubte die Story nicht, als erste Bekannte davon schwärmten, und man traute ihr auch noch nicht, nachdem man einige Sachen nachgelesen hatte. Und jetzt hat man sich im Kino vergewissert, und noch immer reibt man sich die Augen, ob die Geschichte dieses bescheiden seligen Autofabrik- und Bauarbeiters aus Detroit, der in Südafrika ohne sein Wissen zum Popstar der weissen Anti-Apartheid-Bewegung wurde, wirklich wahr ist, so wie sie jetzt erzählt wird. Unglaublich.

«Searching For Sugar Man» – Trailer

Die sagenhafte und sagenhaft ruinierte Motor City hat mithin die spannendste Musik der Welt hervorgebracht, klar, aber ein solches Märchen? Dass ein quasi namenloser Arbeiter-Drifter inmitten von Wasteland, Winter und Whisky die Mutmacher-Hymnen für die unterdrückten Menschen in einem Land voller Sonne und Licht schreiben würde? Detroit brauche positive Geschichten, sagt eine Tochter von Rodriguez im Film. Die Auftritte der schulterzuckend glücklichen Töchter machen die Legende nicht unbedingt realistischer, ebensowenig wie der berühmte Motown-Produzent, der Rodriguez den Tränen nah unter den Allergrössten verortet und schätzt, dass der in den USA gerade mal sechs Alben verkauft hat. Aber alle existieren sie, ganz offensichtlich, auch die Arbeitskumpel wie der grossartige Rick Emmerson; manchmal erscheinen all die Zeugnis ablegenden Kopfschüttler wie aus einem Comic Book.

Aber nein, dieses Märchen ist keine Muntermacher-Trickserei, kein Fake zum Trost in miesen Zeiten. Es ist eine viel zu gute Story «coming from reality», um erfunden worden zu sein. Von wegen Realität: Gern würde man noch eine halbe Stunde mehr Detroit sehen und mehr erfahren von Rodriguez’ dortigem Alltag und seinem beständigen Einsatz für Arbeiter und Arme, der ihn einst sogar für den Stadtrat kandidieren liess. Und wo ist eigentlich die Frau, die ihm die Töchter geboren hat?

Aber ich will hier nicht kritteln und nicht länger werden, sondern nur allen den Gang ins Kino ans Herz legen, allen, die ein klein wenig etwas mit Bob Dylan, Marvin Gaye, Lou Reed, Nick Drake oder Townes Van Zandt anfangen können, die Detroit und Cape Town nie abgeschrieben haben und für Bewegungen interessieren. Bewegungen von unten. Wahrhaftige Musik braucht kein Geld und kein Glitzer, sondern Aufrichtigkeit, Mut, Widerstand, auch das sagt dieser wunderbare Film. Sorry, man wird so pathetisch, und das Silvester-Staunen legt sich einfach nicht. Rodriguez hat die Einkünfte seiner jüngsten Südafrika-Comeback-Stadionkonzerte unter seiner Familie und seinen Freunden verteilt, vermutlich tut er dies auch mit den hoffentlich reichlich ausfallenden Tantiemen seiner wiederaufgelegten Alben. Rodriguez ist ein echter Working Class Hero. You better believe it!

«Searching For Sugar Man» läuft in St.Gallen im Januar im Kinok. Herzhaft-dringliche Empfehlung, über alle Kreise und Szenen hinweg!

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