, 28. Dezember 2016
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Mit Willy Brandt im Metropol

Welt- als Lokalgeschichte: Das Buch «Roth und röter» erzählt die Geschichte der Arbeiterstadt Arbon. von Ruth Erat

1965: Willy Stähelin, Ernst-Rodel, Willy Spühler, Bruno Kreisky, Willy-Brandt und Hans-Brenner

Sie waren alle da: 1911 Karl Liebknecht und Hermann Greulich, 1916 Friedrich Adler, 1918 Fritz Platten, Nationalrat und persönlicher Freund Lenins, 1965 Bruno Kreisky und Willy Brandt. Und man sah sich als Teil Europas. Hier, in Arbon, verabschiedete die internationale Sozialistenzusammenkunft am 16. Juli 1911 den Protest «gegen die von blut- und geldgierigen Kapitalisten angezettelte Kriegshetze», und forderte das Proletariat auf, «mit allen Mitteln gegen einen eventuell ausbrechenden völkermordenden Krieg vorzugehen».

Und am 27. Juni 1965 hörten gegen 10 000 Menschen Willy Brandt das Kennedy-Zitat abwandeln. «Fragt nicht danach, was Europa für euch tut, sondern fragt, was ihr für Europa tun könnt!»

Glanzzeiten und Niedergang

Das von Claudius Graf Schelling unter Mitarbeit von Sabine Schifferdecker und Bernhard Bertelmann verfasste und von Pablo Erat gestaltete Werk Roth und röter. 100 Jahre Sozialdemokratische Partei Arbon 1916–2016, blickt auf die Welt- und Europapolitik des 20. Jahrhunderts, zeigt eine Zeit, in der dieser Bodenseeraum und für kurze Zeit wiederum eine staatenübergreifende Mitte ist. Das zeigt das Buch an zahlreichen Beispielen.

Symptomatisch für diese Haltung ist etwa die markige Formulierung des Festredners Karl von Greyerz am 1. Mai 1927 im Arboner Lindenhofsaal – das Bekenntnis: «Ja, wir wollen dabei sein im Kampfe gegen den Krieg.» Das Dabeisein hält an. Aber bereits 1952 hat die Thurgauer AZ mit 4 716 Exemplaren ihren beglaubigten Höhepunkt erreicht. Und wer genau liest, kann danach Rückzug und Weiterarbeit sehen. Man wehrt sich noch einmal gegen die Noten in der Volksschule, stellt erneut einen Thurgauer Regierungsrat, gibt die «Seepost» heraus.

Claudius Graf Schelling unter Mitarbeit von Sabine Schifferdecker und Bernhard Bertelmann: Roth und röter. 100 Jahre Sozialdemokratische Partei Arbon 1916–2016. Eine Chronik. 2016, Fr. 29.-

Die Geschichte, die Claudius Graf-Schelling hier aufrollt, ist Welt-, Europa-, Regional und Lokalgeschichte in einem. Und so erfahren wir in diesem Werk auch von den Bedingungen des Lebens: 1917 Kälte und fehlende Kohle, in den 20er-Jahren Herabsetzung der Arbeitslosenunterstützung, in den 30er-Jahren Notstandsarbeiten. Danach wird in Fakten und Bildern ganz im Sinne des Titels die Zeit von Stadtammann, Regierungsrat, Grossratspräsident und Nationalrat August Roth und jene von Redaktor und Nationalrat Ernst Rodel gezeigt.

Arbon wird zur Stadt mit dem grosszügigen öffentlichen Raum. Das Schloss wird erworben, die Seeufergestaltung nimmt ihre Form an, das Strandbad wird von der Arbeiterschaft verwirklicht und damit – am Bodensee neu – das gemeinsame Baden von Frauen und Männern. Das ist Geschlechtergeschichte, Pressegeschichte, Stadtgeschichte, Baugeschichte, Industriegeschichte und Alltagswelt in Fakten und Daten. 2001 heisst es dann: «Die Anfang des letzten Jahrhunderts erstellte Saurer-Giesserei wird abgebrochen.» Interpretiert wird nicht. Es wird beschrieben, genannt und punktuell erinnert, sparsamst kommentiert.

Grenzen gehen auf und zu

Wir sehen den Alltag und den Kontext. Das genügt, um auch die Aktualität von Geschichte zu erkennen, das Erbe der Zeit der Fabriken und eines 20. Jahrhunderts mit seiner Ausrichtung auf die Welt, etwa im Hotel Metropol, wo Brandt, Kreisky und Spühler 1965 ihr Mittagessen einnahmen.  So blickt die Publikation von Arbon aus auf die Welt und die Gegenwart.

Willy Brandt in Arbon, 1965

Diesem Prinzip bleibt das Werk bis zum Schluss treu, stellt da, 2016, fest: «Letztes Jahr ging Deutschland als Land der Offenheit, der Solidarität und des Willkommenheissens von fliehenden Menschen in Not in die Geschichte ein. Inzwischen ist mehr von Bedrohung, Verletzlichkeit und Gefahr die Rede. Auf der sogenannten Balkanroute werden von mehreren Staaten Grenzzäune errichtet.

Ironie der Geschichte: Der erste Zaun wird in Ungarn erstellt.»Und so blättert man nach diesem Verweis vielleicht zurück: 1956 «Volksaufstand in Ungarn. Die Sozialdemokratie solidarisiert sich mit den Aufständischen. Die Schweiz nimmt über 10’000 Flüchtlinge aus Ungarn auf», verfolgt diese Linie und liest: 1989 «Ungarn kündigt den Abbau der Grenzanlagen zu Österreich an. Der Eiserne Vorhang wird durchlässig: er fällt Anfang November definitiv» – dies im Jahr der ersten Nummer der Arboner SP-Publikation «Seepost».

Dieser Beitrag erschien im Dezemberheft von Saiten.

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