, 4. November 2016
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Mitreden bei den fünf Stadt-Baustellen

Viel ist noch nicht geschehen, aber es ist auch noch nichts verbaut. Bei der partizipativ aufgegleisten St. Galler Stadtentwicklung ist noch alles offen: das Gelingen und auch das Scheitern.

Fünf Projekte stehen im Raum: Bahnhof Nord, Marktplatz-Bohl-Blumenmarkt, St. Fiden-Heiligkreuz, St. Gallen West/Gossau Ost und die St. Galler Innenstadt. Am weitesten unter der Mitwirkung der Bevölkerung gediehen ist das Gebiet Bahnhof Nord. Das zeigte am Freitag die Tour d’Horizon, die Stadtpräsident Thomas Scheitlin, Stadträtin Patrizia Adam von der Direktion Bau und Planung und Florian Kessler, Leiter des Stadtplanungsamtes, den Medien präsentierte.

Bahnhof Nord – Tauglichkeitstest für Partizipation

Seit diesem Frühjahr läuft das partizipative Projekt Bahnhof Nord. Vier Teams haben unter öffentlicher Beteiligung ein Testplanungsverfahren durchgeführt, das zwar die formellen Verfahren nicht ersetzt, aber Entscheidungsgrundlagen anbietet. Diese werden am öffentlichen Ergebnis-Forum am 30. November 2016 um 19 Uhr in der Lokremise präsentiert.

Erwartet wird eine breite öffentliche Diskussion. Bauchefin Adam: «Ich bin begeistert vom partizipativen Prozess des Projektes Bahnhof Nord.» Urs-Peter Zwingli hat am 11. Dezember 2015 kurz vor dem Start dieses basisdemokratischen Planungsvorhabens hier geschrieben: «Wie viel können die Stadtbewohner beim Bahnhof wirklich mitbestimmen? Das Vertrauen in den partizipativen Prozess der Bauverwaltung ist jedenfalls schwach.» Ende November wird man erfahren, ob diese Skepsis berechtigt war oder nicht.

Marktplatz: Abstimmungsniederlagen ausbügeln?

Auch bei der Neugestaltung von Marktplatz-Bohl-Blumenmarkt soll nach zwei Abstimmungsniederlagen ein partizipatives, ergebnisoffenes Verfahren zur Anwendung kommen. «Verschiedene Anspruchsgruppen und Grundeigentümer sowie die interessierte Bevölkerung erhalten die Möglichkeit, Wünsche, Vorstellungen oder Kritik zu äussern und sich aktiv mit der Neugestaltung auseinanderzusetzen», heisst es seitens der Stadtregierung. Am 2. Dezember 2016 gibt es dazu im Waaghaus eine öffentliche Informationsveranstaltung. Wer mitreden will, kann sich an diesem Abend für Workshops anmelden.

«Die Bevölkerung soll einen neuen, lebendigen Marktplatz erhalten», las man hier am 7. Juli. «Das ist der fromme Wunsch von Stadträtin Patrizia Adam. Damit er in Erfüllung geht, soll jetzt das Volk mitreden.» Pragmatischer tönt es bei Stadtplaner Kessler: «Nach zwei verlorenen Abstimmungen sollen jetzt Grundlagen für ein neues Projekt erarbeitet werden.»

Mehrstufiger Planungsprozess für St. Fiden

Mit dem Landkauf des ehemaligen Bahnareals St. Fiden konnte die Stadt 2012 von den SBB ein für die Stadtentwicklung bedeutendes Grundstück erwerben. Zusammen mit dem Fellhof (ehemaliger Werkhof Gartenbauamt) ist das Areal eine bedeutende städtische Nutzungsreseve in zentrumsnaher Lage. Hier soll in den kommenden drei Jahren ein mehrstufiger Planungsprozess die Entwicklung des Stadtteils St. Fiden-Heiligkreuz und des Gebiets um den Bahnhof St. Fiden klären.

Der Fellhof öffnet übrigens diesen Samstag, 5. November seine Türen: von 14 – 24 Uhr (Atelier Fellhof, Bucheggstrasse 12).

Nach Abschluss der Gebietsanalyse Ende 2016 startet dann eine Testplanung für die Gebietsentwicklung. Zur Mitsprache in diversen Workshops eingeladen sind Quartiervereine, Grundeigentümer und Wirtschaftsvertreter. Die Ergebnisse aus der Testplanung sollen ein Zukunftsbild für St. Fiden-Heiligkreuz generieren, welches für einen städtebaulichen Wettbewerb die Grundlage liefern kann.

Innenstadt attraktiver machen

Der Strukturwandel in der Innenstadt gibt derzeit Anlass zu Überlegungen, wie sich künftig dieses Gebiet entwickeln soll. Partizipation soll hier mithelfen, ein Zukunftskonzept und eine neue strategische Ausrichtung mit Umsetzungsmassnahmen zu finden. Ziel sind die Schaffung attraktiver Erlebnis- und Aufenthaltsorte. Dazu fand am 14. September 2016 ein Forum statt. Ein zweites wird am 7. Dezember 2016 durchgeführt. Interessierte können sich bei der Standortförderung anmelden.

Unterschiedliche Mitwirkungsverfahren

«Partizipative Verfahren müssen unterschiedlichen Anforderungen Rechnung tragen», sagt Stadtpräsident Scheitlin. «Entsprechend gelangen unterschiedliche Mitwirkungsverfahren zur Anwendung. Das übergreifende Ziel der Stadt St.Gallen ist es, das kooperative und partizipative Klima bei der Umsetzung von Vorhaben und Projekten in der Stadt St.Gallen nachhaltig zu stärken.»

Im Saiten-Interview hat Dani Fels, Dozent an der FHS St. Gallen und Begleiter des Partizipationsprojektes Bahnhof Nord, im September erklärt, was die Qualität solcher Prozesse ist: «Das Ziel ist ja, dass der öffentliche Raum ansprechender wird und man sich in einem ergebnisoffenen Prozess gemeinsam Gedanken macht, wie man ihn beleben könnte. Aus rein planerischer Perspektive kann man das gar nicht angehen. Auch nicht, wenn man das Gebiet einfach irgendwelchen Investoren überlässt. Weil dabei die Sicht der Direktbetroffenen in der Regel untergeht. Wenn die Rahmendbedingungen stimmen, haben wir am Schluss am Bahnhof Nord eine Planung, die unterschiedlichste Bedürfnisse und Interessen berücksichtigt. Und wenn sich der Dialog weiterentwickelt, könnte das für St.Gallen ein wichtiges Signal sein – auch für spätere Planungen.»

Nach der Partizipation in die Therapie?

Bei partizipativen Prozessen entstehen spontan Ideen und Forderungen, die nicht durchsetzbar sind, weil sie an den normativen Gegebenheit, wie Verfahrensregeln und Gesetzen auflaufen. Ketzerisch gefragt: Werden solchermassen enttäuschte Teilnehmende nach den partizipativen Prozess einen therapeutischen Anschluss-Prozess benötigen, um ihren Frust zu verdauen?

Stadtplaner Kessler meint, dass Frustrationen verhindert werden können, wenn schon am Anfang die Spielregeln klar seien und die Beteiligten wüssten, dass nicht alle Wünsche berücksichtigt werden könnten. Und Stadtpräsident Scheitlin sagt, dass der partizipative Prozess eigentlich auch schon die Therapie einschliesse, weil er bei der Entscheidungsfindung klar mache, was realisierbar sei und was nicht.

 

 

 

 

 

 

 

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