, 3. Mai 2015
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Moderne Oper, die unter die Haut geht

Schweizer Opern-Erstaufführung am Theater St.Gallen: «Written on skin» von George Benjamin und Martin Crimp beeindruckt durch Reduktion und starke Musik. Die Story bleibt fragwürdig, schreibt Charles Uzor.

«Le coeur mangé», die provenzalische Legende der Agnes, einer braven Rittersgattin, und ihrer verbotenen Liebe zu einem jungen Buchmaler, dessen Herz sie schliesslich essen muss, geht unter die Haut. Auch ihre Adaption in der Oper «Written on Skin» verstört.

Durch die Wechsel von Zartheit und Brutalität wird die Geschichte den Erwartungen an spannendes Musiktheater gerecht. Diese Erwartungen werden nicht nur bedient, sondern in erstaunlicher Weise durch eine Betroffenheit verstärkt, wie man sie von grossen Opern kennt. Das Stück fragt nicht nach neuen Ausdrucksmitteln des 400-jährigen bürgerlichen «Gesellschaftsspiels» namens Oper, sondern zeigt, wie zeitgenössische Oper durchaus funktionieren (und das Haus füllen) kann.

written_on_skin_0177Sex and the City

Der Einakter von George Benjamin und Martin Crimp feiert seit seiner Uraufführung 2012 in Aix-en-Provence einen erstaunlichen Triumphzug – wie als Beweis dafür, dass eine gute, voraussehbare Geschichte auch Neue Musik erträgt: Als Krönung seiner Macht beauftragt der Protektor, ein reicher Grossgrundbesitzer, einen Buchmaler, für ihn das Paradies zu malen. In der Tristesse ihrer Ehe lässt sich die argwöhnische Agnes auf den Jungen ein und wird von seinen paradiesischen Bildern verzaubert. Der Protektor überführt sie, tötet den Jungen und tischt ihn der Gattin auf.

Im Fernsehen hiesse dieses Spiel von Libertinage, Hörigkeit, Ausbeutung und Eifersucht vielleicht «Sex and the City», in der Oper wird das Klischee ästhetisch sublimiert und zur allegorischen Wahrheit – Wahrheit der Handlung und der Empfindung. Das Stück zeigt, wie in den Klauen eines autoritären, von Gewalt und Kapital dominierten Systems nur Untreue und Tod die Femme Fatale erlösen können. Die Gewöhnlichkeit dieses Narrativs ist, trotz einer hocherotisierten Sprache, die teilweise der sublimen Pornografie des Marquis de Sade nahekommt, ein Grund für den Erfolg.

written_on_skin_0576Regie mit Zwischentönen

Die Geschichte wird in der St. Galler Inszenierung (Nicola Raab) differenziert und mit Zwischentönen erzählt. Die Klimax, bei der sich die letzte Macht des Protektors, auch noch das Paradies zu besetzen, als trügerisch erweist, wird zum beklemmenden Tiefpunkt. Der Protektor sitzt gefangen im Selbstbild seiner Eifersucht und Machtlosigkeit gegenüber der Liebe.

Alle Rollen werden hervorragend gesungen. Agnes (Evelyn Pollock, Sopran) und der Protektor (Jordan Shanahan, Bassbariton) beschränken sich nicht auf gut und böse, sondern werden im Spiel ihrer Verstrickungen und Fluchtbewegungen beleuchtet. Mit ihrer körperlichen Präsenz spannt Evelyn Pollock den Bogen bis zum Finale. Eindrücklich ist nach anfänglichen Unsicherheiten ihre musikalische Strahlkraft. Der Protektor scheint in seiner Physis ein etwas zu nett-naiver Protz, stimmlich überzeugt er aber zusehends. Vollends in Bann schlägt einen der Junge (Benno Schachtner, Countertenor). Sein Gesang fasziniert durch das Oszillieren zwischen Mann und Frau und die grosse Klangpalette.

Dem Narrativ entspricht George Benjamins Musik, die ganz dem Wort zu Dienste steht und weitgehend auf Modernismen verzichtet. Benjamin besuchte in den 70er-Jahren als 16-jähriger Protegé die berühmten Pariser Analysekurse von Olivier Messiaen und gilt seither als Wunderkind der englischen Avantgarde.

written_on_skin_0434Erregungsklänge mit Glasharmonika

«Written on Skin» ist illustrativ, leise und gleichzeitig kühl und glühend. Stilistische Bezüge zu Debussy, Mahler oder Britten sowie klanglich wie inhaltlich zu Kaija Saariahos «L’amour de loin» sind nicht zu überhören, aber in der Interpretation des Symphonieorchesters St. Gallen unter der Leitung von Otto Tausk entwickelt sich die Oper wie aus einem Guss und erhält eine persönliche Handschrift. Das sensible Spiel des Orchesters macht Benjamins zarte und modale Klänge durchhörbar. Der ausgesuchte Orchestersatz (mit exotischen Instrumenten wie Gamben, Mandolinen und Glasharmonika) gibt den Verzückungen und Entrückungen die nötigen Tupfer: eine Musik, die eine dauernde, sehnsüchtige Erregung beschreibt und in ihrer bewussten Reduktion der Geschichte entspricht.

Reduziert wird auch die Bühne: liegende, in pastosen Tüll gehüllte Leiber, Engel oder Geister, die die Vorstellung vom Paradies als ewiger Wiederkehr des Gleichen durchspielen – ein Spiel, das «Written on Skin» in die Nähe des mittelalterlichen Mysterienspiels und der griechischen Tragödie rückt. In einer gespenstischen Geheimchoreographie spiegeln die Engel als Bewegungschor ergriffen zuckend und schaudernd die Handlung. Interessant ist die Idee, das Orchester im Bühnenhintergrund gleichzeitig nah und fern spielen zu lassen, aber klanglich zeigt sich dies als problematisch.

written_on_skin_0295Fragwürdiges Spiel mit Gewalt-Faszination

Trotz klarem Konzept, hoher Gesangskunst und sorgfältigem Orchesterspiel bleibt dieser Oper ein schaler Nachgeschmack. Im Nachhinein erhält die Geschichte die Fratze eines Machwerks, das mit dem Faszinosum von Gewalt und Zärtlichkeit spielt und gleichzeitig Chiffren der Platonik und Pornografie befriedigt. Das Umschlagen der Gefühle, die Peripetie, wird zum beliebigen Reigen: Der Seitensprung erscheint trotz tödlicher Folge als zeitlose Währung. Katharsis und Klimax wirken, vielleicht auch durch die Fassadenhaftigkeit der Musik, unnötig. Die Manie der indirekten Rede, mit der die Protagonisten in der dritten Person eher übereinander als zueinander sprechen, ist gegen Ende ermüdend und schafft kaum die gewollte Erhöhung.

Da helfen auch Platitüden wie «Liebe ist nicht ein Akt, sondern ein Bild», hochstilisiert durch Momente der Stille, nicht. Das Bild der erzwungenen Verspeisung des geliebten Jungen wirkt unnötig brutal und nimmt dem seelischen Grauen die Wucht. Es reiht sich letztlich ein in eine Bejahung des Faktischen, die nur für einen kurzen Moment einer Tarantino-haften Wende zu entfliehen scheint: vielleicht einem (ebenfalls zweifelhaften) Rachefeldzug der Frau gegen die Macht.

Weitere Vorstellungen: Mi 6.5.,  Sa 9.5., So 17.5., Fr. 5.6. theatersg.ch

Bilder: Hans-Jörg Michel

 

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