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Mondflug in die Lok

In der Lokremise St.Gallen kann man auf dem Mond landen. Die am Freitag eröffnete Ausstellung von Olaf Nicolai «That’s a God-forsaken place; but it’s beautiful, isn’t it?» ist eine einzige (Sand-)Wüste, mit allerhand Anspielungen.
Von  Peter Surber

Sandstrand, Rimini, Teneriffa war früher. Diesen Sommer kann man im Land bleiben, der Sand kommt zu uns. Zumindest zur Kunst, und das gleich doppelt. Roman Signer hat im Kunstmuseum (noch bis 12. August zu sehen) eine Sandtreppe und Sandvulkane aufgeschichtet – sehr empfindlich, leicht zu zerstören, sehr poetisch. Und in der Lok füllt Olaf Nicolai gleich die ganze Kunstzone mit Sand. 200 Tonnen Rheinsand seien es, sagt der Ausstellungsführer – begehen erwünscht, barfuss, mit Schuhen oder mit putzigen Schutzfinken, die das Museum an der Kasse bereithält. Auch hier gibt es Vulkane.

Vulkan aus Sand, umgangen. (Bild: Sebastian Stadler)

Und auch diese Kunst ist, wie jene von Signer, fragil; an der Vernissage vom Freitagabend hinterliessen die rund zweihundert Besucherinnen und Besucher angeblich eine Spur der Verwüstung. Am Tag danach aber war das Werk wiederhergestellt.

Auf Apollo-Mission

Mit Ferienidylle und Palmenstrand hat der Sand in der Lok kaum etwas gemeinsam. Entstanden ist vielmehr eine Mondlandschaft, hügelig, mit etwa einem Dutzend Kratern und Wegen, teils an einzelnen Fussabdrücken erkennbar, teils schon beinah Trampelpfaden.

That’s a God-forsaken place; but it’s beautiful, isn’t it?:
bis 11. November, Lokremise St.Gallen
kunstmuseumsg.ch

Fast zwanghaft, aber vergeblich sucht man Buzz Aldrins legendären Schuhabdruck von der ersten Mondlandung, Apollo 11 vom Juli 1969. Übernommen hat der Künstler stattdessen den Ausspruch eines anderen Astronauten, Charles «Pete» Conrad Jr., der ein halbes Jahr später mit Apollo 12 als dritter Mensch auf dem Mond war. Er gibt dem Werk und der Ausstellung den Titel: «That’s a God-forsaken place; but it’s beautiful, isn’t it?»

Kunstwanderer vor UV-Wand (Bild: Sebastian Stadler)

In der Lokremise fühlt man sich nicht unbedingt gottverlassen, aber zumindest an einen bislang unbekannten Ort versetzt. Und schön ist er, wenn auch auf eine mulmige Art und Weise. Zwei Wände in grünlicher Nachleuchtfarbe, mit UV-Licht bestrahlt, schaffen eine künstliche, nächtliche Stimmung. Besucher erscheinen als Silhouetten, wer spricht, tut dies automatisch gedämpft. Schwer lastet der Meteorit in der Hand, den Nicolai den Besuchern am Eingang zum Mitnehmen anbietet.

Und an den Wänden passiert für die, die es merken, ein kleines Physik-Wunder: Drückt man die Hand an die Wand, erscheint ihr Abdruck für ein paar Zehntelsekunden und verschwindet dann wieder.

Hand, verschwindend. (Bild: Su.)

Das Menetekel muss man, wie die Installation insgesamt, selber enträtseln oder als Rätsel stehen lassen. Nicolais Sandmondwüste ist fürs erste einfach ein optischer und physischer Überraschungsort.

Die weiteren Arbeiten in der Ausstellung legen dann Spuren zu Literatur und Kino. Zabriskie Point ist eine Serie von 80 A4-grossen Fotografien betitelt, das Dokument eines nächtlichen Gangs durch die gleichnamige Region im Death Valley. Hier hat Michelangelo Antonioni 1970 seinen Film gedreht, und hier hat Michel Foucault 1975 erstmals LSD konsumiert.

Olaf Nicolai: Zabriskie Point, eine der 80 Aufnahmen. (Bild: Galerie Eigen+Art / Pro Litteris)

Davon berichtet ein Text des Kaliforniers Simeon Wade. Foucault in California soll nächstes Jahr als Buch erscheinen – in der Ausstellung ist ein Lückentext davon zu sehen, weil der US-Verlag auf Anfrage bloss maximal 250 Wörter daraus freigab. Das Urheberrechts-Kuriosum inspirierte Olaf Nicolai zu Heraushebungen, die es in sich haben. «of the… between the… and…» lautet ein solcher Sprachfetzen, immer wieder ist «Foucault», «to» und «the» zu entziffern, einmal liest man «Where do they come from» oder auch «paradise found». Und: «Michel Foucault was my hero».

Mehr als ein Sandkastenspiel

Mit Foucault ist immer gut Staat zu machen. Aber der Text wird so kein Ganzes. Das mag für die einen ärgerlich sein, anderen Besucher werden sich freie Assoziationsräume auftun. Und das gilt für die St.Galler Schau insgesamt. Sie macht nur gerade ein Fenster ins vielfältige Werk des deutschen Künstlers auf; zwei Parallelausstellungen in den Kunsthallen von Bielefeld und Wien würden weitere Facetten beifügen.

Was die St.Galler Schau, kuratiert von Lorenzo Benedetti, bietet, ist aber für sich stimmig und weit mehr als ein Sandkastenspiel: ein Mondspaziergang von düsterem Zauber und intensiver Körperlichkeit.

Auf Mondexpedition. (Bild: Su.)

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