, 20. Mai 2018
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«Moskau einfach!»

Der Sound von 68, die «grünen Teufel» und die Wut der Bürger: Chris Schmid erinnert sich an die Anfänge der Revolte in St.Gallen. notiert von Roman Hertler

Neugässli, Sommer 1967: Walter Schmid, Edith Burkhart, Hazi Hädener und Chris Schmid. (Bilder: Privatarchiv)

Angefangen hat alles mit der Musik. Was da ab Anfang der 1960er-Jahre von England aufs europäische Festland herüberschwappte, war einfach unglaublich. The Merseybeats, Small Faces, The Kinks, The Who, The Rolling Stones, The Beatles. Liverpool und London – nicht Amerika – waren die Epizentren der neuen Musik. Sie fand rasch Nachahmer, in St.Gallen etwa The Shiver um den Frontmann und Gitarristen Dany Rühle. Der Sound war für damalige Verhältnisse rebellisch, ausgeflippt. Wir bewegten uns dazu, wie wir uns vorher nie bewegt hatten. Modisch kamen wir damals noch brav daher. An die Konzerte im Schützengarten oder zu Pink Floyd 1968 in der Coca-Cola-Halle in Abtwil gingen wir lässig, aber konventionell gekleidet – eventuell mit einer knalligen Krawatte, um ein bisschen zu provozieren. 1968 hatten die meisten dann schon lange Haare.

Im März 1965 eröffnete René Theiler, der auch das Albani in Winterthur führte, an der Goliathgasse den Musik-Club Africana, bald nur noch «Aff» genannt. Endlich hatte die St.Galler Jugend einen Platz. Zur Eröffnung spielten Les Sauterelles um Toni Vescoli, damals wie heute die bekannteste Beat-Band der Schweiz. Drei Tage dauerte ihr Engagement. Ein Lied ist mir besonders in Erinnerung: das Beatles-Cover Every Little Thing vom 64er-Album Beatles For Sale. Ende 1965 spielten die Sauterelles wieder in St.Gallen, im Adlersaal in St.Georgen. Ein blondes Mädchen, das ebenfalls im «Kreis», also im «Aff» und anderen einschlägigen Lokalen, verkehrte, kletterte ungefragt auf die Bühne und küsste Vescoli. «Bravo!», dachte ich.

Konzert im Musikclub Africana, um 1970. An der Orgel Jack Conrad (später bei der Gruppe Island).

Im «Kreis» trafen sich damals die unterschiedlichsten Leute: Freaks, Ausgeflippte, Lehrlinge, Schüler, Studentinnen oder die Rocker mit ihrem Anführer «Blacky» – seinen bürgerlichen Namen weiss ich nicht mehr. Die meisten Leute waren apolitisch, aber mit ihrer Begeisterung für die Musik trugen sie dazu bei, dass auch in der verkrusteten St.Galler Gesellschaft etwas aufgebrochen wurde.

Theilers Freude an uns war nicht uneingeschränkt; es gab Leute, die pafften. Wir trafen uns auch andernorts, etwa in der Spanischen Weinhalle (heute «San Lorenzo»), wo es günstigen Wein gab und wir Nächte lang über das Weltgeschehen, Rockmusik und später auch über Bewusstseinserweiterung diskutierten. Auch im Facincani («Fatsch»), im «City» an der Engelgasse und im «Iris» an der Löwengasse verkehrten wir oft. Wir waren eine kleine, lose Gruppe «Linker».

Ich arbeitete damals als Werbeassistent. Hazi Hädener, ein guter Freund aus diesen Tagen, der 2010 leider verstorben ist, machte eine Banklehre. Wir sassen oft mit Ruedi Stöckling zusammen, der die Kanti geschmissen hatte und Kontakte zu den linken Studenten an der HSG pflegte. Jean Richner, Willi Gerster (später Bankdirektor in Basel), Hansi Blumenthal und andere hatten an der HSG «kritische Seminare» abgehalten, in denen sie sich mit der Hochschulpolitik und anderem befassten. Später sind Blumenthal und ein anderer aufgrund ihres Engagements von der Uni geflogen.

Die Gäste im Africana sassen aus Platzmangel auch auf der Treppe. Discothek mit Johnny und Kurt, Samstag 14. Oktober 1967

Über die Presse haben wir aufmerksam verfolgt, was die Welt bewegte. Die Apartheid in Südafrika und die amerikanischen Interventionen in Vietnam beschäftigten uns, ebenso der Prager Frühling und die Studentenaufstände in Frankreich und Deutschland 1968. Aber in St.Gallen blieb es ruhig. Öffentlich trat lange niemand laut in Erscheinung, weder Studenten noch Schüler, und schon gar keine Arbeiter. Laut war vorerst nur der Soundtrack des Aufbruchs aus unseren Stereoanlagen: Donovans Sainte-Marie-Cover Universal Soldier, Peter Ochs’ I Ain’t Marching Anymore und natürlich Blowin’ In The Wind oder With God On Our Side von Bob Dylan, der aber mit seiner Rolle als hochstilisierter Quasi-Messias der Protestbewegung nie klar gekommen ist, was er in Maggies Farm besingt.

Marlen Obrist, meine spätere Frau, kannte Niklaus Meienberg, der zu dieser Zeit in Paris lebte und für die «Weltwoche» schrieb, aber immer wieder nach St.Gallen kam. Im April 1968 lud er sie nach Paris ein, also wenige Tage bevor die Proteste eskalierten. Spannung lag in der Luft. Meienberg sei mit Bündeln von Zeitungen unter den Armen durch die Strassen geeilt und habe sich genervt, dass sich nur Studenten und keine Arbeiter an den Unruhen beteiligten.

In der Weinhalle hatten wir schon 1967 Pläne geschmiedet, aber aktiv wurde niemand. Die Initialzündung der 68er-Bewegung in St.Gallen kam erst im Dezember 1968. Damals kam der John-Wayne-Film Die grünen Teufel (The Green Berets) über eine in Vietnam stationierte amerikanische Spezialeinheit in die Schweizer Kinos. Diese furchtbar plumpe, antikommunistische und von rassistischen Stereotypen durchtränkte Kriegsglorifizierung lief ab Weihnachten auch im Kino Rex. Der Film hatte in vielen Ländern für Proteste gesorgt. Sogar das «Tagblatt» schrieb: «Über John Waynes übles Machwerk ist eigentlich jedes Wort zu viel. (…) Der denkende Zuschauer wird nicht nur durch die raffinierte, teils faustdick aufgetragene Propaganda beleidigt, sondern ebenso sehr durch den perfiden und rassistischen Trennstrich zwischen heldenmütigen ‹Untermenschen›, durch die primitive ‹Ugly-America›-Mentalität, mit der die Anbiederungsversuche der Amerikaner bei der Bevölkerung gefeiert werden und schliesslich durch die geschleckten Greuel in Technicolor.»

Über Jean Richner und Willi Gerster haben Hazi und ich erfahren, dass auch in St.Gallen etwas organisiert werden sollte. Man hat also kurzerhand das «Aktionskomitee gegen einseitige Information» gegründet und ein Flugblatt verfasst. Hazi hatte die Flugblätter heimlich in seinem Lehrbetrieb vervielfältigt. «Die grünen [Pfui]-Teufel» hiess es da drauf etwa, oder: «Vietnam verreckt unter Napalmnebel und Bombenregen.»

Bild: Frauenarchiv

Der John-Wayne-Film wurde in den Kinos gezeigt; der nordvietnamesische Film La tempête se lève war aber vom Bundesrat verboten worden. Auf diese Einseitigkeit wollten wir mit dem Flugblatt aufmerksam machen. Wir waren nicht viele, vielleicht ein gutes Dutzend. Wir haben uns mehrmals zum «Rex» aufgemacht, um die Kinobesucher vor und nach den Vorstellungen in Gespräche zu verwickeln. Im Eingangsbereich stand ein Christbaum. Zur Symbolisierung des «blutigen Weihnachtsgaudis» hängten wir statt Kugeln Kriegsfotografien aus Vietnam daran.

Chris Schmid lebt seit der 5. Primarklasse in St.Gallen. Bis 2017 arbeitete er als Buchhändler, heute ist er selbständiger Publizist. In der Buchhandlung zur Rose findet am 23. Mai um 20 Uhr die Vernissage zu seinem neusten Buch statt: You Really Got Me! Music 1947 bis 1970 ist ein Stück persönlicher Musikgeschichte mit Fokus auf die 1960er-Jahre und vielen Einblicken in die St.Galler Szene jener Zeit. (Reservation: 071 230 04 04)
buchhandlungzurrose.ch


Nach der ersten Vorführung des Films blieben etwa 100, vor allem jüngere Zuschauer sitzen. Jean erläuterte die Beweggründe zu dieser Aktion. Bis nach Mitternacht wurde diskutiert. Es gab natürlich auch Widerspruch. Einig war man sich im Saal allerdings in der Ablehnung geistiger Bevormundung. Das «Tagblatt» berichtete vom «lebendigen Wortwechsel, wobei die jungen Demonstranten sich als wesentlich besser informiert erwiesen als ihre Gegner. (…) St.Gallen, so sagte ein Redner, solle aus dem Dornröschenschlaf erweckt werden. Eine würdige und disziplinierte Demonstration zusammen mit einem Gespräch, wie sie am Donnerstag – hoffentlich nicht zum ersten und letzten Mal – stattfand, ist bestimmt ein Beitrag dazu. Und sei es vorerst nur um festzustellen, dass wir informierte Menschen doch nur halb so viel wissen, wie wir selber glauben, und dass wir es uns nicht leisten können, über einen intelligenten, aber kritischen Teil unserer Jugend einfach hinwegzuschauen.»

Auf der Strasse war die Kritik freilich eine andere. Wir wurden oft beschimpft: «Tubel», «Radikalinski», «Moskau einfach», schimpften die Leute. Nach der ersten Demonstration vor dem «Rex» verstauten wir die Transparente in Marlens 2-CV. Dazu musste sie die Dachplane aufrollen, die Transparente ragten oben aus dem Wagen heraus. Vor ihrer Wohnung an der Oberstrasse parkierte sie das Auto. Am nächsten Morgen fand sie einen Zettel an der Scheibe, auf dem stand: «Wenn wieder so öppis machsch, denn landet dis Auto ufem Friedhof!» Dazu hatte jemand kübelweise Wasser ins offene Autodach geleert. Alles war pflotschnass.

Nach einer weiteren Flugblattaktion standen Willi, ein paar andere und ich vor dem «Rex». Hazi schwenkte auf einem Mäuerchen die Vietcong-Fahne. Wir verteilten Flugblätter und skandierten: «Ho, ho, Ho Chi Minh!» Da hielt ein Porsche neben uns. Der Fahrer stieg aus und fragte uns, wofür wir einstünden. Willi sagte: «Für den Vietcong.» Hazi sagte: «Für die Wahrheit.» Und ich: «Für die Freiheit.» Der Fragende war ein «Tagblatt»-Journalist. Am 30. Dezember erschien dazu eine kleine Notiz im FDP-Blatt.

Das wars dann mit der Medienpräsenz der St.Galler «68er» im Jahre 1968. Viel grösser war die Aufmerksamkeit ein Jahr später mit der «Aktion Rotes Herz», als man gegen den Ausschluss eines Schülerpärchens aus der Kanti protestierte. Da haben dann der «Blick» und die «Schweizer Illustrierte» berichtet. Die Aktionen um Weihnachten sind zwar fotografiert worden, die Fotografen haben wir aber nicht gekannt. Es waren nicht die üblichen Polizisten und Journalisten. Wo die Bilder gelandet sind, weiss offenbar niemand mehr.

Dieser Beitrag erschien im Maiheft von Saiten.

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