, 6. Dezember 2020
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Multipliziert eure Pässe!

Immunium® Akut #6: Kaspar Surbers Plädoyer für die dringend nötige Ausweitung des Schweizer Bürgerrechts. Und das Heiraten.

Es war einer der vergnüglichen Tage in diesem merkwürdigen Jahr. Eine gute Freundin hatte mich gebeten, bei ihrer Hochzeit als Trauzeuge zu amten. Ich habe so etwas noch nie getan, doch die Aufgabe erschien denkbar einfach: In ihrer SMS hiess es lediglich, ich solle eine Flasche Prosecco zum Standesamt bringen.

Die profane Einladung verwunderte mich nicht weiter, steht die Freundin dem Institut der bürgerlichen Ehe doch skeptisch gegenüber. Die Hochzeit sollte vor allem ihrem Partner einen dauerhaften Aufenthalt in der Schweiz sichern. Die Liebe, so ist das zum Glück, lässt sich von keinem fremdenfeindlichen Gesetz abhalten.

Zu meiner Überraschung wartete vor dem Standesamt dann nicht nur das Brautpaar, sondern eine erwartungsfrohe Bagage aus Familienmitgliedern, FreundInnen und Anverwandten. So musste ich, wie es sich für TrauzeugInnen gehört, spontan eine Rede halten.

Saiten hat sich zum Jahresschluss ein Heft zur Immunstärkung vorgenommen. Wir wollten Anregungen und Überlegungen aller Art zur politischen, gesellschaftlichen und individuellen Kräftigung des Immunsystems sammeln.

Zusammengekommen sind 24 Beiträge aus allen möglichen Richtungen, ein Adventskalender der resistenten Art: Kurzgeschichten, Selbsterfahrungen, Appelle, Wutausbrüche, Tiefgang und Smalltalk, Rezepte und Rezeptverweigerungen. 24 Stimmen, 24 Seiten, eine geballte Dosis Immunium® Akut, garantiert mit Risiken und Nebenwirkungen.

Was blieb mir anderes übrig, als die Ehe als äusserst sinnvolles Instrument zu preisen, um unsere Pässe zu multiplizieren? In der Hochzeitsgesellschaft brach ob dieser Feststellung lauter Jubel aus, und wir begaben uns alle zufrieden zu einem Pizzaplausch.

Meine Antwort auf die Frage, was uns als Gesellschaft stärken könnte, ist in diesem Sinn ganz einfach: Wir müssen dringend das Bürgerrecht ausweiten. Denn es kann doch nicht sein, dass in der Schweiz ein Viertel aller Anwesenden politisch nicht mitbestimmen kann. Und es darf auch nicht sein, dass diese Menschen, rund zwei Millionen an der Zahl, ständig von einer Ausschaffung bedroht sind, wenn sie sich etwas zuschulden kommen lassen, sei es nur schon der Bezug von Sozialhilfe.

Schliesslich rühmt sich die Schweiz gerne, eine Vorzeigedemokratie zu sein. Bloss ist sie das immer weniger: In der Stadt St.Gallen sind es sogar schon 30 Prozent der Bevölkerung, die von der politischen Mitbestimmung ausgeschlossen sind.

Illustration: Joël Roth und Zéa Schaad

Mein Vorschlag lautet deshalb, dass alle Kinder, die in der Schweiz geboren werden, den Schweizer Pass erhalten. Das würde das Demokratiedefizit schon einmal erheblich verkleinern.

Weiter sollten alle, die einwandern, nach vier Jahren einen Schweizer Pass erhalten. Solange dauert eine Legislatur in einem Parlament. Danach sollten alle Personen, ob bisherig oder neu vor Ort, zu einer Wahl antreten dürfen. Um gleich das beliebte Gegenargument aus dem Weg zu räumen, ob die Neuen denn genug drauskämen: Demokratie lernt man wie fast alles durchs Mitmachen.

Die deutliche Ablehnung der SVP-Begrenzungsinitiative in diesem Herbst zeigte deutlich: Die Personenfreizügigkeit wird von der breiten Bevölkerung hochgeschätzt. Zeit, dass wir uns die Agenda in der Migrationspolitik nach zwei bleischweren Jahrzehnten nicht länger von der SVP diktieren lassen.

Wenn wir auf diesem Feld in die Offensive gehen wollen, ist das Bürgerrecht der richtige Ansatzpunkt. Indem wir die ständige Unterscheidung in «Schweizer» und «Ausländer» aufheben, leisten wir einen wichtigen Beitrag gegen Diskriminierung und Rassismus.

Ob das so einfach wird? Ganz bestimmt nicht. Aber wie beim Frauenstimmrecht braucht es einen, mehrere, viele Anläufe. Bis es soweit ist: Heiratet!

Kaspar Surber, 1980, ist Co-Redaktionsleiter bei der WOZ. Er hat in diesem Jahr besonders die Konzertnächte im Palace vermisst.

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