, 10. November 2017
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Musik geboren aus der Psychose

Wir alle haben schonmal mit den grossen Fragen der Existenz gerungen. Statt daran zu verzweifeln, hat die Altstätter Band bordeaux lip daraus das Album «Colourgraded» produziert: Garage Rock wie zu Pete Dohertys Zeiten.

boedeaux lip, fotografiert von Peer Füglistaller.

Erste Assoziation als bordeaux lip-Jungfrau beim Anhören der neuen Platte namens Colourgraded: Eine gute Prise The Libertines-Sound und The Strokes-Bassläufe höre ich raus. Laut Online-Quellen machen die fünf Ostschweizer Musiker von bordeaux lip Britrock, andere schreiben vom schönen Genre namens Anti-Garage.

Auf jeden Fall reihen sich bordeaux lip gut in die Reihe der «The-Bands» ein, die in den Nullerjahren gross waren. Und gross waren diese Bands, deren Erbe bordeaux lip antritt, weil dieser (Anti-)Garage-Rock einfach reinfetzt und herrlich reduziert ist in dieser überproduzierten Musikwelt.

Während das erste Album Compliments/Arguments von 2016 eher düster daherkam, tönt Colourgraded erfrischend und nach vorne gerichtet. «Bei Compliments/Arguments war ich noch in einer post-pubertären Phase unterwegs – seither ist viel passiert», sagt Neil Nein dazu, Sänger und Gitarrist von bordeaux lip.

Von der Post-Pubertät in die Psychose

Aber einfacher wurde es auch nach der Post-Pubertät nicht: Vor rund einem Jahr geriet Nein in eine laut Pressetext «leicht psychotische Episode» samt Schlafstörungen und Panikattacken. Der Hintergrund davon war, dass «alles was wir sehen, letzten Endes Interpretation ist», wie Nein sagt. «Ich habe keine Ahnung, ob du das, was ich sehe, gleich siehst. Und es gibt keine Möglichkeit, das herauszufinden.»

Eine der grossen existenziellen Fragen quälte Nein also, und der Wahnsinn streckte bereits seine Klauen nach ihm aus… Sein Therapeut riet ihm dann, statt zu grübeln die Energie zu kanalisieren. Das Ergebnis davon ist eben Colourgraded.

Das Album wurde nach harter DIY-Ethik «mit null Franken Budget aber 1000 Stunden Arbeit» (Nein) mit einem Laptop und ein paar Mikros im Altstätter Proberaum der Band selber aufgenommen. Hier treffen sich die Bandmitglieder, von denen einige mittlerweile Richtung Zürich gezogen sind, immer noch einmal pro Woche zum Proben und zum gemeinsamen Erarbeiten von Songs.

Colourgraded, erschienen bei Radicalis und seit heute erhältlich.

Besoffenes Karaoke

Eine Keller-Ästhetik hört man Colourgraded aber nicht an, die Instrumente und die wenigen Effekte kommen druckvoll und clean rüber. Und obwohl bordeaux lip auf den ersten Eindruck nach klassischem Garage Rock tönen, werden elektronische Spielereien eingestreut: Es legt sich ein Keyboard über die Instrumente und ab und zu kommt auch ein Stimmenverzerrer, eine sogenannte Talkbox, zum Einsatz. «Ich bin ein musikalischer Kontrollfreak, darum hat es mir eigentlich gefallen, das ganze Album selber aufzunehmen und auch abzumischen», sagt Neil Nein.

Low-Budget wie das Album ist auch der Videoclip zur neuen Single Come say bye before you leave: Es zeigt Neil Nein, der offenbar nicht mehr ganz nüchtern den sich stetig steigernden Song singt, während der Text karaokemässig eingeblendet wird.

«Die Idee wurde aus der Not geboren», sagt Neil Nein und lacht. Die Deadline für das Video rückte näher und weder eine Idee noch ein Budget waren vorhanden. Also entschied man sich für die einfachste Lösung, die den Song statt den Clip ins Zentrum stellt – und Neil Neins Stimme, die es in sich hat. Sie ist gut, sie nervt, sie ist vielseitig, man kann jedenfalls kaum weghören.

 

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