, 10. November 2019
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Nach 81 Jahren eine neue Synagoge

Heute Sonntag wird der Neubau der jüdischen Synagoge in Konstanz am Bodensee eingeweiht – auf den Tag genau 81 Jahre nach der Zerstörung der alten Synagoge. Von Urs Oskar Keller

«Ich war im November 1938 in unserem kleinen Haus am Schreiberweg im Klosterviertel von Kreuzlingen, als meine Mutter zu mir sagte, dass in Konstanz die Synagoge brannte. Ich war sieben Jahre alt. Vermutlich stieg noch Rauch auf», erinnert sich Rolf Wessendorf. Er notiert das alles in einem Tagebuch. Der 88jährige Fotograf lebt heute in Schaffhausen. Die grosse Synagoge in der Sigismundstrasse 19, 1883 eingeweiht, wurde in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 von Radolfzeller und Konstanzer SS-Leuten und anderen Offiziellen in Brand gesteckt. Der Feuerwehr wurde nicht gestattet, den Brand zu bekämpfen, einige Feuerwehrleute waren sogar unter den Brandstiftern.

Im Depot des Rosgartenmuseums wurden Pergamentblätter aus der Thora entdeckt. Sie wurden vermutlich damals im November 1938 von einem mutigen Menschen aus den Trümmern der Synagoge gerettet, ins Museum gebracht und dort vom Direktor versteckt und so vor dem Untergang bewahrt.

«Zusammenleben war einträchtig»

«Sommer ’39 – Alltagsleben am Anfang der Katastrophe» hiess eine Ausstellung 2009 im Konstanzer Rosgartenmuseum. Sie zeigte auf, wie Jüdinnen und Juden mit ihren christlichen Nachbarn vor dem 9. November 1939 in Konstanz zusammengelebt hatten. Kurator Tobias Engelsing sagte damals: «Mit Beginn der liberalen Ära im Grossherzogtum Baden um 1860 öffneten die badischen Städte ihre Mauern den Juden und gewährten ihnen das Bürgerrecht – gegen erbitterte Widerstände. Aber die Neubürger brachten Kaufmannsfleiss und Integrationswillen mit. In kurzer Zeit gab es unter den Konstanzer Juden geachtete, engagierte und sehr erfolgreiche Kaufleute, die Konstanz wieder zur Einkaufstadt für den ganzen Bodenseeraum und den Thurgau machten. Andere arbeiteten als Handwerker, Ärzte oder Anwälte. Sie waren in der Freiwilligen Feuerwehr aktiv, spendeten zum christlichen Weihnachtsfest an karitative Einrichtungen und liessen 1888 ihre Synagoge in der Sigismundstrasse von ‹christlichen› Konstanzer Bauhandwerkern bauen. Das Zusammenleben war einträchtig, nahezu frei von ernsteren Konflikten.»

Stele zur Erinnerung an die deportierten Konstanzer Juden und Jüdinnen. (Bilder: Urs Oskar Keller)

Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) setzte auch in Konstanz die Verfolgung der Juden ein: angefangen vom ersten reichsweiten Boykott von Geschäften über die Reichspogromnacht und die Zerstörung der Synagoge bis hin zur Deportation der jüdischen Bürger in das französische Internierungslager Camp de Gurs in den Pyrenäen und von dort in die Vernichtungslager im Osten. Eine Stele erinnert in der Konstanzer Innenstadt an die Deportierten.

Zudem werden seit 2005 sogenannte «Stolpersteine» durch den deutschen Künstler Gunter Demnig aus dem hessischen Elbenrod versetzt. «Bis jetzt wurden 235 Stolpersteine verlegt, davon 144 für ermordete und emigrierte Juden», sagt Historiker Uwe Brügmann von der Initiative «Stolpersteine für Konstanz – Gegen Vergessen und Intoleranz».

Gut gesichert

«Es war eine lange Geschichte, bis dieser Bau inklusive dem denkmalgeschützten Altbau entstehen konnte», sagt der verantwortliche Architekt Fritz Wilhelm aus Lörrach. Wilhelm war 23 Jahre lang Professor für Gebäudelehre und Entwerfen an der Hochschule für Gestaltung und Technik (FH) in Konstanz. Sein Büro hatte vor sieben Jahren bereits die Lörracher Synagoge gebaut.

Der Altbau ist Teil des jüdischen Gemeindezentrums, der eigentliche Synagogenraum liegt im Neubau. Dieser Neubau zeigt sich als eigenständiger Bau mit jüdischen Bezügen, aber Seite an Seite mit den Bestandsbauten. Der Sakralbau ist mit Kolumba-Ziegeln aus Dänemark in zwei unterschiedlichen Bränden und Farben verkleidet  worden. Der Schweizer Architekt Peter Zumthor hat mit der dänischen Ziegelfabrik Petersen Tegl 2000 eine Kollektion handgefertigter, horizontaler Baukeramik für Mauern und Bepflasterungen entwickelt.

Bauherrin der neuen Synagoge ist die Israelitische Religionsgemeinschaft (IRG) Baden mit Sitz in Karlsruhe. Das neue Bethaus, da nahe an der pulsierenden Marktstätte liegt, sollte eigentlich bereits im Frühling 2019 fertiggestellt werden. Das Richtfest fand im Juni letzten Jahres statt. Grund der Verzögerung seien kleinere bauliche Änderungen gewesen, beispielsweise bei der Sicherheit. Die alte sowie die neue jüdische Gemeinde seien aber sehr gut gesichert, sagte Arthur Bondarev, Mitglied der Synagogengemeinde Konstanz, gegenüber dem Südwestfunk SWR. Die neue Synagoge sei so konzipiert, dass Unbefugte keine Möglichkeit hätten, hineinzukommen.

In den letzten Wochen und Monaten, nach dem Angriff auf eine Synagoge und einen Döner-Imbiss in Halle/Saale und anderen antisemitischen Taten, sind wieder Sorgen und Ängste aufgekommen, ob denn jüdisches Leben in Deutschland noch angstfrei möglich sei. «Eine säkulare Gesellschaft kann nur dann eine humane Gesellschaft sein, wenn religiöse Tradition, religiöse Sprache, religiöse Erfahrung ein Mitspracherecht bei der Gestaltung des Zusammenlebens haben», hatte der damalige Bundespräsidenten Joachim Gauck bei der Einweihung der neuen Synagoge in Ulm 2012 gesagt. «Ich kann Ihnen gar nicht sagen», so Gauck, «wie dankbar ich dafür bin, dass jüdisches Leben, dass jüdische Menschen nach all diesem Schrecken und all diesem himmelschreienden Unrecht wieder in Deutschland Heimat gefunden haben.»

Die Anfänge im 13. Jahrhundert

Die mittelalterliche jüdische Gemeinde in Konstanz findet erstmals 1241 in einer Steuerliste Erwähnung. Im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation soll sie eine bedeutende Gemeinde gewesen sein. Die ältesten Spuren jüdischer Ansiedlung in Konstanz gehen auf die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts zurück. Die jüdischen Einwohner  liessen sich zunächst in dem Stadtviertel zwischen Salmannsweilergasse und Münzgasse nieder. Doch bereits 1312, also vor über 700 Jahren, war das erste Pogrom zu verzeichnen. In der Rosgartenstrasse wurde bei Bauarbeiten 1905 ein Silberschatz (Münzen) gefunden, der auf das Ereignis hinweist.

Auch in späteren Jahren kam es immer wieder zu Ausschreitungen gegen Juden. Beim Pogrom von 1348 wurden etwa 300 jüdischen Bürger im Konstanzer Vorort «Paradies» verbrannt. 1430 wurden 60 jüdische Bürger im Pulverturm, einem Wehrturm am Rhein eingesperrt. Erst als die jüdische Gemeinde die Schulden des Kaisers Sigismund bei der Stadt Konstanz aus der Zeit des Konzils bezahlte, wurden sie freigelassen.  Nachdem es ihnen vierhundert Jahre lang untersagt war, sich in Konstanz niederzulassen, beschloss der Rat im Jahr 1847 die Wiederaufnahme von Juden in die Stadt. 1866 wurde die Israelitische Gemeinde gegründet, deren Mitgliederzahl bis 1933 beständig wuchs.

Die 1938 zerstörte alte Synagoge von Konstanz. (Bild: Rosgartenmuseum Konstanz/Archiv Keller)

Vor der Zerschlagung des jüdischen Lebens durch die NS-Diktatur lebten im Land Baden mehr als 24’000 Juden in 122 selbstständigen Gemeinden und einer Vielzahl von Filialgemeinden. Zur 1809 gegründeten IRG Baden in Karlsruhe gehören heute zehn Gemeinden; sie besitzt über 5’000 Mitglieder. Die Synagogengemeinde Konstanz ist als Einheitsgemeinde der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden untergeordnet. Die Gemeinde zählt über 300 jüdische Mitglieder, viele kommen aus den Teilstaaten der ehemaligen Sowjetunion.

Nach der Naziherrschaft

Die ersten Juden, die nach dem Zweiten Weltkrieg wieder nach Konstanz kamen, waren Überlebende aus den süddeutschen Konzentrationslagern. Sie feierten 1945 den ersten jüdischen Gottesdienst nach der Naziherrschaft. Erst Jahre später stand in Konstanz wieder ein fester Raum für religiöse Zusammenkünfte zur Verfügung. Die Grundlage dafür wurde von privater Seite durch Sigmund Nissenbaum geleistet. 1966 wurde der Gebetssaal, der fortan der Israelitischen Kultusgemeinde zur Verfügung stand, auf dem Platz der früheren Synagoge eingeweiht. Konstanz verfügt auch über die Mikwe (Ritualbad) und die Dr.-Erich-Bloch-und-Lebenheim-Bibliothek, eine auf Judaica spezialisierte öffentliche Leihbibliothek in Konstanz.

Im neuesten 137. Band der Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung vom September 2019 (Jan Thorbecke Verlag) gibt es einen wichtigen Aufsatz von Reinhold Adler «Konstanz am Bodensee. Ein Zentrum jüdischen Lebens in der Französischen Besatzungszone» über die zahlreichen jüdischen Organisationen, die ab 1945 bis 1949 in Konstanz von überlebenden Juden (Displaced Persons) gebildet wurden. Darin geht es um Wohnung, Unterstützung und Auswanderung etc. Dabei spielen der Rabbiner von St. Gallen und der Leiter der jüdischen Gemeinde Kreuzlingen, Robert Wieler, ein grosse Rolle, weil sie über die Grenze kommen konnten.

Wieler kam in seinem Urteil über die Lage der jüdischen Displaced Persons in Konstanz  Anfang 1947 zu folgendem Schluss: «Die Verhältnisse unter den Juden in Konstanz hinterlassen keinen befriedigenden Eindruck.» Interessant auch, weil Konstanz eine Art Zentrum für Juden aus den Konzentrationslagern im Osten war. «Es gab hier ein orthodoxes Zentrum, das verhindert hat, dass die Synagoge, so wie sie vor der Zerstörung ausgesehen hat, wieder aufgebaut wurde», sagt der Konstanzer Historiker Uwe Brügmann. William Graf (1879-1959), ein Mäzen, nach dem der Platz am Fährhafen in Konstanz Staad benannt ist, war ein in die USA ausgewanderter Brauereifachmann, der eine erhebliche Summe für den Wiederaufbau der Synagoge gespendet hätte. Allein, die orthodoxen Juden wollten keine Synagoge im Frührenaissance-Stil.

«Schön für die jüdische Gemeinde, dass es eine Synagoge geben wird! Aber mit dem jüdischen Leben, was es einmal in Konstanz gab, hat das Ganze natürlich nur sehr wenig zu tun, auch wenn man sich von jüdischer Seite auf die Geschichte der Gemeinde beruft», sagt ein Thurgauer Jude, der anonym bleiben möchte.

Freude auch bei der Jüdischen Gemeinde St. Gallen

«Wir freuen uns, dass nach über 70 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg in Konstanz wieder eine Synagoge gebaut wurde, welche verschiedene jüdische Religionsrichtungen unter ein Dach bringen soll», sagt Tovia Ben-Chorin, Rabbiner der Jüdischen Gemeinde St. Gallen. «Das jüdische Leben blüht heute eher in Grossstädten, deshalb freuen wir uns besonders, dass in Konstanz, einer kleinen jüdischen Gemeinde, durch den Staat eine Synagoge gebaut wurde. Das ist ein positives Zeichen, dass in Deutschland die Behörden interessiert sind, das jüdische Leben zu beleben und zu unterstützen.»

Auf der Einladung zur Synagogen-Einweihung steht der Psalm 133: «Wie schön und angenehm ist es, wenn Geschwister in Frieden zusammenleben!»

 

 

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