«Es kann aus jeder Richtung kommen»: Das ist ein Satz, der Räume aufmacht und vielleicht auch Unannehmlichkeiten ankündigt. Der Satz steht als Übertitel über dem letzten, vierten Teil des Gedichtbands Aller Liebe eigen von Brigitte Schmid.
Die St.Galler Journalistin, lange Jahre beim «Tagblatt» tätig, hat bisher unter anderem eine Sammlung Wahre Geschichten veröffentlicht, eine Biografie des St.Galler Domkapellmeisters Johannes Fuchs unter dem Titel Die Fuchsens oder eine Spurensuche rund um eine Skulptur im Toggenburg, Das Geheimnis der Heie. Jetzt tritt sie erstmals als Lyrikerin hervor.
Heucheln und Meucheln
Der neue Spielraum ist, insbesondere in diesem vierten Teil, auch ein Wortspiel-Raum. «Die Baumwipfel / treibens / mit den Wolken // Ein Flirt / von schleierhaftem Charme» heisst einer der listigen Verse, ein anderer sieht in «Heucheln und Meucheln» heimliche Verwandte. Jemand fragt, «ob es in Herzkammern / gemütliche Ecken gibt / fürs Stricken von Wollsocken», oder man lernt ungeahnte Künste wie «Scheinnähte hexenstickeln», «Südtangenten bereisen» und «Stoppelfelder anhimmeln». Was Brigitte Schmid-Gugler hier anrichtet, ist mit dem Titel eines weiteren Gedichts: «Wortgemachtes».
Eine der Illustrationen im Buch. (Bild: Brigitte Schmid-Gugler)
Ihre Wortfantasie macht auch vor den lieben Mitmenschen nicht halt. «Runterputzer» oder «Heimlichtuer» kommen an die Reihe, «Lümmeltüten» oder «Versprecher ihrer selbst», «Sternenstanzer», «Eckenschneider», «Querstreicher» und andere «Aberzähler», «Irrlichter» oder solche, denen schlicht «ihr Dasein peinlich» ist. Manchmal fühlt man sich, nicht unfreundlich, aber mit scharfem Blick mitgemeint.
Tage wie Eselsohren
Im Kapitel davor knicken Einzeiler ein – jeweils das letzte Wort fällt vertikal hinunter, mein Favorit sind die «Tage wie Eselsohren, umgeknickt am Blattrand», die der Abteilung auch den Titel geben. Je weiter vorn im Buch man dann ist, desto anspielungsreicher und vertrackter sind die Bilder, noch verstärkt durchs Schmids Flair für Wortraritäten wie «zirbengrüne» Bäume, «Hundsrosenfrüchte», «Flidhais» oder «Equiden»; Fremdlinge, auf die man sich beim Lesen einlassen und für die man eigene Kopfinnenbilder finden müsse, wie es im Vorwort heisst.
Brigitte Schmid-Gugler: Aller Liebe eigen, Gedichte, Klaus Isele Editor 2020, Fr. 34.90
Buchvernissage: Mi 25. November 19 Uhr, Raum für Literatur St.Gallen, Musik Marc Jenny. Wenige freie Plätze. Info und Anmeldung: schmid.brigitte@sunrise.ch
Durch die Gedichte spuken mystische Wesen, archaische Gestalten, düstere oder «mild gestimmte» Geister, die «scheinheiligen Engel», die «nach verdrifteter Saat» jagen, die «neunäugige Agathe», «Nachtkälber» und «Wolkenpferde» und «Fichtenschlängler»: All das findet man im «Tarngebirge» dieser Lyrik. Eine Türe öffnet sich ins «Nimmerbare», anderswo blüht eine «Nimmerblume», jemand will «des Andern Tier sein».
Lyrik sei Literatur zum «Kauen», schreibt Rainer Stöckli, der die Arbeit an den Texten begleitet und das Vorwort geschrieben hat – und hebt den Reichtum an «Sprachgebärden» hervor, dazwischen aber auch die Leichtigkeit wie ein Augenaufschlag. Es ist eine sprachmächtige und bildstarke, auch rätselhafte Gegend, in die uns Brigitte Schmid-Guglers Gedichte mitnehmen. Kostbar wie ein «Traumflaummond» oder andere nächtliche Fundstücke:
Und bring mir
Was Klitzekleines aus deinen Träumen mit legs in die Apfelhurde oder daneben zu den Rinden
Sacht gewickelt in Seidenpapier denn wer weiss wie zerbrechlich es ist
1913, also vor genau hundert Jahren, bekam Rabindranath Tagore für seinen Gedichtband „Gitanjali“ als erster Nicht-Europäer den Literaturnobelpreis.
«Round & Round & Round» geht es literarisch zu und her bei der Noisma-Veranstaltung im Kult-Bau.
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
Die St.Galler Restaurants Toscana und The Pinch machten vergangene Woche über Nacht dicht. 15 Personen standen unvorbereitet auf der Strasse. Das verantwortliche Investoren-Duo schliesst nicht zum ersten Mal ein Restaurant in der Stadt. Das abrupte Ende wirft Fragen auf.
Die Stadt St.Gallen muss sparen und will das historische Volksbad nach der Wiedereröffnung des Hallenbads Blumenwies schliessen. Dabei verspricht die Stadt seit über 40 Jahren die Sanierung.
Die St.Galler Regierung spart gegen ihren Willen weitere 60 Millionen Franken ein und rechnet für 2027 mit einem Plus von 55 Millionen Franken. Kulturelle Arbeit wird dabei weiter prekarisiert – mit einer grossen Ausnahme.
Filminstallation über Vergänglichkeit
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
Das Konzert und Theater St.Gallen zeigt eindringlich auf: Femizide existieren in der Schweiz noch immer im ungeheuren Ausmass. Die Inszenierung von Corinna von Rad setzt auf das Groteske in Georg Büchners Woyzeck und feierte am Samstag Premiere im Grossen Haus. Eine Produktion für «jeder-Mann»!
Viel Energie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neuen Album Now To Ruin der Thurgauer Band S.G.A.T.V.. Getauft wird am 1. Oktober im Winterthurer Kraftfeld. Saiten hat vorab reingehört.
Wie können wir unseren Konsum nachhaltiger gestalten? In «Next Relations – Zukunft gestalten» zeigt das Gewerbemuseum Winterthur anhand von Arbeiten von Studierenden mögliche Ansätze. Eine anspruchsvolle Schau, die Hoffnung macht.
Die Ausstellung «Beyond the Manosphere. Masculinities today» im Kunstmuseum St.Gallen untersucht, wie Männlichkeit dargestellt, geprägt und gelebt wird. Und zeigt dabei auch ihre Widersprüchlichkeit.
Ein Schrebergarten wird im neuen Roman Verteidigung eines Gartens von Christina Walker zum Zufluchtsort. Darin lässt die Vorarlberger Autorin vielschichtige Charaktere ebenso aufblühen wie Apfelbaum und Johannisstrauch.
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Wer als Erntehelfer:in in der Schweiz arbeitet, tut dies in einer rechtlichen Grauzone. Das nützt vor allem einem System, das weder die Landwirt:innen noch die Konsument:innen im Alleingang ändern können. Ausserdem im Oktoberheft: zehn Jahre Unterwasser, eine Flaschenpost aus Halle (Saale), Kunst zum Thema Männlichkeit, Musik von The Black Salt und natürlich der Bücherherbst – mit neuer Literatur von Ostschweizer Autor:innen.