Am Bahnhof Feldkirch ist um 19 Uhr tote Hose; ein paar Passanten, das Restaurant und der Kiosk zu, die Brötlibar am Schliessen. Nach und nach aber belebt sich die Halle, das Publikum trudelt ein und wird drei Gruppen zugewiesen. Rot, Grün, Gelb. Dazwischen Menschen mit Taschen und Koffern, und schon bald verwischen sich die ersten Grenzen: wer ist Publikum, wer Spielerin, wer gehört dazu und wer nicht.
Dann, fahrplanmässig um 19:45 Uhr: Musik. Weiss gekleidete und geschminkte Figuren füllen die Halle, «Ich» hier, «Ich» dort, überall «Ichs», sie wollen weg, rufen ihre Reiseziele, haben genug vom Hier und wollen nach Dort oder auf keinen Fall nach Da, wollen weg aus der Beklemmung, träumen vom Aufbruch und fürchten die Ernüchterung. «Wehe!», rufen sie, inzwischen sind wir ihnen in die Unterführung zu den Perrons gefolgt – wehe, wenn sich die Hoffnungen dort nicht erfüllen. Wenn ich der gleiche bleibe wie hier.
Drum erstmal: Weg in die Nähe. Über die Grenze nach Buchs, in die Schweiz, wo die Währung stabil sei und die Leute freundlich. Und wo man schnell wieder umkehren kann. Also hinein in den Sonderzug, Feldkirch ab 20:12.
Am Zug: 19./ 20. / 21. (Zusatzvorstellung), / 23./ 24./ 25. Oktober, 19.45 Uhr, Bahnhof Feldkirch
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Das ist der Auftakt zum Stück Am Zug. Drei Länder, drei Grenzen, drei Waggons, drei Autorinnen und Autoren, die je ein Stück in einem der Waggons sowie eine Performance an den Bahnhöfen geschrieben haben. Der Österreicher Maximilian Lang hat den Auftakt für die Harlekins von Feldkirch verfasst und für die Fahrt im Zug den Monolog «Anruf bei Handke». Der Liechtensteiner Stefan Sprenger erinnert im zweiten Zugteil an das Schicksal der slowakischen Juden, die 1943 in Kohlewaggons die Grenze zu überwinden versuchten – leider verpasst, denn wir waren im dritten Waggon.
Dort kommen sich im Zug zwei junge Leute näher, die Einheimische Isi und der aus Bulgarien stammende Joan. Und reiben sich an ihren persönlichen und kulturellen Grenzen auf. Die Ausserrhoderin Rebecca C. Schnyder hat schnelle, sprudelnde Dialoge geschrieben: der Mann (Romeo Meyer) als der Aktive, einer, der vorwärts kommen will und mit seiner Doppelidentität «tuk i tam», hier und dort kreativ ringt, die Frau (Martina Dähne) in sich gefangen, vom Fremden verstört, «Berufsskeptikerin» nennt er sie.
Im schmalen Gang und im freigeräumten Mittelteil des umgebauten Waggons spielt das Duo sein Wort-Pingpong mit Lust und Standfestigkeit. Wie von selber, manchmal etwas floskelhaft, wird der Zug zum Sinnbild des Lebens – einfach so den Halteknopf drücken und aussteigen geht nicht, Weichenstellen: schwierig, und wenn Joan das Wagenfenster aufreisst und ins «schöne Land» hinausschreit, dann meint er seine Heimat, aber der Zug tuckert durch ein nachtschwarzes Rheintal.
Von da, wo wir gerade sind
21:10, Ankunft Buchs: Auf Perron 3, im einstigen Zollhäuschen, stehen seltsame Menschen. Bärtig und beschnauzt, mit Frauenschuhen und in bunten Kleidern. Um sie herum dicke Gartenzwerge, die sich keinen Reim auf die Fremden machen können. Und drumherum das Publikum. Flüchtlinge? Eindringlinge? Dürfen die hier sein? Sind die legal? «Von da, von dort, von hier» seien sie, tönt es aus dem Glashaus.
Die Szene auf dem Perron, gleichfalls von Rebecca C. Schnyder, reflektiert die aktuelle Migrationspolitik. Buchs, vor der Schliessung der Balkanroute ein Brennpunkt, an dem die Geflüchteten strandeten, wird an diesem Abend zum idealistischen Wendepunkt: «Wir sind von da, wo wir gerade sind», sagen die kurligen Fremden, sie stehen jetzt mitten unter uns, unversehens sind wir im Publikum vielleicht die Fremdlinge. Das ist gewitzt inszeniert, aber am Schluss gibt der Text einen Schuss zuviel gutgemeintes Menschheitspathos drauf: Aus der Unterführung die Rampe hoch kommt ein Zug Jugendlicher und proklamiert sich als «Generation grenzenlos, bereit für eine neue Welt».
Dem Förscht eins ans Bein
21:45, pünktlich, wie es sich für die Schweiz gehört, fährt der Sonderzug zurück nach Feldkirch, mit kurzem Betriebshalt in Nendeln – Regisseurin Brigitte Walk findet nicht nur bildstarke, farbig choreografierte und präzis auf die Spielorte zugeschnittene Szenen (inklusive die fantastischen Kostüme von Sandra Münchow), sondern liefert auch ein Meisterstück der Logistik, minutiös eingepasst in die Fahrpläne von ÖBB und SBB. Einziger Schönheitsfehler: Man sieht im Zug nur eins der drei Stücke. An den Stationen ist jeweils die ganze Reisegesellschaft wieder versammelt.
Hier in Nendeln, im Güterschuppen des verschossenen Bahnhofs im liechtensteinischen Irgendwo, hat zuvor beim Halt auf dem Hinweg ein aufgekratztes Chörli von Ureinwohnern den Besuchern aus Feldkirch den fantastischen Vorschlag gemacht, Feldkirch zur Hauptstadt des Fürstentums zu machen. «Hoi, Grüezi, Servus», so fängt es harmlos an, aber dann knallt Autor Stefan Sprenger und die Truppe ein selbstironisches Feuerwerk an Fürstentum-Klischees auf die lottrigen Bretter, dass es oben auf dem Schloss mit der Ruhe vorbei sein dürfte.
Topargument für den Beitritt zur Monarchie: 800 Millionen Schweizer Fränkli kämen in die Stadtkasse, die Steuern gingen runter, und wer in FL wohnt, hat nachweislich 47 Prozent weniger akute Schmerzen am Weltgeschehen. In der heilen Bergmonarchie, wo «viele fühlen, wenige wissen und einer entscheidet», sei es gelungen, eine Maschine zu entwickeln, um die Gegenwart zu verzögern.
Für Beitrittswillige also: «eifach en Funk tue». Dann fährt der Zug weiter, über die Grenze, die zumindest in Sachen Theater grenzenlos ist. Den Pass, obwohl man ihn mit dabeihaben sollte, wollte auch keiner sehen.
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
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Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
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Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
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Kolumne: 24/7 Traumacore
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Johanna und Szilamer arbeiten seit vier Jahren als Erntehelfer:innen in Fruthwilen. In ihrer Heimat Rumänien ist die wirtschaftliche Lage angespannt und die körperliche Arbeit auf dem Feld sind sie gewohnt.
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