Kategorie
Autor:innen
Jahr

Nächster Halt: Theater

Zwischen Feldkirch, Nendeln FL und Buchs verkehrt dieser Tage ein Sonderzug. Er transportiert Theater: Das Stück «Am Zug» von Brigitte Walk fragt im Dreiländereck nach Grenzen und Identitäten. Die Fahrt lohnt sich.
Von  Peter Surber , 
Martina Dähne und Romeo Meyer im Stück Zwei Beine, viele Grenzen im Zug. (Bilder: Mark Mosman)

Am Bahnhof Feldkirch ist um 19 Uhr tote Hose; ein paar Passanten, das Restaurant und der Kiosk zu, die Brötlibar am Schliessen. Nach und nach aber belebt sich die Halle, das Publikum trudelt ein und wird drei Gruppen zugewiesen. Rot, Grün, Gelb. Dazwischen Menschen mit Taschen und Koffern, und schon bald verwischen sich die ersten Grenzen: wer ist Publikum, wer Spielerin, wer gehört dazu und wer nicht.

Dann, fahrplanmässig um 19:45 Uhr: Musik. Weiss gekleidete und geschminkte Figuren füllen die Halle, «Ich» hier, «Ich» dort, überall «Ichs», sie wollen weg, rufen ihre Reiseziele, haben genug vom Hier und wollen nach Dort oder auf keinen Fall nach Da, wollen weg aus der Beklemmung, träumen vom Aufbruch und fürchten die Ernüchterung. «Wehe!», rufen sie, inzwischen sind wir ihnen in die Unterführung zu den Perrons gefolgt – wehe, wenn sich die Hoffnungen dort nicht erfüllen. Wenn ich der gleiche bleibe wie hier.

Drum erstmal: Weg in die Nähe. Über die Grenze nach Buchs, in die Schweiz, wo die Währung stabil sei und die Leute freundlich. Und wo man schnell wieder umkehren kann. Also hinein in den Sonderzug, Feldkirch ab 20:12.

Am Zug: 19./ 20. / 21. (Zusatzvorstellung), / 23./ 24./ 25. Oktober, 19.45 Uhr, Bahnhof Feldkirch

walktanztheater.com

Das ist der Auftakt zum Stück Am Zug. Drei Länder, drei Grenzen, drei Waggons, drei Autorinnen und Autoren, die je ein Stück in einem der Waggons sowie eine Performance an den Bahnhöfen geschrieben haben. Der Österreicher Maximilian Lang hat den Auftakt für die Harlekins von Feldkirch verfasst und für die Fahrt im Zug den Monolog «Anruf bei Handke». Der Liechtensteiner Stefan Sprenger erinnert im zweiten Zugteil an das Schicksal der slowakischen Juden, die 1943 in Kohlewaggons die Grenze zu überwinden versuchten – leider verpasst, denn wir waren im dritten Waggon.

Dort kommen sich im Zug zwei junge Leute näher, die Einheimische Isi und der aus Bulgarien stammende Joan. Und reiben sich an ihren persönlichen und kulturellen Grenzen auf. Die Ausserrhoderin Rebecca C. Schnyder hat schnelle, sprudelnde Dialoge geschrieben: der Mann (Romeo Meyer) als der Aktive, einer, der vorwärts kommen will und mit seiner Doppelidentität «tuk i tam», hier und dort kreativ ringt, die Frau (Martina Dähne) in sich gefangen, vom Fremden verstört, «Berufsskeptikerin» nennt er sie.

Im schmalen Gang und im freigeräumten Mittelteil des umgebauten Waggons spielt das Duo sein Wort-Pingpong mit Lust und Standfestigkeit. Wie von selber, manchmal etwas floskelhaft, wird der Zug zum Sinnbild des Lebens – einfach so den Halteknopf drücken und aussteigen geht nicht, Weichenstellen: schwierig, und wenn Joan das Wagenfenster aufreisst und ins «schöne Land» hinausschreit, dann meint er seine Heimat, aber der Zug tuckert durch ein nachtschwarzes Rheintal.

Von da, wo wir gerade sind

21:10, Ankunft Buchs: Auf Perron 3, im einstigen Zollhäuschen, stehen seltsame Menschen. Bärtig und beschnauzt, mit Frauenschuhen und in bunten Kleidern. Um sie herum dicke Gartenzwerge, die sich keinen Reim auf die Fremden machen können. Und drumherum das Publikum. Flüchtlinge? Eindringlinge? Dürfen die hier sein? Sind die legal? «Von da, von dort, von hier» seien sie, tönt es aus dem Glashaus.

Die Szene auf dem Perron, gleichfalls von Rebecca C. Schnyder, reflektiert die aktuelle Migrationspolitik. Buchs, vor der Schliessung der Balkanroute ein Brennpunkt, an dem die Geflüchteten strandeten, wird an diesem Abend zum idealistischen Wendepunkt: «Wir sind von da, wo wir gerade sind», sagen die kurligen Fremden, sie stehen jetzt mitten unter uns, unversehens sind wir im Publikum vielleicht die Fremdlinge. Das ist gewitzt inszeniert, aber am Schluss gibt der Text einen Schuss zuviel gutgemeintes Menschheitspathos drauf: Aus der Unterführung die Rampe hoch kommt ein Zug Jugendlicher und proklamiert sich als «Generation grenzenlos, bereit für eine neue Welt».

Dem Förscht eins ans Bein

21:45, pünktlich, wie es sich für die Schweiz gehört, fährt der Sonderzug zurück nach Feldkirch, mit kurzem Betriebshalt in Nendeln – Regisseurin Brigitte Walk findet nicht nur bildstarke, farbig choreografierte und präzis auf die Spielorte zugeschnittene Szenen (inklusive die fantastischen Kostüme von Sandra Münchow), sondern liefert auch ein Meisterstück der Logistik, minutiös eingepasst in die Fahrpläne von ÖBB und SBB. Einziger Schönheitsfehler: Man sieht im Zug nur eins der drei Stücke. An den Stationen ist jeweils die ganze Reisegesellschaft wieder versammelt.

Hier in Nendeln, im Güterschuppen des verschossenen Bahnhofs im liechtensteinischen Irgendwo, hat zuvor beim Halt auf dem Hinweg ein aufgekratztes Chörli von Ureinwohnern den Besuchern aus Feldkirch den fantastischen Vorschlag gemacht, Feldkirch zur Hauptstadt des Fürstentums zu machen. «Hoi, Grüezi, Servus», so fängt es harmlos an, aber dann knallt Autor Stefan Sprenger und die Truppe ein selbstironisches Feuerwerk an Fürstentum-Klischees auf die lottrigen Bretter, dass es oben auf dem Schloss mit der Ruhe vorbei sein dürfte.

Topargument für den Beitritt zur Monarchie: 800 Millionen Schweizer Fränkli kämen in die Stadtkasse, die Steuern gingen runter, und wer in FL wohnt, hat nachweislich 47 Prozent weniger akute Schmerzen am Weltgeschehen. In der heilen Bergmonarchie, wo «viele fühlen, wenige wissen und einer entscheidet», sei es gelungen, eine Maschine zu entwickeln, um die Gegenwart zu verzögern.

Für Beitrittswillige also: «eifach en Funk tue». Dann fährt der Zug weiter, über die Grenze, die zumindest in Sachen Theater grenzenlos ist. Den Pass, obwohl man ihn mit dabeihaben sollte, wollte auch keiner sehen.

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
DSC02464

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
Gu Kas Pa Ro 26 385960 Email Orginal 2

Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

Von Beatrice Häfliger,
Gruppenfoto

Chil­len am Steinach­strand

Vor dem Karls­tor ein Pick­nick un­ter Bäu­men am Ufer, die Mit­tags­pau­se mit den Füs­sen im Was­ser vor der Kan­tons­schul-Bi­blio­thek oder ein Bier am Bäch­lein zwi­schen der Bar La Bue­na On­da und dem «Bier­hof» – das al­les soll ge­mäss der Mach­bar­keits­stu­die «Al­te Stein­ach» mög­lich wer­den. Am Mon­tag ha­ben sie die Ver­ant­wort­li­chen vor­ge­stellt. 

Von René Hornung,
Alte Steinach Karlstor Zukunft

Hu­mor und Hal­tung

Del­fi­ne, Her­zen und Flag­gen. Die «Il­lo Kon­stanz Vol. 5» zeigt über 60 Ar­bei­ten von in­ter­na­tio­na­len Il­lus­tra­to­ren. Die Schau lässt viel Raum für ei­ge­ne Zu­gän­ge, übt aber auch Kri­tik und zeigt Hal­tung.

Von Vera Zatti,
IMG 1890 2

«Die­ser Ort braucht ei­ne Per­spek­ti­ve»

Der Ver­ein Lat­tich im Gü­ter­bahn­hof­are­al St.Gal­len fei­ert das 10-Jahr-Ju­bi­lä­um. Noch im­mer kämpft er mit Ein­spra­chen. Der Vor­stand der Grün­dungs­pha­se hat auf­ge­ge­ben. Seit gut ei­nem Jahr bil­den Adel­heid Kar­li und Flo­rim Ša­ba­ni das Co-Prä­si­di­um.

Von Andi Giger, Bilder: Nayla Baumgartner,
2610 Redeplatz

Nachruf auf Urs Ullmann

«Wir nann­ten ihn ‹Sun­ny› we­gen sei­nes auf­ge­stell­ten Ge­müts»

Von Urs Oskar Keller,
Urs Ullmann Maerz 2023 Altnau Urs Oskar Keller

Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun

Vom Le­ben und Schrei­ben

Von Sieglinde Wöhrer,
Bildschirmfoto 2026 10 19 um 15 34 04

Wenn Mu­se­ums­ob­jek­te ei­nen neu­en Sinn be­kom­men

Ei­ne ben­zin­be­trie­be­ne Glüh­bir­ne? Ein ro­bus­tes Schnaps­glas? Oder ein Kat­zen­hals­band, das die Raub­tie­re vom Vö­gel­fan­gen ab­hal­ten soll? Im His­to­ri­schen Mu­se­um Thur­gau schlum­mern ei­ni­ge Ge­gen­stän­de, de­ren Funk­ti­on auf den ers­ten Blick nicht ganz klar ist. Tho­mas Götz, Mar­ti­na Hü­gi und Ste­fan Kel­ler muss­ten die­se am Icon Po­et her­aus­fin­den.

Von Judith Schuck,
Icon Poet Judith Schuck

Lang­sam­keit als Mo­tor

Die St.Gal­ler Rock­band The Black Salt ver­öf­fent­licht ihr zwei­tes Al­bum. Und ver­ab­schie­det sich ein Stück­weit von ih­ren An­fän­gen.

Von David Gadze,
Theblacksalt1

Fah­nen der Ver­gäng­lich­keit

Die Welt ist in ste­tem Wan­del. Und man­che Ver­än­de­run­gen sind ir­rever­si­bel – Glet­scher schmel­zen, Tier- und Pflan­zen­ar­ten ster­ben aus. Die Aus­stel­lung «Flim­mern» wid­met sich der Be­wusst­wer­dung die­ses Wan­dels – und dem Schmerz, den er aus­löst.

Von Judith Schuck,
Flimmern Blossom 0 2 von Hoa Luo Patrik Muchenberger

Du­bio­se Zah­len zum Au­to­bahn­aus­bau

Die Grund­la­gen, mit de­nen die Be­für­wor­ter:in­nen die drit­te Au­to­b­anhröh­re durch den Ro­sen­berg in St.Gal­len und die Teil­span­ge mit dem An­schluss im Gü­ter­bahn­hof­are­al for­dern, ba­sie­ren auf frag­wür­di­gen Zah­len. Zu die­sem Schluss kommt der Raum- und Ver­kehrs­pla­ner Tho­mas Hug-Di Le­na.

Von René Hornung,
Anschluss gueterbahnhof

Grüs­se aus ei­nem kom­pli­zier­ten Land

Die St.Gal­ler Tanz­kom­pa­nie fei­er­te ver­gan­ge­nen Sams­tag mit From Eng­land wi­th Love Pre­mie­re. Das Stück wagt sich aber­mals aus dem Gleich­schritt – mit un­miss­ver­ständ­li­chen Ges­ten.

Von Andi Giger,
From England with Love

Eman­zi­pa­ti­on in geo­me­tri­scher Form

Das Kunst­haus Bre­genz zeigt in der neu­en Aus­stel­lung Ar­bei­ten der US-ame­ri­ka­ni­schen Künst­le­rin Tork­wa­se Dys­on. Aus­gangs­punkt ih­rer gross­for­ma­ti­gen geo­me­tri­schen Skulp­tu­ren und poe­ti­schen Ma­le­rei­en bil­det das Le­ben und die Be­frei­ung Schwar­zer Men­schen.

Von Sieglinde Wöhrer,
Torkwase Dyson EG Y3 A3594 Foto Markus Tretter

Vom Ges­tern in die Zu­kunft tau­chen

Wie stehts heu­te um die Gleich­stel­lung? Und wie war das frü­her? Die Pop-up-Aus­stel­lung «Frau­en­spu­ren im Hal­len­bad» in Gos­sau ar­bei­tet ein Stück Ge­sell­schafts­ge­schich­te auf. Zeigt, wo es heu­te noch hakt, und dass es nicht blei­ben muss, wie es ist.

Von Vera Zatti,
DSC09196

Kolumne: 24/7 Traumacore

Ich bin Bra­ve­he­art (Mel Gib­son ty­pe shit)

Von Mia Nägeli,

Theater

Kein Kom­pli­ment

Von Vera Zatti,
Unreif Presse 05

Von Trans­sil­va­ni­en in den Thur­gau

Jo­han­na und Szi­lamer ar­bei­ten seit vier Jah­ren als Ern­te­hel­fer:in­nen in Fru­thwi­len. In ih­rer Hei­mat Ru­mä­ni­en ist die wirt­schaft­li­che La­ge an­ge­spannt und die kör­per­li­che Ar­beit auf dem Feld sind sie ge­wohnt.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0505 max

Er­satz­wahl in den Stadt­rat: Vor­ent­scheid fällt an SP-No­mi­na­ti­ons­ver­samm­lung

Am 29. Ok­to­ber ent­schei­det die SP der Stadt St.Gal­len, wen sie in die Er­satz­wahl um den Stadt­rats­sitz von Pe­ter Jans schickt. Was ur­sprüng­lich wie ei­ne For­ma­li­tät aus­sah, hat sich zu ei­nem span­nen­den Ren­nen ent­wi­ckelt. Mit of­fe­nem Aus­gang.

Von Reto Voneschen,
2026 Stadtrat Collage farbig