Nachtleben ist das andere Leben für die Einen und das alltägliche Leben für die Anderen. In der Nacht sind Profis unterwegs und Laien, Anbieterinnen und Konsumentinnen, Grossverdiener und Ausgebeutete, Getarnte und Uniformierte. Das Nachtleben wird gesucht und gefürchtet. Die Einen drängt es hin, die Anderen entkommen ihm nicht, die Dritten betrachten es am liebsten aus der Distanz.
Wie ist diese Bandbreite in einer Ausstellung zu bewältigen? Ein Ansatz könnte sich bevorzugten Orten widmen: von Clubs über Grünzonen bis zu Parkplätzen. Auch eine Untersuchung politischer und gesellschaftlicher Ausgangslagen böte reichlich Stoff und die einzelnen Szenen sowieso.
Angesichts der kaum zu überblickenden Heterogenität des Themas und der vielen möglichen Herangehensweisen wählt das Fotomuseum eine schlüssige Präsentationsvariante. Gezeigt werden fünf künstlerische Positionen in fünf Räumen. Damit erhebt «Because the Night» keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern lenkt die Aufmerksamkeit auf die künstlerischen Zugänge. Jeder einzelne davon erhält sein eigenes Gewicht und kann in sich geschlossen betrachtet werden.
Because the Night: bis 16. Februar, Fotomuseum Winterthur
11. Januar, 16 Uhr: Gespräch mit Andy Mösch vom Kraftfeld Winterthur über Clubkultur, Stadt- und Nachtleben
29. Januar, 19 Uhr: Gespräch mit Anna Rosenwasser, LGBT-Aktivistin, über queere Partys und die Wichtigkeit von sicheren Orten in der Nacht.
fotomuseum.ch
Verletzte Bilder
Überschneidungen und Unterschiede treten dennoch rasch zutage: Wenig überraschend ist die Grenze zwischen dokumentarischer und künstlerischer Fotografie längst aufgeweicht oder sogar gänzlich verschwunden. Wichtiger ist die persönliche Nähe zum Sujet: Wer sich dem Nachtleben nähert, wird es als Aussenstehende oder Aussenstehender schwerer haben, ein schlüssiges Bild zu erhalten. Wie sehr sich jedoch die Person hinter der Kamera den Menschen vor der Kamera nähert, wie eng sie selbst mit dem porträtierten Nachtleben verschmilzt, ist durchaus unterschiedlich und kann sich während eines länger dauernden Fotoprojektes auch ändern.
So lernte die Belgierin Bieke Depoorter ihre Protagonistin vor zwei Jahren in einer Stripteasebar kennen und fotografiert sie bis heute. Depoorter hat die Position der unbeteiligten Beobachterin längst verlassen. Das Anschauen ist ein gegenseitiger Akt geworden und die Anziehungskraft wirkt in beide Richtungen. Vom informell stattfindenden Dialog zwischen beiden Frauen erzählen auch die persönlichen, auf die Wand des Fotomuseums geschriebenen Notizen der Fotografierten.
Noch enger involviert in das von ihm selbst gezeigte Nachtleben ist Thembinkosi Hlatshwayo. Der Südafrikaner ist in einem sogenannten Shebeen, einer illegalen Kneipe, in Johannesburg aufgewachsen. Nacht für Nacht hat er erlebt, wie hoher Alkoholkonsum und unsichere soziale Bedingungen in Brutalität und Verwahrlosung münden.
Thembinkosi Hlatshwayo: aus der Serie Slaghuis, 2018
Seine Bilder zeigen weder Taten noch Handelnde, sondern die Flecken, Lachen, Brandspuren, Schnitte, die zerbrochenen Flaschen und Subjekte. Die Fotos selbst sind verletzt, tragen Spuren von Händen, Werkzeugen, Klebstoff und liefern einen subtilen, aber nichtsdestotrotz drastischen Eindruck der Atmosphäre des Ausgeliefertseins und der Not.
London, Rio, Kiew
Auch Georg Gatsas hat in Südafrika fotografiert, das Fotomuseum stellt jedoch seinen Londoner Werkzyklus Signal the Future aus dem Jahr 2009 aus. Dieser steht prototypisch für den Zugang des Ostschweizers zum Nachtleben. Seit Jahren taucht er in subkulturelle Musikszenen ein und porträtiert einerseits die dort Aktiven und hält andererseits die Stimmung in den Clubs wie auch in den Strassen davor fest.
Georg Gatsas: Dancers, 2009
Er erweist sich als aufmerksamer Beobachter von Chara teren ebenso wie als Chronist urbaner Veränderungen. Seine analogen Fotografien sind in der Ausstellung gekonnt inszeniert, Gatsas wechselt zwischen Farbe und Schwarzweiss, mittleren und riesigen Formaten und Präsentationen gerahmt oder auf silberfarbene Wände tapeziert.
Mit Videos von Bárbara Wagner und Benjamin de Burca und den Fotografien von Tobias Zielony wird der Bogen geografisch und inhaltlich noch weiter gespannt. Die Einen inszenieren die brasilianische Popmusikbewegung Brega, der Andere fotografiert die Queer- und Techno-Szene in Kiew.
Ein Motiv aus dieser Serie wurde für das Plakat ausgewählt. Gemeinsam mit dem Titel von Patti Smiths Song Because the Night lässt der maskierte Brillenträger viel mehr offen, als er verrät – Suggestion ist eben eines der zentralen Motive des Nachtlebens.
Tobias Zielony: Mask, aus der Serie Maskirovka, 2017
Dieser Beitrag erschien im Januarheft von Saiten.
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